Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Neulich, im ICE (2)

21.08.09 (Deutschland, Marginalien, Personenverkehr, Schweiz)

Neulich lief ein Mann mit Umhängetasche durch den ICE, der eine Kundenbefragung durchführte. Vermutlich für die DB. Ich schaute ihn erwartungsvoll an und hätte ihm zwischen den verschlissenen Armlehnen des ICE 2 gern Rede und Antwort gestanden. Und dann vielleicht gefragt:

  • warum mein Profil bei Bahn.de (und auch das anderer Kunden) nach dem Einloggen plötzlich keine Strecken-, Präferenzen- und Bahncard-Einstellungen mehr hat: vermutlich wegen einer schlampigen Software- oder Datenbankänderung, für die man sich nicht entschuldigen muss
  • warum ich nie die verbilligten Spartarife buchen kann: vermutlich, weil die Deutsche Bahn doch nicht so viele Plätze anbietet
  • warum es nicht möglich ist, die Regionalexpress-Züge, die im Rhein-Ruhr-Gebiet immer überbelegt sind, mit sechs statt fünf Doppelstockwagen zu fahren: vielleicht, weil der VRR nicht mehr bestellt hat und die DB das Gedränge nicht stört – obwohl die 143 oder 146 mit Sicherheit mehr Wagen ziehen könnte
  • warum von Düsseldorf nach Krefeld immer noch Silberling-Wagen fahren, die 1965 ganz schick waren und trotz mehrfacher Umbauten nicht schicker wurden (gellender Lärm an den Enden, Sprungfedersitze mit Durchsinkgarantie à la Omas Sofa, mindestens achtmal umlackiert wegen Vorstandswechsel oder den – gefühlt – zweijährlichen Neuausrichtungen und Umbenennungen der Bahnsparten): vermutlich, weil die Pendler keine Wahl haben
  • warum man wohl glaubt, dass eine Bahncard so viel wie ein iPhone, eine hochwertige Digitalkamera oder eine Märklin-Lok kosten muss, aber nicht einmal ansatzweise so viel Spaß bringt: vielleicht, weil man für Studenten und überhaupt die ganze potenzielle Kundschaft eine möglichst hohe Einstiegshürde schaffen will – und nein, liebe DB, vom preiswerten Halbtax-Abonnement der Schweizer, das sich seit 1972 nur um 50 % verteuert hat, kann man nichts lernen, die haben das erst 50 Jahre
  • warum es nirgendwo Ersatzlokführer und Ersatzzüge gibt, falls mal wieder ein ICE nicht funktioniert: vielleicht, weil Herr Mehdorn eben 100-prozentige Verfügbarkeit angeordnet hat und vorbeugende Wartung nur Geld kostet
  • warum man seit Jahren überall Gleise und Weichen abgebaut hat, um nun groteske Engpässe und „Verzögerungen im Betriebsablauf“ zu haben, selbst wenn die Gleise durch das schlichte Daliegen keine Kosten verursacht haben: vielleicht, weil BWL-Absolventen da enorme life cycle and maintenance costs draufgebucht und den Abbau empfohlen haben
  • warum ich mir alle 10 bis 20 Minuten „senk ju for träwelling wiss Deutsche Bahn“ anhören muss: vielleicht, weil die textenden Passenger Transportation Sales Channel Executives der DB nicht wissen, dass der ICE ein Zug und kein Flugzeug ist und ich keine Wahl habe, als mit dem federal rail carrier German Railways Corporation, Mobility Logistics Divison, zu träwelln
  • warum jeder Zugchef „in wenigen Minuten erreichen wir…“ sagt, obwohl der Zug schon an den Bahnsteig rollt und man auch das Wort „gleich“, „soeben“ oder „jetzt“ verwenden könnte: vielleicht, weil ich zu viel erwarte

Fragen eines lesenden Arbeiters Bahnreisenden, die unbeantwortet bleiben müssen. Denn er hat mich nicht angesprochen.

 
Get Adobe Flash player

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen