Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Österreich macht's nach: Regionalbahnen sind doof

27.09.09 (Österreich, Personenverkehr, Schweiz)

Der Zeitgeist wabert überall. Auch die Mitarbeiter der ÖBB in Österreich wurden ähnlich bespitzelt wie DB-Mitarbeiter zu Mehdorns Zeiten. Nun will die österreichische Staatsbahn ÖBB, die sich einerseits mit dem wunderbaren Railjet für einzelne Fernverbindungen ziert, aber einen selbst der DDR unwürdigen Wiener Westbahnhof erst jetzt erneuert und bei Wien S-Bahnen fahren lässt, die sogar bei der DB längst Museumsstücke wären – nun will die ÖBB offenbar den Kahlschlag kopieren, den die DB seit den 70er Jahren auf  ihren Nebenstrecken oder nicht ganz so wichtigen Hauptstrecken (wie Stuttgart – Zürich) praktizierte: Löcher in den Fahrplan reißen, Busse zu sinnvolleren Fahrzeiten parallel einsetzen und Bahnhöfe kurz nach der Renovierung schließen, nachdem der Nahverkehrszug ein halbes Jahr täglich nur noch in einer Richtung fuhr. So vertreibt man Fahrgäste, eine erprobte Methode der Deutschen Bundesbahn (selig).

Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) warnt vor den negativen Folgen einer Einstellung von Regionalbahnen: „Wenn Fahrpläne weiter ausgedünnt werden und Verbindungen eingestellt werden, ist die Mobilität vieler Menschen in Österreich nicht mehr gesichert“, betont VCÖ-Experte Martin Blum. Eine VCÖ-Untersuchung zeigt, dass 56 Prozent der Menschen in Österreich in ihrer Mobilität ganz oder zum Teil auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. Insbesondere in der Region sind Regionalbahnen für viele Menschen unverzichtbar. „Von Seite der Politik braucht es daher ein klares Bekenntnis zur Bahn in der Fläche. Regional- und Nebenbahnen müssen aufrecht erhalten werden, es braucht ein Ausbaukonzept statt einer Einstellungswelle“, betont VCÖ-Experte Blum und fügt hinzu: „Wenn im Straßennetz strenge betriebswirtschaftliche Kriterien angewendet würden, müssten viele Gemeinde-, Landes- und Schnellstraßen zugesperrt werden.“

Der VCÖ weist darauf hin, dass Busse zwar eine wichtige Ergänzung für die Bahn sind, sie können Regionalbahnen aber nicht ersetzen. „Gerade für Menschen, die während der Fahrt arbeiten wollen, für Familien mit kleinen Kindern und für ältere Personen ist die Bahn viel komfortabler als ein Bus. Es gibt mehr Platz, es gibt Toiletten und die Bahn fährt ruhiger als ein Bus“, so VCÖ-Experte Blum. Der diesjährige Bahntest habe gezeigt, dass zwei Drittel mehr Verbindungen und bessere Anschlüsse an Bus und Bahn wollten und bessere Angebote im Regionalverkehr.

Der VCÖ fordert daher eine Bahnoffensive nach Schweizer Vorbild. „Die Schweiz zeigt, was mit einem dichten Bahnnetz möglich ist. Die Regionalbahnen in der Schweiz florieren – durch Taktverkehr, schnelle Verbindungen und optimale Anschlüsse“. Der VCÖ weist darauf hin, dass in der Schweiz pro Person doppelt so viel Bahn gefahren wird wie in Österreich.

Der VCÖ spricht sich auch für die Erstellung und Umsetzung eines Gesamtverkehrskonzepts für Österreich aus, in dem alle Formen der Mobilität aufeinander abgestimmt sind. Herzstück eines Gesamtverkehrskonzepts soll ein österreichweiter Taktfahrplan sein. „Mehr und schnelle Verbindungen, kurze Wartezeiten beim Umsteigen und gute Anschlüsse an Regionalbahnen und Busse – das sind die Kriterien, die den österreichischen Bahnverkehr attraktiver und zukunftsfähig machen“, so VCÖ-Experte Blum abschließend.

So weit würde man in Deutschland nie gehen, unser föderales System verkompliziert Initiativen für die ganze Bundesrepublik und schließt sie auch in sinnvollen Fällen ganz aus. Aber es hat trotzdem dafür gesorgt, dass 20 bis 30 Jahre nach dem Kahlschlag viele Nebenstrecken wieder Personenverkehr haben und über 250 regionale Bahnbetriebe vor Ort für attraktive Angebote mit modernen Fahrzeugen und guten Taktungen sorgen. Das könnte eines fernen Tages auch in Österreich klappen. Fahrkartenautomaten, keine Fahrpläne zum Mitnehmen und zugige Wartehäuschen scheinen dabei aber unvermeidbar zu sein.

 
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