Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn hat entschieden, dass 2 Mrd. € mehr für den Untergrundbahnhof Stuttgart 21 bereitgestellt wird. Die Zeitungen melden, es würde weitergebaut und der Bahnhof etwas später, 2024 fertig. Ach wirklich?
(Erst) seit 2010 beschäftige ich mich intensiv mit Stuttgart 21 und habe mir lange die Finger wund geschrieben – auch mit dem Ziel, etwas gegen dieses Wahnsinnsprojekt zu unternehmen, das noch Generationen belasten wird. Wenn ich etwas dabei gelernt habe, ist es: Journalisten sind Deppen.
Das gilt natürlich nicht so pauschal, und es hängt vom redaktionellen Umfeld ab, wie hoch der Anteil der Deppen ist. Aber es gibt sie, reichlich.
Ich könnte es auch vornehmer formulieren: Ein nicht unerheblicher Anteil von Journalisten bzw. Redakteuren ist nicht in der Lage, Informationen zu verstehen, zu verarbeiten, zu bewerten und mit kritischer Distanz zu präsentieren. Besonders hoch scheint mir der Anteil in den Politik- und Wirtschaftsressorts zu sein, wo eine Vielzahl von Themen zu verarbeiten sind. Und weil es an Fachwissen, Interesse und gewiss auch manchmal an Zeit für Recherche fehlt, beschreiben die lieben Kollegen, vor denen ich nicht mehr den geringsten Respekt habe, Politik lieber wie ein Fußballspiel: Da gibt es Gewinner, Verlierer, Tore und Eigentore, Steilpässe, Fowls, Tränen, dumme Sprüche, Tabellenpunkte und als Finale eine Bundestags- oder Landtagswahl.
Da ist es dann auch interessanter, wer aus welchem Grund eine Formulierung am Armutsbericht geändert hat, als hinzuschauen, wie die Armut in Deutschland aussieht. Tratsch und Klatsch statt Recherche und Information. Man sonnt sich im fahlen Licht der Politiker und fühlt sich gut, ihnen nahezustehen (ich spreche aus Erfahrung, vor 20 Jahren). Wer sich im Dunstkreis der Macht bewegt, hat immer was zum Tratschen und Spekulieren. Und den Rest liefert die Nachrichtenagentur, die per copy & paste Pressemitteilungen aus Politik und Industrie übernimmt. Ungeprüft, versteht sich. Es muss ja schnell gehen.
Mit Journalismus hat das nichts zu tun. Und so sind Redakteure nur noch überwiegend von PR-Agenturen, Wirtschaftslobbyisten und politischen spin doctors ferngesteuerte Seitenfüller, die Gleiches mit den gleichen Bildern präsentieren und sich bestenfalls durch eine andere Überschrift von anderen Redakteuren abheben.
So überrascht es nicht, dass die Medien gestern unisono meldeten: Stuttgart 21 wird “weitergebaut” und “2024 fertig”.
Das zeugt von ausgeprägter Naivität.
Kann man etwas “weiterbauen”, was noch gar nicht angefangen wurde und was zum größten Teil noch nicht einmal genehmigt und durchgeplant ist?
Können 60 km Tunnel in geologisch schwierigstem Gebiet binnen zehn Jahren gebohrt, ausgebaut und in Betrieb genommen werden?
Sind die brandschutztechnischen Probleme geklärt? Wurde der unterirdische Bahnhof schon entsprechend neu konstruiert?
Ist die Mischfinanzierung legal?
Wieso wurden angeblich schon drei bis vier Mal je die Hälfte der Bauaufträge vergeben und an wen? Wer ist schon insolvent? Wer hat Geld erhalten?
Hat die Bundesregierung Subventionsbetrug bei der EU begangen, weil der geplante Bahnhof definitiv ein massiver Rückbau ist?
Kann man ohne Unterfahrrechte Tunnel bohren? Nein. (Nur mal so als Recherchetipp!)
Was sind die Betriebskosten von 60 km Tunnel und einem sich angeblich selbst klimatisierenden (was selbstredend leeres Architektengeschwätz ist) Untergrundbahnhof ohne Rettungswege?
(Hier bitte die 200 weiteren ungeklärten Probleme und fehlenden Genehmigungen einsetzen.)
(Hier bitte die Profiteure und Treiber des Projekts S21 einsetzen.)
(Hier bitte die geschätzten Projektkosten der DB einsetzen und aus Realismus für die tatsächlichen Kosten mal 3 oder mal 4 nehmen.)
Außer einem vernichteten Park, dem entstellten Rosensteinpark, zwei abgebrochenen Bahnhofsflügeln, zerstörten Bahnsteigdächern und verlängerten Bahnsteigen ist nichts passiert. Eine Untersuchungsgrube wurde gegraben, ein paar Wasserrohre verlegt, Probebohrungen vorgenommen und probeweise ein paar Rammschläge ausgeführt. Das sind BAUVORBEREITUNGEN, aber kein BAU, Kollegen! Es gibt keine Fundamente, kein Wassermanagement, nur eine Aussichtslos-Plattform in der Schlossgartenbrache.
Holger Gayer, Lokalchef der Stuttgarter Zeitung, fehlt es an logischem Denkvermögen, wenn er herleitet, dass S21 zwar jede Menge Risiken enthält, dass Stadt und Land jetzt aber brav mitmachen müssen beim Milliarden aus dem Fenster schmeißen: “Gleichwohl ist es nun höchste Zeit, dass sich die Verantwortlichen in Stadt und Land an ihren Amtseid erinnern. Darin verpflichten sie sich, Schaden vom Volk abzuwenden. Nach der Entscheidung des Bahn-Aufsichtsrats heißt das konkret, dass auch die anderen Projektpartner alles dafür tun müssen, den Tiefbahnhof möglichst sicher und möglichst kostengünstig zu bauen.” Na klar, wir wissen ja, dass man 2007 noch von 2,8 Mrd. € redete und Billigbau die Lösung ist.
“Es stimmt: Auch ein Baustopp würde teuer werden, vielleicht sogar teurer als der Weiterbau, sagt die Bahn.” Das schreibt Alexandra Endres in der ZEIT und hinterfragt nicht die Ausstiegskosten der DB, die nirgendwo belegt und schon gar nicht nachprüfbar sind. Vor zwei Jahren waren es noch frei erfundene 1,5 Mrd., jetzt eben 2 Mrd. €. Einfach so. Sie findet die windige, grenzdebile Lösung eines Heiner Geißler bedenkenswert, der einen Kombibahnhof aus dem Hut zog, der in Wirklichkeit alle Eigenschaften des Blödsinnsprojekts S21 hat und vollkommen überflüssig ist. Immerhin zieht sie richtige Schlüsse: “Dennoch ist es ein Skandal, dass nun einfach weitergebaut wird, als sei nichts geschehen. Seit Monaten verweigern sich Bahn und Politik einer öffentlichen Debatte über den Sinn des Tiefbahnhofs.” Leider haben die Redakteure der selbsternannten Qualitätsmedien (von Arno Luik, Thomas Wüpper und zwei, drei anderen einmal abgesehen) nichts dazu beigetragen, nach dem Sinn, den Profiteuren und Strippenziehern von Stuttgart 21 zu forschen. Und wenn der S21-Agitprop-Bauftragte Dietrich noch vor wenigen Wochen sagte, dass S21 auf jeden Fall 2021 fertig wird, haben sie es brav aufgeschrieben. Wie bedenklich S21 in Wirklichkeit ist, liest man bei Bloggern, Juristen und Ingenieuren. Doch Redakteure lesen dort nicht, weil sie sich nicht für Details interessieren und sie Technik, Geologie und Eisenbahnterminologie nur spannend finden, wenn sie von Apple, Mercedes-Benz oder Bugatti stammen.
Nico Fried von den Süddeutschen Zeitung kommt zwar zu dem richtigen Schluss, dass der Steuerzahler der Dumme bei dem Gezerre um S21 ist. Aber am Ende hapert es dann wie bei Gayer an der logischen Schlussfolgerung: “Trotz aller dieser Abwägungen gilt eines auch: Es ist nun eine Entscheidung gefallen, klarer als erwartet. Und es ist, auch das muss festgehalten werden, zum wiederholten Male eine Entscheidung für Stuttgart 21 – also dasselbe Ergebnis wie über Jahrzehnte in Parlamenten, vor Gerichten, in der Schlichtung und beim Volksentscheid. Es ist jetzt nicht nur an der Zeit, dass die Bahn und die S21-Befürworter das Projekt sauber zu Ende bringen, sondern dass auch die Gegner, insbesondere in der Stuttgarter Politik, sich mal überlegen, ob es genügt, sich wiederholten Mehrheitsentscheiden nur widerwillig zu fügen.” Dass der Volksentscheid eine Farce war und das Quorum nicht ausreichte, zählt nicht. Hauptsache einen Kommentar geschrieben, was kümmern da die Fakten. “Qualitätsjournalismus”, wie er mir seit 2010 sauber aufstößt.
Tröstlich ist, dass nicht alle Journalisten Deppen sind und Hans Peter Schütz im Stern eine gute Analyse abliefert.
Gut auch dieser Kommentar in der taz.
Den zutreffendsten und kürzesten Kommentar hat gestern aber eine Schweizerin in Twitter geschrieben:

Exakt so wird es kommen. Und nicht die DB sondern wir, die Steuerzahler, werden die Ruine bezahlen. Denn wir kommen für die Pleiten des Staatsunternehmens DB auf. Immer.
Selbst die Deppen unter den Journalisten ahnen das bereits. Aber: Kammer nix machen, is halt so. Wegen Merkel.
Nächste Ausfahrt: Nach der Bundestagswahl. Und täuscht euch mal nicht über die Hartnäckigkeit der Schwaben!
Nachtrag 7.3.2013: Einer der dümmlichsten Kommentare, die ich je über Stuttgart 21 gehört und gelesen habe, kommt von Frank Wahlig, SWR-Redakteur beim ARD-Hauptstadtstudio. Eine Transkription findet sich hier, das Audio hier. Die primitive Ansammlung von Klischees ist derart grauenerregend, dass sie Stoff für jegliche Journalistenausbildung sein sollte.
Auszug: “Stuttgart 21 wird ein Bahnhof der neuen Generation für eine neue Generation. Deutschland zeigt, was es kann. Gegen den Widerstand der Grünen, die dabei sind (oder dabei waren), das zu bestimmen, was in Deutschland Fortschritt, was in Deutschland die Moderne ausmacht. Das ist politisch gar nicht zu unterschätzen.” Seine fortschrittsgläubige Diktion ist nicht nur seit 30 bis 40 Jahren überholt. Diesem Menschen fehlt offenbar jegliches Gefühl für die Realität, wenn er schreibt: “Stuttgart 21 ist ein Beispiel dafür, wie in anderen Städten Zukunft gebaut werden kann: Frankfurt, München, auch hier gibt es Pläne, die Geleise unter die Erde zu verlegen und Raum für Menschen zu gewinnen und den Städten einen Entwicklungsschub zu geben, wie es ihn seit dem späten 19. Jahrhundert nicht mehr gegeben hat. Damals wurden die “Kathedralen der Moderne” gebaut, die großen Bahnhöfe eben. Stuttgart 21 könnte zum sichtbaren Zeichen einer neuen deutschen Moderne werden!”
In Frankfurt wurden entsprechende Pläne schon längst begraben, in München sind sie auch kein Thema mehr. Aber das hat sich wohl noch nicht bis Berlin herumgesprochen.
Der Rest scheint mir von Daniel-Düsentrieb-Lektüre und optimistischen Zukunftsfantasien von ca. 1965 beeinflusst zu sein, wie wir im Jahr 2000 leben würden: Mit elektrisch betriebenen Gehwegen, Einschienenbahnen und Wohnungen auf dem Mond.
Kollege Wahlig, suchen Sie sich doch bitte einen Beruf, den Sie wenigstens ansatzweise beherrschen! Etwa als DB-S21-Projektsprecher, bei der FDP oder in der katholischen Kirche, wo man sich jeweils die Welt so macht, wie sie einem gut gefallen würde. Da ist alles so, wie Sie es sich vorstellen und wünschen.
Mit so einem unsäglichen Gefasel disqualifizieren Sie Ihre Kollegen in der ARD, die wenigstens ab und zu versuchen, sich mit der Realität in Stuttgart und in unserem Land zu beschäftigen und Entwicklungen zu analysieren.