Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Gut, wenn wir noch die Bahnpost hätten

30.08.09 (Europa, Güterverkehr, Verkehrspolitik)

Still und leise hat die Deutsche Post Anfang Juli den Nachtluftpostdienst eingestellt, der die größeren deutschen Städte verband. Das berichtet die FAS. Vielerorts trugen die Briefzusteller in letzter Zeit an Montagen keine Briefe aus, weil die Post sparen wollte. Mit der Folge, dass Briefe statt über Nacht in der Regel erst nach zwei, oft aber sogar nach drei bis fünf Tagen ankommen. Auch innerorts oder zwischen Nachbarstädten braucht die Briefpost nach meiner Erfahrung schon seit Jahren zwei bis drei Tage. Der Grund: Vor Ort wird nicht mehr sortiert. Die Deutsche Post hat seit Anfang der 90er Jahre große Briefverteilzentren auf der grünen Wiese gebaut und die innerstädtischen Postzentralen selbst in Großstädten abgeschafft. Die hochautomatisierten Briefverteilzentren sind nur über lange Lkw-Fahrten erreichbar. Einen Bahnanschluss haben sie nicht.

Nun wird zum Beispiel die innerörtliche Post von Düsseldorf nicht mehr in der Stadt sortiert, die separaten Düsseldorf-Briefkästen wurden abgeschafft. Alles wird in Krefeld sortiert und von dort aus verteilt, so dass ein innerstädtischer Brief zusätzlich 70 km über Land gekarrt werden muss. Mit dem Lkw natürlich. Und nicht nur hier, auch im bundesdeutschen Fernverkehr. Denn die letzten Bahnpostzüge wurden 1997 aufgegeben, bis dahin fuhren noch ein paar nächtliche Post-Intercitys. Kein Wunder also, dass Briefe nun mehrere Tage unterwegs sind und sich niemand darauf verlassen kann, dass die Post die Vorgaben der Bundesregierung (80 % Zustellung am nächsten Werktag, 95 % binnen zwei Tagen) einhält. Wie die FAS-Stichprobe und die Erfahrung zeigen, tut sie es nicht. Aus den Zeitschriften gestohlene DVDs, verschwundene, manchmal einfach weggeworfene Briefe, nicht ankommende Zeitungen und Zeitschriften gehören zu meinen Erfahrungen und sind unangenehme Nebenerscheinungen einer Post, die dank billiger Subunternehmer und der allgegenwärtigen Kostendrückerei keine zuverlässige Säule der bundesdeutschen Gesellschaft mehr ist. Profit ist für Vorstände grundsätzlich wichtiger als Qualität, Mitarbeiter sind reine Kostenfaktoren. So, wie Bürger von den Politikern zu „Menschen“ degradiert wurden – das nur nebenbei.

Als Schüler und Student habe ich viele Wochen bei der Post gearbeitet, an verschiedenen Stellen, auch als Briefträger. Da war das Staatsunternehmen noch ein geschlossenes System, das zuverlässig funktionierte und wo es klare Wege, Berufsethos und Ansprechpartner gab. Heute findet man nicht einmal mehr eine Telefonnummer der ausgegliederten Postfilialen oder lokale Postverantwortliche im Telefonbuch.

Es geht auch anders, wie das Nachbarland zeigt. Die Franzosen haben ihre Post-Logistik besser im Griff. Frankreich ist zwar von der Fläche her größer und der Verkehr durch das Paris-zentrierte Hochgeschwindigkeitsnetz leichter organisierbar. Doch dort verkehren schon seit 1984 im Nachtsprung spezielle Post-TGV (Hochgeschwindigkeitstriebzüge). Nun wird für den Paketverkehr ein Netz entwickelt, das sich auch in die Nachbarländer ausdehnen soll. Vielleicht sollten wir auf die Dienste der französischen Post hoffen.

Wie man in Deutschland Post- und Frachtzentren ohne Gleisanschluss bauen konnte, ist mir jedenfalls ein Rätsel. Jetzt ist man, was denkfaule Politiker so gerne sagen: alternativlos.

Nachtrag 1.9.2009: In der FAZ verteidigt sich Post-Vorstandsvorsitzender Appel gegen die Vorwürfe. Auch montags würde angeblich zugestellt – und überhaupt müsse man prüfen, ob man die Postzustellung nicht auf billige private Dienste auslagern müsse. Das Jahresergebnis sei auf 1,6 Mrd. € gesunken . 1.600.000.000 €. Mir kommen die Tränen! Wer sich nur dem Shareholder value verpflichtet sieht und weder Mitarbeiter noch Kunden, denkt so.

 
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