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Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Das Faller-Häuschen brennt: Insolvenz!

28.08.09 (Modellbahn)

Faller-Katalog 2002 – 360 Seiten dick

Faller-Katalog aus besseren Zeiten – 360 Seiten dick

Die Gebr. Faller GmbH in Gütenbach hat heute Vormittag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenz angemeldet, meldet der Südkurier. Faller ist im Bereich der Modellbausätze gleichbedeutend mit dem, was Märklin für die Modelleisenbahn ist: eine weitere Ikone der deutschen Modelleisenbahnbranche mit dem Schwerpunkt auf Gebäude, aber auch mit selbstfahrenden Hightech-Miniautos und Rummelplatzzubehör. Das Faller-Häuschen etablierte sich im Sprachgebrauch ebenso wie Tempo-Taschentücher oder Weck-Glas.

Das Unternehmen, das 129 Mitarbeiter beschäftigt und 1,2 Millionen Bausätze pro Jahr produziert, kämpft schon länger mit finanziellen Problemen. 2007 trat das Unternehmen aus dem Arbeitgeberverband aus, um mit den Mitarbeitern individuelle Arbeitsverträge auszuhandeln. Die sehr hohen Kosten für den Formenbau bei abnehmenden Stückzahlen haben die Erlössituation schon lange zunehmend verschlechert. In den USA seit über zehn Jahren gängige Technologien wie das Lasern von Holz und Papier, bei dem sich schon dreistellige Stückzahlen lohnen und Modelle in verschiedenen Maßstäben mit geringstem Aufwand herstellbar sind, wurden erst gar nicht ausprobiert. Immerhin gehörte Faller zu denen, die Messepräsenz zeigten, mit witzigen technischen Neuheiten aufwarten konnten, eine ordentliche Öffentlichkeitsarbeit machten und eine originelle Website hatten. Auch wenn der liebevoll-selbstironische Slogan „Bei uns können Sie spielend Ihr Geld verdienen“ heute nicht mehr so charmant klingt.

Faller war offen und immer ansprechbar: Ganz im Gegensatz zu vielen anderen Firmen, bei denen man als Journalist in der Regel nicht nur auf der Spielwarenmesse Neuheiten einzeln abfragen musste, weil Pressemitteilungen, aktuelle Neuheitenblätter, regelmäßige E-Mails oder gar eine aktuelle Website unbekannt waren. Die Modellbahnbranche kämpft schon seit Jahren mit Umsatzrückgängen, ist aber auch sehenden Auges in die Krise geschlittert. Denn längst ist Modelleisenbahn Modellbau und kein Kinderspielzeug, sondern ein Hightech-Hobby für Erwachsene. Mangelnde Präsenz der Modellbahnhersteller in der Fläche, ausgedünnte Sortimente dieses hoch erklärungsbedürftigen Systems, nicht mehr angemessene Preise, zu kleine Serien und ein viel zu großes Angebot bei einer zunehmenden Zersplitterung der Hobbyinteressen haben den übersättigten Markt zum Kippen gebracht. Qualitätsmängel durch die teilweise nach China und Osteuropa verlagerte Produktion haben darüber hinaus auch treue Kunden nachhaltig verärgert. Dazu kam, speziell bei Märklin, eine Flut von Neuheiten und die Überflutung des nicht mehr so aufnahmefähigen Sammlermarkts. Ein altbackenes Marketing, mangelnde Kommunikation mit Kunden und Presse sowie Eifersüchteleien zwischen den allesamt mittelständischen bis sehr kleinen Herstellern verhinderten ein gemeinsames Vorgehen bei der Kundenneugewinnung. Kundenbindungsprogramme erschöpften sich in Hauszeitschriften und teuren Clubmitgliedschaften. Als nahezu einzige Branche verlangen die Modellbauanbieter viel Geld für die – zugegeben – aufwendigen und dicken Kataloge.

Jährliche Leitmessen fehlten, denn die Spielwarenmesse ist kein Aushängeschild mehr für die Modellbahnbranche. Stattdessen verzettelte sich die Branche bei viel zu vielen Regionalmessen. Spielwarenverbände setzten bei der wichtigen Modellbahnmesse in Köln, die viel an Relevanz verloren hat, sogar Verkaufsverbote durch – so würgt man spontane Kaufwünsche durch Dummheit ab! Denn in vielen Städten gibt es schon lange keine Modellbahnfachhändler mehr, zumal auch die Spielwarenläden die beratungsintensive Modellbahn abgestoßen haben oder sich das Verkaufsgespräch nicht selten auf folgenden Dialog beschränkt: „Ich hätte gern die Lok Baureihe XX von XY.“ „Was ist die Artikelnummer (man sucht sie sich dann aus dem Katalog heraus und sagt sie der Verkäuferin)?“ „Hamwer nicht da, müssten wir bestellen.“

Die Folgen sind offensichtlich: Märklin ist schon seit Februar 2009 insolvent, Kibri (Modellhäuser und Lastwagen) wurde an einen Branchenfremden verkauft, Fleischmann schlüpfte unter das Dach von Roco, Trix und LGB wurden von Märklin halbherzig übernommen.

Als Insider, der die Branche seit Jahrzehnten kennt, kann ich nur sagen: Die Insolvenzen sind nur in sehr geringem Maße die Folge der Rezession. Es ist die fast zwangsläufige Folge einer seit vielen Jahren erkennbaren Fehlentwicklung durch Managementfehler, eine mutwillig herbeigeführte Marktsättigung, wegsterbende ältere Käuferschichten, eine dilettantische Öffentlichkeitsarbeit und die fehlende Präsenz in der Fläche.

Zu Faller will sich Insolvenzverwalter Grube aus Stuttgart Anfang bis Mitte nächster Woche äußern, sobald er einen Überblick hat, erklärte mir eine Mitarbeiterin seines Büro auf Nachfrage.

Nachtrag: Es gibt auch noch Firmen in der Modelleisenbahnbranche, denen es gut geht und die ihre Nische gefunden haben. Die nach der Wende reprivatisierte Auhagen GmbH aus Marienberg im Erzgebirge konnte sich als ebenfalls Häuslebauer mit pfiffigen Produkten und Kundennähe im schrumpfenden Markt etablieren.

3 Kommentare

  • 1
    HaJoWolf:

    War das nicht schon längst abzusehen… Das komplette Management von FALLER besteht aus branchenfremden Juristen, BWLern und anderen Theoretikern ohne Kenntnisse, Erfahrungen oder Affinität zum Produkt oder zum Hobby Modellbahn. Die meisten „alten“ FALLER-Profis, die sich mit ihrer Fach- und Marktkenntnis nicht gegen Zahlenmenschen und Juristen durchsetzen konnten, sind inzwischen nicht mehr im Unternehmen. Die Produktlinie entfernt sich immer weiter vom Kundenwunsch, wichtige Produkte werden, weil sie nicht schnell genug drehen, abgekündigt und gestrichen, Neuheiten sind entweder Abklatsch alter Bausätze oder am Bedarf vorbei (wieviele Modellbahner bauen Epoche 6!?).

    Märklin und FALLER sind typische Beispiele für hausgemachte Insolvenzen durch Missmanagement. Natürlich ist der Markt schwierig, aber sich immer nur auf die „wegsterbenden“ Modellbahner zu berufen, ist genauso dumm wie falsch. Es bewahrheitet sich mal wieder: der Fisch stinkt immer am Kopf zuerst…

  • 2
    MikeLorbeer:

    Seid langer Zeit schon schaue ich mit Sorgenfalten auf der Stirn dem „Treiben“ einiger Modellbahnfirmen zu. Da werden zwar jedes Jahr eine Fülle von Neuheiten angeboten, aber man hat den Eindruck, dass diese Produkte einfach blind am Markt, also den Kunden, vorbei entwickelt werden, sei es die Größe der Modelle oder die manchmal viel zu regionalen Themen. ENDRESULTAT: DER Abverkauf schrumpft und anstelle die Produktpalette zu überdenken, werden die Preise in die Höhe getrieben. Der Fachhandel ist der größte kostenfreie Werbeträger der Modelleisenbahnindustrie, aber was kommt beim Fachhandel wirklich an brauchbaren Werbemitteln an? Kundeninformationen über Neuheitenblätter locken im Internetzeitalter nicht mehr zwangsläufig die Mehrzahl der Kunden in das Fachgeschäft. So darf der geneigte Fachhändler bei einigen Firmen sein benötigtes Werbematerial auch noch bezahlen und bekommt zudem noch von den Firmen Verträge vorgelegt, wie und wo seine Waren der Käuferschicht vorgestellt werden sollen. Und für solch ein Missmanagement sitzen in den Firmen noch hochbezahlte Manager!
    Eines sei mir noch gestattet zu sagen, der seit Jahren von der Modelleisenbahnindustrie so hoch beklagte Nachwuchsmangel ist ebenfalls hausgemacht! Was haben die Modelleisenbahnhersteller in den letzten Jahren dafür getan, dass der Nachwuchs, ab ca. 5 Jahren, sich für die Modelleisenbahn interessiert? NICHTS! Ein Startset mit einer bunten Lok, drei Wagen und einem Schienenkreis sind für ein Kind wenig erbaulich und vor allem, wo bitte bleibt der Spielwert bei diesem Erzeugniss? Es fällt den meisten Modellbahnfirmen sehr schwer, über den eigenen Tellerrand zu schauen um nicht zu sagen, dass der Teller, auf dem sie sitzen, das einzige Königreich zu sein scheint. Firmen wie Lego, Brio usw decken seid Jahren genau das Segment an Nachwuchs ab, das der Modellbahn so dringend fehlt. Wofür werden Produktmanager in den Firmen beschäftigt? Wen wundert es da noch, dass die Eltern den Kindern lieber eine Legoeisenbahn schenken, mit der das Kind einen 100% höheren Spielwert hat. Warum sollten die kaufwilligen Eltern da auch ein verstaubtes Startset im Modelleisenbahnfachgeschäft kaufen? Zwar haben einige Firmen sogenannte Hobby-Programme, aber was ist an einem Modelleisenbahnwagen mit fehlender Bedruckung für ein Kind von Interesse? Wo bleibt der Spielwert? Warum sind all diese Hobby Programme, außer im Maßstab, nicht miteinander kompatibel (Themengebiete)? Modellhäuser in schrillen Farben, mit fehlenden Dachrinnen und Innenleben reißen auch kein Kind vom Hocker. Ich hoffe sehr, dass der längst überfällige Ruck durch die Modelleisenbahnindustrie geht und die nur ewig sich beklagenden Manager vor die Tür gesetzt werden und an deren Stelle Leute hingesetzt werden, die keine Angst davor haben über den Tellerrand zu sehen, denn da gibt es dann noch sehr viel mehr zu entdecken! Die Insolvenz von Faller ist in meinen Augen zu 100% hausgemacht. Falsche Produkt und Preispolitik, herbeigeführt von Leuten, die nur mit Zahlen umgehen können – das muß letztendlich in der Insolvenz enden.

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Zum Glück bedeutet Insolvenz nicht automatisch das Ende. Ich hoffe, dass Faller als eine der wichtigsten Marken der Modellbahnindustrie die Kurve kriegt und sich neu aufstellt. Zahlenmenschen und fachfremde Marketingleute ohne die geringste Fach- und Sachkenntnis können ein Unternehmen ruinieren, wie sich schon bei Märklin auf schlimmste Weise gezeigt hat. Wer Gartenbahnen und Gartenzwerge kombiniert, hat einfach den Markt und die teilweise besondere Mentalität der Kundschaft nicht verstanden. Märklin, LGB und Roco waren wertvolle Marken, deren Wert von ungeeigneten Führungskräften, Beratern und Banken stark beschädigt wurde. So hat diese zersplitterte, verträumte Branche stark an Glanz verloren (Ausnahmen wie Piko, Liliput und Auhagen bestätigen die Regel). Sie muss sich neu aufstellen, auch durch gemeinsame Aktionen, weil die Schlagkraft der einzelnen Unternehmen zu gering ist. Oder sie wird noch mehr in die Nische abwandern und drastisch schrumpfen.
    Modelleisenbahn ist, im Gegensatz zum übrigen Modellbau, so unverschämt teuer geworden, dass man eigentlich zur Luxusgüterindustrie gehört. Ohne den Glanz der Marke lassen sich aber keine teuren Luxusgüter verkaufen, und von zahlungskräftigen Kunden allein kann man nicht leben.
    Und noch etwas: Wenn im Handel vor Weihnachten nirgends im Schaufenster Eisenbahnen fahren und man auch auf Messen nichts angefasst werden darf und ausstellende Clubmitglieder sich wie Autisten benehmen, braucht man sich nicht zu wundern, dass Kinder die Modellbahn nicht faszinierend finden. Denn sie können sie buchstäblich nicht erfahren. Ich habe vor Jahren auf der Modellbahn-Messe Köln einigen Dutzend Kindern eine hochkomplexe Digitalsteuerung in die Hand gedrückt und sie einen Zug mit Dampf und Geräusch fahren lassen. Die leuchtenden Augen waren der Beweis, dass Modellbahnen auch für Kinder faszinieren. Fernsteuerbare Playmobilzüge belegen das. Doch wenn H0-Loks 300 bis 400 € kosten und selbst ein zweiachsiger Güterwagen bei 40 € angekommen ist, überfordert das jedes Familienbudget. In Anfangspackungen steckt viel zu oft nur vorgestriger Schrott (längst ausgemusterte Loks, primitive Dampfloks und zweiachsige Wagen), die nicht das widerspiegeln, was Kinder draußen sehen. Wer, wie die H0-Hersteller, jede noch so exotische Lok entwickelt und wie Märklin zielgenau am Markt vorbei für Hunderttausende Euro eine 23er-Vorserienlok statt der bekannteren Serienausführung konstruiert und sie für 369 € anbietet, braucht sich über mangelnden Abverkauf nicht zu wundern.

 
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