Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Realistische Chancen für Faller – Zweifel an der Modellbaubranche

03.09.09 (Eisenbahn)

Es gibt Hoffnung, dass die Gebr. Faller GmbH die Insolvenz überlebt. Insolvenzverwalter Dr. Grub, der einen guten Ruf als Sanierer (und nicht als Resteverwerter) hat, ließ gestern Nachmittag mitteilen:

Der als vorläufiger Insolvenzverwalter bestellte Dr. Volker Grub hält FALLER für zukunftsfähig. FALLER sei eine große Marke, die mit Märklin vergleichbar ist. Auch nach gesunkenen Umsätzen sei FALLER immer noch unangefochtener Marktführer für Modelleisenbahnzubehör. Darunter werden verstanden: Häuser- und Gebäudemodelle, Figuren sowie Geländebaumaterialien.

Um FALLER zu sanieren ist es notwendig, die Abläufe der Produktion und die Produktionsstätten von Grund auf zu modernisieren. Dafür ist eine personelle und räumliche Konzentration unerlässlich. Dr. Grub weist darauf hin, dass FALLER noch ein steiniger Weg bevorsteht. Alle Beteiligten, Gesellschafter, Arbeitnehmer, Gewerkschaft, Kunden, Banken, Pensionssicherungsverein und alle übrigen Gläubiger müssen daran mitwirken. Personalentlassungen sind unumgänglich. Am Standort Gütenbach wird festgehalten.

Die Eigentümerfamilie um Frau Ursula Herbertz ist bereit, sich nochmals finanziell zu engagieren. Grub beabsichtigt ein Insolvenzplan vorzulegen, mit dem die heute bestehenden Verbindlichkeiten in einer Größenordnung von rund 9 Mio. Euro erledigt werden sollen. Es besteht die Absicht, den Insolvenzplan noch in diesem Jahr einer Gläubigerversammlung zur Abstimmung vorzulegen, so dass das Insolvenzverfahren zu Beginn des Jahres 2010 wieder verlassen werden kann.

Offenbar haben Händler, die nicht zahlen wollen oder können, zu Fallers Finanzklemme beigetragen. Das schon seit Jahren sich immer mehr ausdünnende Netz der Fachhändler wird einen Tabubruch erfordern, den Märklin schon versucht hatte: den Direktversand ab Werk. Denn ein Hersteller, der im Grunde keinen Einfluss auf die Engmaschigkeit und Qualität des Händlernetzes hat, darf sich vom Handel nicht völlig abhängig machen. Zumal klassische Spielwarengeschäfte oft keine Modellbahnabteilung mehr haben.

Aber auch Bausätze von modernen zeitgenössischen Gebäuden, die Faller ohne ausreichende Kenntnis des Markts und der Mentalität der Käufer in den Markt drückte, haben sich als fast unverkäuflich erwiesen. Modellbahner sind konservativ im sprichwörtlichen Sinn: Sie wollen eine als schön empfundene Vergangenheit in ihrer Modellwelt bewahren. Ein Hauch von Romantik gehört oft dazu. Das muss man wissen, wenn man Modellbahnen und Modellbahnzubehör verkaufen will. Junge Marketingleute scheinen ihre sensible und manchmal sehr spezielle Klientel kaum zu kennen. Und ich habe den Eindruck, dass sie sie auch gar nicht kennen wollen. Das rächt sich schnell.

Dass sich Anlagen nicht mit beliebig vielen Gebäuden bestücken lassen, ist ein weiteres Problem. Selten tauscht man die teuer erworbenen Häuser aus, irgendwann ist jeder Platz besetzt. Die Folge kann nur sein, die jährliche Neuheitenflut zu begrenzen und nach Modellen, etwa in Laser-Technik, zu suchen, die neue Kaufanreize setzen. Individuelle, an Vorbildern orientierte alte Gebäude in kleinen Auflagen aus Holz, Papier, Kunststoff- und Metallteilen könnten vor allem anspruchsvolle Modellbauer ansprechen, die dafür auch hohe Preise in Kauf nehmen. Für Einsteiger und den Mainstream braucht man einfache und preiswerte Gebäude zum Taschengeldpreis. So habe ich auch einmal angefangen. Und so lassen sich auch Kinder für das Hobby gewinnen, auch wenn große Kinderzimmer und Platz für Anlagen immer weniger vorhanden sind.

Gegen eine breite Renaissance der Modellbahn spricht allerdings auch, dass Eltern im beruflichen Dauerstress kaum noch Zeit und Lust haben, sich mit den Kindern zusammenzusetzen. Patchwork-Kinder leben an zwei Orten und haben oft nicht genügend Zeit und Platz. Kinder sind häufig im Dauerstress zwischen der Überforderung durch schlechte Schulen, Konsumansprüchen, zeitraubenden Computerspielen und den gut gemeinten Bemühungen der Eltern um Reitschule, Musikunterricht, Balett, Sport und was sonst noch Kindern mitgegeben werden soll. Ein ruhiges, Zeit beanspruchendes Hobby wie Modellbau verliert da an Bedeutung. Der Markt wird einerseits schrumpfen und braucht andererseits neue Anstöße von der Industrie. Wenn der Spiel- und Unterhaltungswert der Modellbahn nirgendwo mehr vermittelt wird und die (durchaus unterschiedlichen alten und jungen) Zielgruppen nicht gezielt angesprochen werden, sieht es schlecht aus für die Zukunft dieses Hobbys und die Industrie.

Ich fürchte nur, dass es auch in dieser tiefen Krise nicht für konzertierte Aktionen reicht. Zu viele mächtige Einkaufsverbände drücken ihre Interessen durch, werben in immer weiter schrumpfenden Modellbahnzeitschriften statt in Massenmedien. Typisch: Da werden von einem Einkaufsverband Großbahnartikel in einer H0-Zeitschrift beworben, die nicht einmal ein Drittel so viele Großbahner erreicht wie etwa der marktführende Gartenbahn Profi. Viele Modellbahnfirmen werben überhaupt nicht und nutzen Modellbahnzeitschriften bauernschlau aus, weil diese in aller Regel alle Neuheiten vorstellen. Damit gefährden sie ausgerechnet die Existenz der Zeitschriften, aber auch ihre eigene, weil sie weder ein wertvolles Image noch eine klare Kommunikationsstrategie haben, die Kunden bindet. Das Desaster um LGB zeigt, wie man mit Nicht-Kommunikation sogar LGB-Gläubige, die in fast schon religiösem Eifer ihrer Marke folgten, nachhaltig verprellen kann.

Auch sonst fehlt es an Kommunikation: Modellbahnverbände wie „der Moba“ und andere Initiativen und Clubs haben nach meiner Einschätzung kaum eine Außenwirkung, werden aber von der Branche unterstützt. Zahllose Messen und regionale „Treffen“ mit ein paar Dutzend bis wenigen hundert Besuchern binden Geld und Kräfte. Wer die Bräsigkeit und geradezu dämliche Ungeschicklichkeit mancher Mittelständler, Kleinunternehmer und Importeure im Umgang mit Kunden, Presse und Öffentlichkeit kennt, wird wenig Hoffnung haben, dass sich wirklich etwas ändert. Leider gilt das nicht nur für deutsche Unternehmen, auch die amerikanischen Firmen sind keinen Deut besser. Ein Struktur- und Mentalitätsproblem einer ganzen Branche, offensichtlich.

Wendige, dynamische Inhaber wie die von Piko und Auhagen gehören zu den Wenigen, die diese Branche noch beflügeln. Einfach nur etwas zu produzieren und auf Kundschaft zu hoffen, reicht schon lange nicht mehr. Qualität, pünktliche Lieferung (und nicht Verspätungen von mehreren Jahren für angezahlte Modelle), für Kunden und Hersteller kalkulierbare Auflagen, Ersatzteilservice, eine klare Kommunikation mit Presse und Kunden sowie vernünftige Preise, die der sinkenden Kaufkraft angepasst sind, müssen wieder höchste Priorität haben. Nicht 200 (LGB) bis 400 (Märklin) Neuheiten pro Jahr, sondern 20 bis 30 attraktive Neuentwicklungen für die Kernzielgruppen und ein Sortiment, das ein Händler auch vorhalten kann. Aktuelle Sortimente bestehen aus tausenden Artikeln. Wenn der Kunde seinen spontanen Kaufwunsch nicht erfüllt bekommt, kauft er eben nichts.

 
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