Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Alegria mit Allegra bei der Rhätischen Bahn

14.10.09 (Innovationen, Nahverkehr, Personenverkehr, Schweiz)

Die meterspurige Rhätische Bahn (RhB) im Kanton Graubünden gehört zu den schönsten Eisenbahnen der Welt. Heute gab es Grund für Alegria (spanisch: Lebensfreude), denn die RhB erhielt in Landquart von der Stadler Altenrhein AG den ersten von 15 neuen Zweispannungstriebzügen der Reihe Allegra. Etappenweise werden nun die restlichen Triebzüge ausgeliefert und auf dem RhB-Netz getestet. Die Züge werden auf der Berninalinie (Gleichstrom), der Chur-Arosalinie sowie auf der Strecke Landquart – Davos (Wechselstrom) eingesetzt.

Die ersten fünf Züge werden bis April 2010 ausgeliefert und ab Mai 2010 für eine deutliche Entspannung der Betriebssituation auf der vor allem im Sommer sehr stark ausgelasteten Berninalinie sorgen. Die bisher eingesetzten, teilweise bereits historischen Triebwagen auf der Berninalinie entsprachen nicht mehr den Erwartungen des heutigen Fahrgasts und des Betriebs. Dank des flexiblen Einsatzes werden diese Zweispannungstriebzüge auch auf der Arosalinie verkehren.

Die mehrsystemfähige Antriebsausrüstung bringt eine Leistung von 2,6 MW (zum Vergleich: die stärkste Lok der RhB, die Hochleistungslokomotive Ge 4/4 III, bringt es auf 3,2 MW). Ein weiteres Merkmal des neuen Triebzugs ist die hohe Anfahrzugkraft von 260kN, welche diejenige der Ge 4/4 III sogar um 30 Prozent übertrifft. Damit ist der Allegra, was Leistungsdichte, Leistungsfähigkeit und Gewicht betrifft, ein weltweit einmaliger Meterspurtriebzug.

Die neuen Triebzüge können den Stromsystemwechsel auch fahrend durchführen. Entsprechend entfällt zukünftig der Triebfahrzeugwechsel in Pontresina zwischen Stamm- und Berninalinie, was zu einer weiteren Reisezeitverkürzung führt. Die moderne Antriebsregelung sowie der Einzelachsantrieb stellen sicher, dass die Triebzüge mit schweren Anhängelasten und bei allen Witterungsbedingungen die Steigungen des RhB-Netzes bewältigen können.

Der neue Triebzug besteht aus zwei Trieb- und einem Zwischenwagen. Letzterer bietet dank Niederflurbereich einen bequemen Einstieg, behindertengerechte WC sowie Abstellplätze für Kinderwagen. In allen drei Gliedwagen sind auch Abstellvorrichtungen für Fahrräder eingebaut. Insgesamt bieten die Triebzüge in der 1. Klasse 24 und in der 2. Klasse 76 Sitzplätze sowie weitere Klappsitze und Stehplätze. Die Fahrgasträume sind vollklimatisiert und mit einem modernen Fahrgastinformationssystem mit Flachbildschirmen ausgerüstet. Fenster zum Öffnen gibt es offenbar nur sehr wenige, keine gute Idee für Fahrten über den Berninapass.

Der neue Zug fällt hebt sich auch optisch von den Vorgängern ab. Auf seiner wuchtigen (aber sehr zerklüfteten und mit viel zu vielen Anschlüssen bestückten) Stirnfront prangt das Bündner Wappen. Der Steinbock symbolisiere das Selbstbewusstsein und das Bekenntnis der RhB zum Kanton Graubünden, schreibt der Hersteller. Der untere Teil des Führerstands mit der zur Spitze laufenden Form und dem geraden, nach hinten gewölbten Führerstandsfenster soll dem Fahrzeug Eleganz verleihen.

Die Innenraumgestaltung nimmt die lokale Tradition der Baukultur auf und interpretiert diese neu – ein Ansatz, mit welchem es die Bündner Architektur zu Weltruhm gebracht hat, so die Pressemitteilung. Um eine klar lesbare Struktur zu schaffen und dem Layout eine gewisse Grosszügigkeit zu vermitteln, wurden zwei Oberflächenthemen gewählt, die sich durch den ganzen Zug ziehen. Als moderne Interpretation traditioneller Holzbauweise zieht sich die Oberfläche „Vrin“ als Seitenwandverkleidung linear durch den gesamten Zug. Unterbrochen wird es von den Apparatekästen, die durch die Oberfläche „Vals“ als unregelmässig geschichtete Monolithen erscheinen. Schade, das hätte ich gern im Bild gesehen.

Bis die ersten fünf Triebzüge der ersten Tranche Mitte Mai im fahrplanmässigen Einsatz stehen, sind noch umfangreiche Testfahrten auf dem RhB-Netz vorgesehen. Nach der technischen Abnahme durch das Bundesamt für Verkehr BAV Ende Jahr sind erste Testfahrten mit RhB-Mitarbeitern und deren Angehörigen geplant. Die offizielle Taufe wird am 1. Mai 2010 in Landquart sein.

In einer zweiten Etappe werden die rund 40-jährigen Pendelzüge durch fünf vierteilige Einspannungstriebzüge, die nur mit Wechselstrom laufen, ersetzt. Der Service im Churer Rheintal (Linien Chur – Thusis und Schiers – Rhäzüns) wird dadurch attraktiver gestaltet und ausgebaut. Die Inbetriebsetzung erfolgt im Frühjahr 2011. Die fünf Triebzüge kosten rund 50 Millionen Franken. Insgesamt belaufen sich die Kosten der ersten und zweiten Etappe damit auf rund 200 Millionen Franken. Die Finanzierung des Flottenkonzepts wird über Kanton und Bund, den Kapitalmarkt sowie über die Auslösung von Rücklagen sichergestellt. Ohne den vom Kanton zur Verfügung gestellten Finanzbeitrag in der Höhe von 22 Millionen Franken hätten die dringend notwendige Ersatzbeschaffung und die damit verbundene Modernisierung des Rollmaterials nicht derart schnell realisiert werden können.

Fotos waren bis jetzt nicht erhältlich. Aber das ist leider nicht Neues in der Bahnindustrie, die sich traditionell schwer tut mit der fotografischen Inszenierung ihrer Produkte. Schade.

Nachtrag: Hier noch ein Link zu privaten Fotos, die den Zug zeigen. Hier noch mehr.

2 Kommentare

  • 1
    Peter Amgalgen:

    Nun gibt es auf der RhB Webseite erste Bilder und eine kurze Pressemitteilung: http://www.rhb.ch/News.333.0.html?&ics_news_action=detail&icsnewsuid=115

    Aber ansonsten voll mit dir einverstanden, bzgl. Eigenvermarktung der Bahnen.

    Grüsse, Peter

  • 2
    Friedhelm Weidelich:

    Danke für den Hinweis. Die Fotos sind ja ganz nett, obwohl das viel zu oft eingesetzte Extremweitwinkel nervt. Es ist mir ein Rätsel, warum man nicht schon auf dem Fabrikhof den Zug von innen und außen fotografiert und dokumentiert hat. Da bestellt man Bahnen für hunderte Millionen und ist nicht in der Lage, einen neuen Zug ansprechend für die Tagespresse, das eigene Image und die Nachwelt zu fotografieren. Ich weiß, der Kunde hat das Recht, über die Bilder zu verfügen. Aber was kann die RhB für ein Interesse haben, den Zug ausführlich zu beschreiben, ihn aber nicht adäquat zu zeigen? Will sie bis Mai 2010 warten?
    Es ist ein Jammer mit dieser Bahnindustrie, weltweit. Herzliche Grüße in die Schweiz, Friedhelm

 
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