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Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Deutsche Bahnindustrie leidet unter massivem Auftragsrückgang und sucht politische Unterstützung

15.10.09 (Deutschland, Marketing, Verkehrspolitik)

Laufend neu gemeldete Aufträge täuschten bisher darüber hinweg (Auszüge aus der Pressemitteilung): Krisenbedingt müssen die Unternehmen der Bahnindustrie in Deutschland im ersten Halbjahr 2009 einen massiven Rückgang der Auftragseingänge um 23 Prozent hinnehmen. Ihr Volumen sinkt von 6,1 Mrd. Euro im ersten Halbjahr 2008 auf nun 4,7 Mrd. Euro. Verantwortlich dafür ist vor allem die stark rückläufige Nachfrage nach Schienenfahrzeugen aus dem Ausland. Sie geht gegenüber dem Vorjahreszeitraum in der ersten Jahreshälfte um über 44 Prozent zurück. Dagegen profitieren die Bahntechnikhersteller noch einmal von ihrem hohen Auftragsbestand: So stieg der Umsatz der Unternehmen in der Bahnindustrie in den ersten sechs Monaten um 11,4 Prozent von 4,4 auf 4,9 Mrd. Euro. Auch hier war das Geschäft mit dem Ausland maßgeblich beteiligt. Die Exportquote steigt auf 59 Prozent. Die Zahl der Beschäftigten (Anm: darin sind nur die Hersteller, nicht aber die Bahnbetreiber enthalten) bleibt mit über 45.000 weitgehend stabil.

„Die Weltwirtschaftskrise hat die Bahntechnikhersteller in Deutschland jetzt erreicht“, erklärte heute in Berlin der neue Präsident des Verbands der Bahnindustrie in Deutschland (VDB) e.V., Klaus Baur. Auf der Halbjahrespressekonferenz zogen die Spitzenvertreter der Bahnindustrie eine verhaltene Bilanz des ersten Halbjahrs 2009 – dem zweistelligen Umsatzwachstum zum Trotz. „Der Einbruch bei den Bestellungen ist nicht nur der wesentliche Indikator für die aktuelle Wirtschaftslage unter den Bahntechnikherstellern in Deutschland. Er lässt auch Rückschlüsse zu auf die mittelfristigen Geschäftserwartungen in der Bahnindustrie. Hier bewerten wir die Aussichten als kritisch“, sagte Baur.

Die Verbandsvertreter plädierten für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für den gesamten Bahnsektor und forderten die Benennung eines Nationalen Koordinators für Bahntechnologie und Schienenverkehr durch die Bundesregierung nach dem Beispiel anderer Wirtschaftsbranchen, zum Beispiel der Luft- und Raumfahrt oder der maritimen Wirtschaft. „Die neu zu schaffende Stelle sollte die Koordination im gesamten Schienensektor deutlich effizienter gestalten. Dazu gehört die Förderung von Innovations- und Entwicklungsvorhaben sowie der Einsatz für faire Wettbewerbsbedingungen auch für den Verkehrsträger Schiene“, schlug Baur vor.

Zu den strukturellen Defiziten im Schienensektor gehörten auch die Investitionszuschüsse für das bundeseigene Schienennetz. „Das Finanzierungsniveau hinkt hier fast ein Jahrzehnt zurück. Dank der Konjunkturpakete bewegen wir uns wieder etwa auf dem Stand des Jahres 2000, nachdem die Investitionszuschüsse in den Jahren 2003 bis 2007 kontinuierlich gesunken sind, während die Verkehrsleistung auf der Schiene zeitgleich massiv gestiegen ist“, sagt Ronald Pörner, Hauptgeschäftsführer des VDB. Der Verband der Bahnindustrie in Deutschland und andere Branchenverbände hätten berechnet, dass die Schieneninfrastruktur nach Auslaufen der Konjunkturpakete ab 2011 jährlich rund 5 Mrd. Euro benötigte, erklärte Pörner.

Ähnlich dramatisch sei die Unterfinanzierung im Öffentlichen Personennahverkehr für Ersatzinvestitionen in Verkehrsanlagen von U-Bahnen, Stadt- und Straßenbahnen. Der Deutsche Städtetag hat gemeinsam mit dem VDV ermittelt, dass bis heute ein investiver Nachholbedarf in Höhe von insgesamt 2,35 Milliarden Euro besteht. Dieser wächst durch unterbleibende Reinvestitionen Jahr für Jahr um 330 Millionen Euro an.

„Um den künftigen Herausforderungen auf der Schiene Rechnung zu tragen, ist eine moderne Infrastruktur unerlässlich“, erklärte Pörner. „Hierzu gehört ebenso, das Netz durch moderne Leit- und Sicherungstechnik auch für den grenzüberschreitenden Verkehr auszurüsten.“ Er forderte, den Zustand der Schieneninfrastruktur hinreichend transparent zu machen.

Dazu möchte ich kritisch anmerken: Natürlich muss die Unterstützung durch die Politik eingefordert werden. Aber die Bahnindustrie, die traditionell im Verborgenen akquiriert und produziert, hat einen gewaltigen Nachholbedarf bei der Imagebildung in der breiten Öffentlichkeit, welche sie als Gegenwicht zur Straßenverkehrslobby dringend bräuchte. Wer aber kaum öffentliche Präsenz zeigt, existiert im Bewusstsein unserer Informationsgesellschaft nicht.

Wenn die Bahnindustrie nicht deutlich mehr für eine hochprofessionelle Imagewerbung tut und massiv in Pressearbeit investiert, wird sie weiter Spielball der Politik und Reagierende, nicht Agierende, sein. Die Öffentlichkeit und ein Teil der Medien sind so offen wie noch nie für umweltfreundlichen Schienenverkehr. Man muss ihnen aber mit Schnupperangeboten, cleveren und jungen Ideen, gezielter Öffentlichkeitsarbeit, Lernmöglichkeiten und Imagewerbung entgegenkommen. Und den Journalisten abseits der traditionellen Pfade endlich vermitteln, wie wichtig und groß die Bahnindustrie ist. Auch das muss Bestandteil der dringend notwendigen Lobbyarbeit sein, wie sie etwa die Allianz pro Schiene recht gut beherrscht. Ohne Geduld, Geld und frische Ideen funktionieren Imagebildung und der Aufbau von öffentlichem Druck nicht.

 
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