Märchenhaft: Wie Stuttgart 21 anfing und endete
27.01.12 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Marginalien, Satire)
Wenn es nichts mehr zu lachen gibt, kann man immer noch versuchen, gegen den realen Irrsinn anzulachen. Ein satirisches Märchen kann dabei vielleicht helfen.
Es waren einmal ein paar schwäbische Honoratioren. Sie kannten sich seit Jahrzehnten, liebten Wein, Weib, aber keinen Gesang. Denn böse Menschen haben keine Lieder. Sie wählten schon ihr Leben lang CDU, weil sie etwas verändern wollten und fuhren einen Daimler ohne Kofferraumdeckelbeschriftung. Denn niemand sollte erkennen, ob es eine S- oder E-Klasse wäre und wieviel Hubraum das bescheidene Sonntagsgefährt hatte. Während der Woche nahmen sie den kleinen Diesel – sofern sie überhaupt noch selbst fahren mussten.
Die Honoratioren hatten sich wieder einmal im Weinberghäusl etwas an Acolon berauscht, weil der preiswert war und trotzdem ein wenig französisch schmeckte. Im Grunde ihres Herzens waren es schlichte Menschen, die einfach gute Geschäfte machen wollten und wussten, dass sie sich auf CDU, FDP, IHK, Landräte und Bürgermeister verlassen konnten. Denn es galt ja, voneinander zu profitieren und die Zukunft zu gestalten. Die eigene jedenfalls, wegen der Kinder. Denn die sollten es einmal besser haben. Und noch ein Cabrio dazu, denn es würde ja heißer werden wegen der Umwelt.
Berauscht, wie sie waren, planten sie, die Welt zu verändern. Diesmal sollte es Stuttgart sein. Eine Stadt, die schon das schönste Rathaus und den elegantesten Marktplatz Europas hatte, die breitesten Straßen und die meisten Ampelblitzer. Ein kleines Zugeständnis an das pietistische Weltbild der Bewohner, die nicht nur ihr Auto liebten, sondern auch die soziale und polizeiliche Kontrolle, sofern sie einen selbst nicht traf.
„Seyd ihr scho mal mitm Heligoppdr gfloga?“, fragte der, dem es schon Gewohnheit geworden war. „Oimol, aber scho lang här“, sagte der Eine, und der Andere guckte etwas skeptisch. Schon bald schwebten sie über Stuttgart, ergötzten sich ob der breiten Straßen für den neuen Panamera und der Brache am Bahnhof, wo später einmal die neue Bibliothek stehen sollte. Fernab aller Menschen, aber nah genug an den breiten Straßenschneisen. „Biecher sind die Zukunft“, rief der Eine aus, der noch das altsprachliche Gymnasium besucht hatte und noch nichts vom Telefon ohne Kabel dran und vom Internetz gehört hatte. Der Andere liebte den Geruch von frischem Beton, weil sein Vater Betonfacharbeiter gewesen war und er seine Lehre hatte abbrechen müssen wegen der Parteikarriere. „Des alde Bahnhofsglomp muss weg“, sagte einer, der weder Deutsch, Schwäbisch noch Englisch konnte. „Mai näue Fraindin wär fir a greeßeres Aikaufszentrumm mittem Houfe Parkpletz. Das ischt bequäm fier die Menschen von unserer Landeshauptschdadd.“ „Ond dr Luigi, wo der Scheff vo maim Idaliener isch, hot gsait, är tät oin kenna, wo a baar hondert Milliona naistecka tät, oiner vo weidr onda in Italie“, sagte der Andere, bei dem man nicht sicher heraushören konnte, ob er von der Alb kam. „Subba, däs wird gmacht. I ben eh scho hundert Johr nimme Zug gfahre. Seyd däm Mähdorn klappt jo nix meh bey dehna“, sekundierte der Dritte. Es können aber auch vier gewesen sein.
Und so kam es, dass der Kopfbahnhof weg musste. Denn Bauen ist Fortschritt, und wie viel Talent die Stuttgarter in dieser Hinsicht besaßen, hatten sie ja schon bewiesen, als sie ihre Königstraße zur einzigen Einkaufszone des Landes machten, in der man ab 18.30 Uhr ganz allein flanieren konnte. Ganz sicher in Begleitung einer Mauser oder einem unauffälligem Produkt von Heckler & Koch im Kittel oder Handtäschle.
Die Pläne für den neuen Bahnhof lagen noch in der Schublade, erinnerte sich einer der Unternehmungslustigen. Er hatte da mal was auf dem Schreibtisch gehabt. Ein alter Professor, der niemals Zeit gehabt hatte, eine Märklinbahn mit vielen Tunneln zu bauen, hatte mal einen Plan gezeichnet, der doch irgendwie zu gebrauchen sein musste. Denn das neue Bahnhöfle sollte unter den Boden, um das Gleisfeld den Baulöwen als Filetstück zu servieren. Schade nur, dass die Deutsche Bahn AG damals kein Interesse gezeigt hatte.
Das hatte sich erst geändert, als die Stadt Stuttgart der Deutschen Bahn das Grundstück für hunderte Millionen abkaufte, das sie einst der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahn ausgeliehen hatte und das ihr wohl noch gehörte. Hei, das gefiel nun den Bahn-Oberen, die von der Welt AG träumten und in der Mongolei und Absurdistan so gern investierten! Warum denn nicht auch in Stuttgart, wenn es keinen Pfennig kostete und man an den Planungskosten kräftig verdienen konnte? Da man den letzten Welt-AG-Träumer nach einem fröhlichen Bad in römischen Brunnen zu feuern gedachte und er keine Verwendung mehr für seinen Fusions- und Fusionstrennungshelfer hatte, machte man Letzteren zum neuen Bahnchef. Vielleicht auch, weil sein Familienname so gut passte. Ehrgeizig, wie er war, würde er schon genug Schneid haben, das Milliardenprojekt straff durchzuziehen. Zumal es das einzige Großprojekt der Erde war, das niemals teurer als geplant werden sollte. Ein perpetuum mobile irgendwie, nur anders. Jedenfalls saugut und rundum genial!
Listig, wie der Obstbauernsohn aus dem hohen Norden gelegentlich sein konnte, stellte er eine Bedingung: „Der Bahnhofsturm bleibt stehen! Er soll alle an meinen letzten Arbeitgeber erinnern, dem ich mich weiterhin verpflichtet fühle. Denn die Autoindustrie ist das Wichtigste, was wir in Deutschland haben.“
So sprach er, denn er wusste nicht, dass die Bahnindustrie und die Bahnunternehmen nicht viel weniger Mitarbeiter haben als die ganze Autoindustrie. Und weil die Beerdigung eines Bahnhofs ein heikles Unterfangen war und es unter den Augen der pfennigfuchsenden Schwaben nicht leicht werden würde, so viele Milliarden herauszulocken, suchten die Beamten, Unternehmer und Parteifreunde einen Architekten nicht rund um Stuttgart, wo Planer von Weltgeltung zuhause waren. Der Bahnhof an sich, eine Senkgrube mit wenigen Gleisen, war ja kein Hexenwerk. Eher ein langweiliger Ingenieurbau, den auch ein junger Absolvent planen konnte. Zwar wusste man schon von Heilwässern und gewaltigen Grundwasserströmen, die unter dem Bahnhof hindurchflossen. Aber die würde ein Betontechniker schon in den Griff bekommen. Hatte doch die Bauchemie bewiesen, dass sie mit Kunstharz auch üble Risse abdichten konnte, jedenfalls bis zum Ende der Gewährleistungsfrist.
Es kam aber auf einen schönen Deckel an, dafür brauchte man einen findigen Stararchitekten. Jedenfalls einen, den man mit diesem Attribut den misstrauischen und gleichermaßen leichtgläubigen Schwaben verkaufen konnte. „Mir brauchet oina, där wo Hochdeutsch kann“, sagte jener, der immerhin „Stuttgart 21“ als Projektnamen erfunden hatte. „Ond en Blender“, warf ein anderer weltmännisch ein, „des isch hoikel mit so aim Immobilieprojekt.“ „Aber wo findä mr so’n Schpetzialischt?“, fragte der, der nach einem Frauenhygieneprodukt benannt wurde. „In Disseldorf!“, triumphierte der Unternehmer, der hin und wieder die gleichgroße, aber weit mondäner wirkende Großstadt am Rhein besucht hatte, in der die Frauen immer Sonnenbrillen trugen, größer und in der Regel hübscher waren, sich elegant zu kleiden wussten und ihren Pelz nicht im Daimler versteckten, sondern selbstbewusst im Porsche Cabrio, Ferrari, Bentley oder SLK vorzeigten, den sie ebenso selbstverständlich selbst lenken durften. Hummer fuhr man hier nicht, man aß ihn gelegentlich im Hummerstübchen bei einem Glas Champagner irgendeiner Witwe. Nicht alles waren Gattinnen hart arbeitender Banker und Vorstandsvorsitzenden. Hart arbeiten und hart feiern gehörte in Düsseldorf seit jeher zur Tradition wie in Stuttgart auch, nur dass man in Stuttgart eher gar nicht oder nur im Verborgenen feierte. Es könnte ja jemand zugucken.
Der Architekt war in Düsseldorf schnell gefunden. Er beherrschte das Blenden wie kein Zweiter. Denn die Düsseldorfer können wirklich alles und reißen die Stadt für eine U-Bahn auf und fällen Bäume, ohne dass jemand dagegen protestierte. Der große Rheinländer präsentierte also Zeichnungen, die nur ein junger Künstler an der Düsseldorfer Kunstakademie entworfen haben konnte, so licht und luftig waren sie. Doch ein Tropenhaus hatte man schon in der Wilhelma und so kam es, dass ein Sargdeckel entworfen werden sollte, dem man seine Form nicht ansah. Rasch präsentierte der beredte Düsseldorfer Durchblicke zu alten Bäumen und ein paar Krötenaugen, die ihm ein anderer Bauherr schon Jahre zuvor als 70er-Jahre-Scheiß um die Ohren gehauen hatte, weil die Universität Konstanz voll davon war. Doch die wenig gereisten Stuttgarter Honoratioren, die Eliteuniversitäten – wann immer möglich – gemieden hatten, verliebten sich in die Krötenaugen und das Versprechen, dass die ein- und ausfahrenden Züge das Raumklima so gut regeln würden, dass kein unnötiges Kilowatt verschwendet werden würde. Denn die schlaue DB Station & Service AG, die für jeden einfahrenden Zug ein erkleckliches Sümmlein kassierte und in die eigene Tasche wirtschaftete statt zu investieren, hatte zur Bedingung gemacht, dass die Stadt die Betriebskosten auf hundert Jahre tragen müsse. Schließlich schenke die Deutsche Bahn ja den Bürgern diesen einzigartigen Bahnhof von Weltgeltung, da müsse man schon ein wenig Entgegenkommen erwarten.
„Gut“, sagten das Oberbürgermeisterlein und jene Gemeinderäte, die sich für schlau hielten. „Am Tag haben wir ja die Lichtaugen, da sparen wir uns den Strom fürs Licht. Und bei Nacht ist es ja sowieso dunkel. Aber weil die Züge beleuchtet sind und das Licht bei der Bahn noch ganz gut funktioniert, brauchen wir gar keine Beleuchtung mehr. Wenn alle 90 Sekunden ein Zug einfährt, ist es immer irgendwo hell.“ Das musste reichen, denn eigentlich waren sie keine Freunde des Bahnfahrens. Wie sie überhaupt keine Menschenfreunde waren, denn ihre Amtspflichten nutzten sie seit alters her am liebsten, um sich selbst oder guten Freunden Geschäfte zuzuschustern. Warum sonst sollte man sich die schlecht bezahlten Sitzungsstunden um die Ohren schlagen? Zumal selbst gut bezahlte Beamte nicht ausschlugen, dem einen oder anderen Bauunternehmen beratend und in anderer Weise hilfreich zur Seite stehen zu wollen.
In den gemütlichen Redaktionsstuben würde sowieso keinem auffallen, dass der Jenseits-Bahnhof eigentlich ein Immobilienprojekt war, eine Baulandgewinnung unter Freunden. „Lasst uns in Ruhe, dann wollen wir von euch nichts. Nur ausführliche Pressemitteilungen müsst ihr uns schicken, sonst haben wir nichts zu schreiben“, hieß es unisono von den Fildern und den anderen warmen Redakteursstuben in der pflegmatischen Stadt. „Jene, die in der Redaktion gegen den Fortschritt der Bauwirtschaft sind und nach Feierabend arbeiten wollen, bringen wir schon noch zur Raison.“ Die Redakteure waren schon lange nicht mehr in die Innenstadt gekommen. Rund um Stuttgart kaufte man billiger ein, die Parkplätze waren breiter und kosteten nichts. Und auch die Kneipen waren einladender. Was sollte an einem Bahnhof überhaupt interessant sein? „Stuttgart 21 ist die Zukunft, wir werden das Herz Europas!“, hatte ihnen einer zugerufen. Nicht schlecht, denn weil sie sich lange wie der Arsch und unbeachtet gefühlt hatten trotz ihrer technisches Spitzenleistungen und ihres Fleißes, so klang es wie ein Aufstieg. Wenn sie schon nimmermehr der Kopf Europas sein konnten, so wollten sie doch gern das Herz sein. Egal, wie kalt es auch sein mochte.
Die weitere Geschichte ist rasch erzählt. Als jene Bürger auf die Barrikaden gingen, die sich Sorgen um ihre Stadt machten, den Schloßgarten und das milliardenteure Projekt, das sie mitbezahlen sollten, passierte nicht viel. Unterschriftenlisten wurden verworfen, und weil das bestgeplante Projekt der Erde irgendwie nicht vorangehen wollte und die Bürger montags gegen Stuttgart 21 demonstrierten, zeigte der Mann aus dem hohen Norden, der den Vornamen Bahnchef geerbt hatte, ein einziges Mal Entschlusskraft: Er riss den Nordflügel ab.
Und weil es immer noch Widerspenstige unter den Bürgern des Landes gab, erzählte man ihnen und den staunenden Journalisten etwas von Paris und Bratislava. Auf diese Idee war ein Mitglied der Jungen Union gekommen, der Saint-Exupéry gelesen hatte: „Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.“
Bratislava! Das hatte man in Stuttgart noch nie gehört. Ein Wort, das Sehnsüchte nach der Ferne weckte, geheimnisvoll und exotisch klang! In Paris waren dagegen schon einige gewesen, wenn auch in Uniform. Hatte ihnen nicht einer der wenigen Aufsteiger, die es in andere Großstädte und den Helikopter geschafft hatten, erzählt, dass westlich davon keine Menschen mehr lebten und nur Kühe die Wiesen bevölkerten? Sie glaubten es gern, weil man in Stuttgart noch an Autoritäten glaubte, denn die sagten immer die Wahrheit oder wussten zumindest immer, was man zu denken hatte. So lebte es sich leichter.
Den Belesenen von eben aber warfen die Herren der Jungen Union ganz unchristlich aus dem Verein, weil sie keinen ohne Mensur und schon gar keinen Intellektuellen in ihren Reihen haben wollten. Er schreibt nun dicke Bücher und nennt sich Philosoph. Manchmal sieht man ihn im Eingangbereich des Bücherknasts sinnend an der Zentralpfütze kauern.
Es dauerte noch viele Jahre, bis der neue Bahnhof fertig war. Brot und Spiele sollten das Volk davon überzeugen, dass kein Mensch die Absicht habe, einen vernünftigen Bahnhof zu bauen, weil man ihn ja schon hatte und die Altvorderen noch wussten, wie Bahnbetrieb funktioniert. So holte man den alten Fuchs aus der Versenkung, dessen Worte kurz wie Peitschenhiebe klangen. Auch Phoenix, der Sender für abgelegte Moderatoren, und die Bürgerjournalisten von Flügel.tv und Cams21 sendeten, was das Zeug hielt. Nur der SWR sendete gar nicht, weil Eisenbahnen dort generell als romantisch und von gestern bekannt sind und es keinen Reiseveranstalter gibt, der Sonderzüge nach Bratislava fahren will. Als die Redakteure dieses Städtchen nicht in Baden-Württemberg fanden, erachteten sie das Thema erst recht als nicht relevant. Berichte über Montagsdemonstrationen lehnten sie schon deshalb ab, weil sie Wert auf einen pünktlichen Feierabend legten. Dafür gab es dpa, und die kopierten ja schon alles, was ihnen die Polizei und die Bahn als Pressemitteilung schickten. Das musste für das gebührenzahlende Volk genügen. Schließlich hatte man den Journalismus nicht erfunden und war jahrzehntelang ohne ihn ausgekommen. Zumal man in der Villa Reitzenstein und im Polizeipräsidium eine loyale Berichterstattung für selbstverständlich hielt. „Sie wissen, was ich von Ihnen erwarte“, hatte ihnen ein Herr mit dem Hang zu Alleingängen einmal mit funkelnden Augen gesagt, und das ließ man sich in Stuttgart nicht zweimal sagen.
Die Geißler-Show hatte wie eine Geisterbahnfahrt gewirkt, in der Professoren Experten zu mimen versuchten und doch zeigten, dass sie vieles nicht durchdacht hatten und immer optimistisch waren. Widerlegtes tauchte beim nächsten Mal so obstinat auf wie der spät entdeckte Käfer und sein Gegenstück mit ähnlichem Namen. Als die Zuschauerquälshow schließlich mit einer Schaueinlage endete, interessierte sich niemand mehr für das erfundene Ergebnis. Warum auch: Schließlich hatten finstere Mächte den Bahnchef gezwungen zu bauen. Er konnte gar nicht anders, der arme Tropf!
Die Grünen zogen, als Dank für die gewonnene Landtagswahl, eine Volksabstimmung durch und nahmen das als Ausrede, den Irrsinn bis zu 900 Millionen Steuerverschwendung zu legitimieren, das Projekt als „von der Bevölkerung gewollt“ hinzustellen und das Politikmachen achselzuckend zu beenden. Was kümmerten da gesunder Menschenverstand, die unerlaubte Mischfinanzierung, technische Probleme, Schräglage, mangelnde Brandvorsorge, geringere Kapazität und geschönte Baukosten? Wie viel glanzvoller war doch das Elektroauto, wie viel wichtiger ordentliche Straßen, die die Autolobby vergessen hatte durchzusetzen in Jahrzehnten des Filzes. Denn wer einst durch die Dörfer schlich, könne das künftig elektrisch tun und fast geräuschlos. Die SPD machte derweil CDU-Politik. Denn sie wollten Freunde werden, sofern sie es nicht schon waren. Wie sonst auch leistete sich ein SPD-Innenminister einen CDU-Polizeichef?
Die Stuttgart-21-Freunde investierten noch einmal ein paar Millionen in die Propaganda, nachdem man die alten Wasserwerfer und die neue Kampfausrüstung der Polizei erfolgreich ausprobiert hatte. Das zerstörte Vertrauen in den Rechtsstaat bei Schülern und Rentnern musste man als Nebeneffekt in Kauf nehmen, und die Staatsanwaltschaft tat alles, dieses Gefühl zu manifestieren. Dann richtete die Deutsche Bahn ein Grundwassermanagement ein, das illegal war. Später fiel auch der Südflügel des denkmalgeschützten Bahnhofs, dann die Bäume im Park. Die Zerstörung, Teil 1 der Bauprojekts, war getan.
Doch niemand fand sich für das Technikgebäude und den Bahnhofstrog, auch nach der zweiten Ausschreibung nicht. 2014 konnten Züge nur noch mit Polizeischutz einfahren. 2016 bot die DB bot die SchuttCard als kombinierten Passierschein und Rabattkarte für die verödete und von starken Polizeikräften bewachte Königstraße an. Der stark zurückgegangene Bahnverkehr wurde mit Subventionen des Landes etwas angekurbelt, für 9 Euro kam man von überall ins stickige und staubige Stuttgart. “Die Staublunge Europas” lästerte bereits der Spiegel auf der Titelseite.
Nichts ging voran bei der Strecke zu den Fildern, das Planfeststellungsverfahren klemmte auch 2020 noch. Und weil man nach Probebohrungen festgestellt hatte, dass der Tunnelbau rund um Stuttgart, wie von den Gegnern behauptet, tatsächlich gefährlich war, der Milliarden Liter spuckende Nesenbach den Bahnhofstrog zerstören und die Bahnhofshalle und den Turm ins Rutschen bringen könnte, zeigte die Deutsche Bahn wieder einmal wirtschaftliche Vernunft. Sie stellte den de facto niemals begonnenen Bau endgültig ein, nachdem die Landesregierung die Hälfte der angefallenen „Baukosten“ von inzwischen 9 Mrd. Euro übernommen hatte.
Im Schlossgarten, den die von der SPD geführte rotgrüne Landesregierung 2012 entwidmet hatte, betreibt DB Bahnpark nun erfolgreich einen Großparkplatz. Unter der neuen schwarzroten Landesregierung wurden der Nord- und der Südflügel in Stahlskelettbauweise mit Glasfassaden wieder aufgebaut. ECE betreibt die Läden und das Hotel darin, die DB Station & Service AG verdient gut daran. Die Stadt Stuttgart hat für 200 Millionen Euro die arg heruntergekommene Bahnhofshalle saniert und ist völlig überschuldet. Die Bevölkerungszahl hat sich halbiert. Im Gebäude der nach der Pleite aufgelösten LBBW arbeitet ein Logistikunternehmen, das die wenig genutzten Gleise am Kopfbahnhof für den schnellen Schienengüterverkehr nutzt.
DB Projektbau China plant auf dem Großparkplatz den höchsten Wohnturm Europas, meldet der verbliebene Redakteur der Stuttgarter Zeitung online. Die Papierausgabe wurde wegen des Leserschwunds schon lange eingestellt. Das Hochhaus soll Schlossgartenresidenz 3000 heißen und preiswerte Appartements (30 €/qm), ein Höhenrestaurant und eine kleine Sternwarte enthalten. Auf der Turmspitze in 400 Meter Höhe wird der Mercedes-Stern mit den drei Schriftzeichen in den Dreiecken leuchten. Die chinesischen Investoren bei Daimler und der Deutschen Bahn wollen es so, zumal der Bahnhofsturm durch die Grundwasserabsenkung 2013 in Schieflage kam. Auch der Bücherknast zeigt bereits heftige Bauschäden wegen des Sumpfgebiets darunter. Der Hochhausbau wird von den Investoren als „gut beherrschbar“ bezeichnet.
Im neuen Kopfbahnhof 2500 erinnert nur ein schmaler Gang mit einem japanischen Steingarten an Stuttgart 21. Der Architekt hatte den am japanischen Tempel in Düsseldorf gesehen und zur Tarnung des Bahnhofs-Sargdeckels, der ein wenig an Tschernobyl erinnerte, empfohlen. „Wenn die Garten hören, sind die doch zufrieden. Man muss denen doch nicht sagen, dass er aus Stein ist“, soll er damals gesagt haben.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so planen sie schon weiter.
Lange schallt’s in Stuttgart noch:
Lobbyismus lebe hoch!
(Diese Geschichte ist frei erfunden und hat rein gar nichts mit der Realität zu tun. Und wenn, dann wäre es blanker Zufall wie alles in Stuttgart.)






