Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Kein Mensch am Steuer – warum Journalisten so wenig über die Eisenbahn wissen

12.09.09 (Deutschland, Innovationen, Marketing)

Der Schienenverkehr hat eine Fachsprache so wie Flug-, Schiffs- und Straßenverkehr. Doch während Journalisten im Allgemeinen wissen, dass im Flugzeug vorn nicht der Flugzeugfahrer sitzt, der Lkw kein Pkw ist und das Schiff nicht von Matrosen gesteuert wird, tendiert das Wissen über Eisenbahnen in Richtung Null.

Da wird der Lokführer zum Zugführer, der Steuerwagen des Regionalbahnzugs zum Triebwagen und das Gleis zur Schiene. Das Fachwissen vieler Kollegen endet bei Bahnhof und Bahnsteig. Radsatz, Spurkranz, Oberleitung? Was ist das, die Achse, der dicke Rand vom Rad, das Kabel da oben?

Unwissen ist überall: N24 illustriert mit einem DB-Neigezug die Berliner S-Bahn. In einer Zeitung las ich vor einigen Wochen eine so absurde Bezeichnung eines grünen Signals, dass ich sie bei aller Fantasie nicht einmal mehr per Suchmaschine finde. Lichtpfosten, Bahnlaterne oder noch schlimmer. Das boulevardverseuchte Internetportal www.sueddeutsche.de nutze ich nur noch selten, wenn ich Hintergründe zur Deutschen Bahn erwarte. Die fehlten diesmal, doch dafür fand ich – in der Rubrik Auto & Mobil – einen Beitrag über die neue Metro in Dubai. Schon der Vorspann ist geballter Schwachsinn, von wegen das längste Schienennetz der Welt. Auch sonst ist der Beitrag ein typisches Beispiel eisenbahntechnischer Inkompetenz, in einem einzigen Satz komprimiert: „Unter anderem bekommt die erste S-Bahn auf der arabischen Halbinsel das längste Schienennetz der Welt, auf dem die Züge ohne einen Menschen am Steuer rollen.“

Erstens ist die „S-Bahn“ eine Metro, liebe Kollegin. Selbst die arabische Verkehrsbehörde RTA nennt sie Metro, was beim Schreiben wohl nicht aufgefallen ist. Und zweitens wird ein Zug nicht gesteuert wie ein Auto oder Schiff, denn er fährt auf Schienen und wird von diesen geführt. Er wird gefahren und im Führerstand sitzt gewöhnlich ein Lokführer oder Triebfahrzeugführer. Wenn dieser fehlt, ist es eben ein fahrerloser Zug.

Traurig und leider typisch. Doch diese Inkompetenz hat auch damit zu tun, dass „Eisenbahn“ von vielen Journalisten als Lowtech und „von gestern“ wahrgenommen wird. Deren Fachsprache interessiert sie wenig. Immer noch reden sonst ernstzunehmende Redakteure von „der Bundesbahn“, die seit 1994 Deutsche Bahn heißt.

Das fehlende Wissen hat aber auch damit zu tun, dass das System Schienenverkehr kaum einen Beitrag leistet, Journalisten Fachkompetenz zu vermitteln und wenig von der Faszination herüberbringt, die die Eisenbahn haben kann.

Es geht auch anders, wie andere Branchen beweisen: Als der Mobilfunk aufkam und später der Telekommunikationsmarkt liberalisiert wurde, tingelten neue Netzbetreiber durchs Land und erklärten uns Journalisten, was auf uns zukam und wie die Technik funktionierte. Wir wurden durch ganz Europa geflogen, um uns Netztechnik anzusehen und die ersten UMTS-Testnetze mit Videoübertragung kennenzulernen. Und noch heute ist es ganz selbstverständlich, dass ich Fahrerassistenzsysteme in einem Testwagen buchstäblich selbst er-fahren kann. Darüber berichte ich gern. Was die Deutsche Bahn plant, weiß ich nicht. Sie kommuniziert es nicht.

Beim Roll-out eines Schienenfahrzeugs muss mir zwischen Honoratioren, stolzen Firmenvertretern, Politikern, Fernsehkameras und sektschlürfenden Mitarbeitern einen Weg zum Fahrzeug bahnen und froh sein, wenn nicht mehr als ein Dutzend – für Pressezwecke deplatzierte – Anzugträger das Foto entstellen und irgendjemand bereit ist, mir die Fahrzeugtechnik zu zeigen und zu erklären. Ich bin aber kein Kunde, ich will Informationen und keine Randerscheinung einer Kundenveranstaltung sein.

Hat die Deutsche Bahn schon einmal Wirtschafts- und Autojournalisten in ihre Betriebszentralen und auf ein modernes Stellwerk eingeladen? Haben die Hersteller schon einmal eisenbahntechnischen Laien die Linienzugbeeinflussung, ETCS und GSM-R erklärt und gezeigt, wie ein ICE aufgerüstet wird? Wie die Platzreservierungen in den Zug kommen, wie die WLAN-Anbindung funktioniert? Was alles passiert, wenn ein Zug Verspätung hat? Wieviel Hightech in einem Hochgeschwindigkeitszug und sogar einem Nebenbahntriebwagen und der Leittechnik steckt? Wie Testfahrten gemacht werden? Wie ein Zug im Bau aussieht? Wie komplex das System Schiene ist? Durften wir schon einmal einen Zug in Bewegung setzen? Leider nein.

Die Bahnindustrie, die Deutsche Bahn und viele Verkehrsunternehmen haben ein Kommunikationsproblem: Sie kommunizieren zu wenig und wenn, dann meist mit Fachkundigen oder (seltener) Fans. So überrascht es mich nicht, wenn allzu viele Journalisten beim Thema Schienenverkehr nicht wissen, wovon sie sprechen und schreiben. Sie können es nicht wissen, weil sich niemand die Mühe gemacht hat, ihnen die Eisenbahn zu erklären.

 
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