Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Neulich, im ICE (1)

19.08.09 (Marginalien)

Auf längeren Reisen buche ich gern die Ruhezone, weil mich das ständige Handyklingeln stört. Zumal ausgerechnet die Besitzer von Handys mit den penetrantesten Rufton-Kompositionen immer am längsten brauchen, bis sie ihren Sprechapparat finden. Noch mehr nerven mich Dauertelefonate von Vertriebsleuten, die Intimbeichten von Freundinnen, Klagen über fiese Kollegen und Ansagen von kleinen Verspätungen und das ewige „also dann bis gleich“. Auch ohne Handy schildern Rentner detailgenau ihren Kampf mit der „Bundesbahn“, Kegelbrüder und -schwestern demonstrieren mit alkoholischer Unterstützung, dass sie die Ruhezone bestenfalls als Vorschlag betrachten.

Manchmal stört mich die Unruhe in der Ruhezone nicht so sehr, wenn sich die Puzzlestücke von Lebensgeschichten und Lebenslügen zu einem spekulativ hochinteressanten Ganzen fügen. Doch wenn in der Sitzreihe vor mir ein Mensch gefühlte 40 Minuten – die Flatrate zahlt ja die Firma – am Handy von alten Heldentaten und dem Kampf um den nächsten Auftragseingang berichtet und kein noch so abseitiges berufliches Thema auslässt, platzt mir schon mal der Kragen. „Wissen Sie eigentlich, dass Sie in der Ruhezone sitzen und hier Handygespräche unerwünscht sind?“, frage ich mit einem Verweis auf das Psst-Zeichen über dem Fenster. Verständnislos schaut mich der Mittvierziger an. Und weil ich schon mal in Fahrt bin, sprudle ich hervor: „Inzwischen weiß ich, dass Sie mit der Schweinegrippe zu tun haben, kenne Ihren Firmennamen, habe Ihre Powerpoint-Präsentation gesehen und hätte Ihre Mails lesen können. Wenn ich über das Thema schreiben würde, hätte ich nun eine Menge Stoff.“ „Das dürfen Sie gar nicht!“, entrüstet sich der Mann. „Ich könnte auch Ihr Mitbewerber sein“, sage ich. „Haben Sie schon mal darüber nachgedacht?“ Sein gequälter Gesichtsausdruck und ein kopfschüttelndes „Zzz-zzz-zzz!“ verraten, dass er mich für einen Idioten hält. Die nächsten beiden Stunden hackt der Krankenhaushygiene-Vertreter aus Düsseldorf nur noch E-Mails in den Laptop, ein ankommendes Telefonat beendet er leise und schnell. Ich konnte in Ruhe lesen.

Ein Kommentar

  • 1
    Der Seba:

    Die Laptop-Typen sind auch nicht ohne: Das Geklapper und Gehacke kann einem auch ganz schön auf die Nerven gehen, vor allem, wenn der Mensch nicht so richtig schreiben kann und immer wieder Kunstpausen macht. An ein Nickerchen ist da nicht zu denken. Besonders schön auch auf Langstreckenflügen in der Business Class, wenn alle pennen wollen.

 
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