Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Sind Manager mit Modellbahn Kindsköpfe?

22.09.09 (Marginalien, Marketing, Modellbahn)

Eckhard Cordes (Metro AG), Kurt Biedenkopf (ex Ministerpräsident) und Wendelin Wiedeking (ex Porsche) haben zwei, Hans Peter Stihl (Motorsägen) hat eine, Horst Seehofer und Rod Stewart auch. Es sind noch ein paar mehr, die sich zu ihren Modellbahnanlagen und -sammlungen bekennen, doch es ist sehr schwer, prominente Modellbahner in Wirtschaft und Verwaltung zu finden. Auch im Showbiz ist es nicht viel einfacher. „Die Recherche war extrem aufwendig“, verrät Michael Machatschke, der einen fundierten und hämefreien Beitrag über Modellbahner in der Industrie im manager magazin schrieb.

Eine kreative und handwerkliche Leistung, keine Kinderei, ist diese Gartenbahn. Und eine Essenz der Rhätischen Bahn -> Urlaubsstimmung  (Foto: Weidelich)

Eine kreative und handwerkliche Leistung, keine Kinderei, ist diese Gartenbahn. Und eine Essenz der Rhätischen Bahn. Das schafft Urlaubsstimmung – ist das schlecht? (Foto: Weidelich)

Warum gilt Modellbahn kaum als vorzeigbares Hobby, habe ich mich schon oft gefragt. Denn es gibt kaum ein Hobby, in dem sich handwerkliche Fähigkeiten, fundierte Kenntnisse der Geschichte, technische Wirkungsweisen, das Sammeln von Literatur und Modellen und das Fotografieren des Vorbilds so wunderbar verbinden lassen. Wer an seiner Anlage baut, sagt nicht nur der Wuppertaler Oberbürgermeister, ein LGB-Bahner, vergisst alles um sich herum und ist ganz bei seinem Hobby. Das gilt für jedes Hobby, ob es nun der Bau von Segelschiffen oder Flugzeugen ist oder die Restaurierung des Oldtimers oder die Pflege der Yacht oder die Gartenarbeit oder die Malerei.
Wer sich mit der Modellbahn beschäftigt, „spielt“ im kindlichen Sinn nur ab und zu, obwohl auch am Spiel nichts Falsches ist. Doch häufig ist der Modellbahner ein Modellbauer, der plant, konstruiert, Technologien erprobt, baut, bemalt und beschriftet. So gut es geht, nach dem Vorbild, das man zuvor studiert haben muss. Das ist keine Kinderei, sondern ernsthafte Arbeit. Aber selbstgewählte Arbeit, die nur unter dem Leistungsdruck steht, den man sich selbst auferlegt. Außenstehende können im besten Fall die Qualität des Produkts beurteilen, bei dem der Weg das Ziel sein kann. Man „bastelt“ im Grunde für sich und will meist nur sich selbst etwas beweisen. Wie man ein Ziel erreicht, wenn man es geschickt angeht. Ein Bergsteiger denkt da nicht anders.

Warum verstecken Manager ihr Hobby? „Ich lache über jeden, der in seinem Büro oder seiner Praxis Spielzeug stehen hat, egal was“, bestätigt der Pressesprecher eines Konzerns das gängige Image. „Zu Managern mit Millionen- und Milliarden-Verantwortung passt so eine Kinderei nicht. Haben Sie mal eine hochrangige Managerin gesehen, die ihre Puppensammlung im Büro hat?“ Gut, ein schlagendes Argument.

Ich haben den Eindruck, dass es differenzierte Rangordnungen der Hobbys gibt, die als „seriös“ akzeptiert werden. Autos, Traktoren, Golf, Reiten, Wein, Zigarren und Boote gelten als seriös. Erbauer von Flug- und Schiffsmodellen werden wegen der handwerklichen Herausforderung akzeptiert und bewundert. Die weit komplexere und mit sehr viel Hightech ausgestattete Modellbahn läuft, wiewohl viel anspruchsvoller, als Kinderspielzeug. Verständlich, dass Mann damit nicht in Verbindung gebracht werden möchte.

Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass der Stellenwert der „richtigen“ Bahn nicht hoch genug ist und das Image der DB am Boden liegt. Eisenbahn gilt, vom ICE abgesehen, nicht eben als chic, ein Dampflokmodell noch weniger. Wer ein Porsche-Modell auf seinen Schreibtisch stellt, hat dagegen selten ein Imageproblem.

Modellbahner orientieren sich in der Regel an historischen Vorbildern, sie sind im besten Sinne konservativ und wollen sich etwas bewahren, was es beim Vorbild nicht mehr gibt. Ist das schlecht? Brauchen wir in einer rasant bewegten Welt, in der alles möglich ist und in der kaum noch Maßstäbe außer Geld gelten, nicht einen inneren Ruhepol, der sich an einem Hobby orientiert, bei dem man seine Schrittgeschwindigkeit und seine Präferenzen ganz und gar selbst bestimmen kann? Ist jemand, der nicht Marathon läuft oder Berge besteigt und auch in der Freizeit wie im Beruf Höchstleistungen vollbringt, ein besserer Manager als jener, der sich in eine Welt versetzt, in der er selbst bestimmt, wie weit er geht. Wo nicht körperliche Grenzen ausgelotet werden, sondern intellektuelle und handwerkliche?

Das eher belächelte Image der Modellbahn basiert auch darauf, dass heute nicht einmal mehr Märklin etwas für das Image tut. Diese Marke war beliebt, trotz technischer Gimmicks konservativ und trotzdem zeitweise innovativ – auch wenn es nur um PR-Gags ging wie vergoldete Lokomotiven oder umlackierte Vorbildloks, die man dann als Modell anbieten konnte. Eine Masche, die eine Zeit lang funktionierte und Märklin immer wieder in die Medien brachte. Die Sympathiewelle unter den bahnernden Journalisten war erstaunlich groß, als Märklin Insolvenz anmelden musste.

Tradition ist gut, doch Images müssen mit der Zeit gehen. Wie sehr Modellbahn Hightech ist, hat die zersplitterte Branche nie fundiert vermittelt, zumal Digitalsteuerungen im Gebrauch wie Windows 95 und nicht sexy wie Apple sind. Modellbahn steht eher für Entgleisungen, Zusammenstöße und in der Kurve umgekippte Züge und alte Flügelsignale, die auf Halt stehen. Sie liefern kindische Metaphern an zynische Journalisten, die sich mit diesem Hobby nie auseinandergesetzt haben und es nicht überschauen oder an jenen Hobby-Autisten festmachen, die wir zuweilen auf Ausstellungen und Messen sehen.

Auch Märklin-Insolvenzverwalter Pluta ist mit der Vorstellung „Die Kinder von heute werden die Sammler in 30 bis 40 Jahren sein“ auf dem Holzweg. Es geht nicht um das Sammeln – an dieser Marktsättigungsphilosophie sind schon mehrere Manager bei Märklin gescheitert. Es geht um die Vermittlung der Idee, dass Modellbahn Historie und Zukunft, Hightech, Kreativität, Spaß und Entspannung ist und Modellbahner keine kleinen Kinder an der (verdienstvollen!) Brio-Bahn, sondern (meist) ernstzunehmende Erwachsene sind. Kinder kann man heranführen durch Präsenz in der Fläche, durch Aktionen und Mitmachen dürfen, aber vor allem mit bezahlbaren Preisen. Nur wer als Kind mit dem Eisenbahn-Virus infiziert wurde, steigt als junger Vater oder Rentner wieder ein, zeigt meine Erfahrung.

Die stockkonservative, mittelständische Modellbahnbranche ist marketingmäßig entweder bei den Methoden der 70er Jahre stehengeblieben oder schießt, siehe Sammlermarkt, weit an den Zielgruppen vorbei. Wer, wie Märklin-LGB, Gartenbahnmodelle mit Gartenzwergen garniert und damit die Kunden als kleinkariert und kleinbürgerlich diskreditiert, hat das Hobby und seine heterogene Zielgruppe nicht verstanden. Die bekennt sich, wenn sie im Rampenlicht steht, aus gutem Grund nicht zum Modellbahn-Hobby, das ein Seelenbalsam ist.

Wellness für die Seele. Das wäre imagebildend.

 
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