Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Boombranche fährt auf Schienen

05.10.09 (Deutschland, Marginalien, Marketing, Verkehrspolitik)

Die IAA ist vorbei, die potemkinschen Dörfer-Fassaden des Elektroautos sind abgebaut und wir werden weiter kitschige Elogen (aus Wikipedia: Eine Eloge ist eine übertriebene Lobrede. Die Eloge wird häufig zu feierlichen Anlässen vorgetragen, um dem Gastgeber zu schmeicheln. Zwar kann sie einerseits mit Opportunismus in Verbindung gebracht werden, andererseits ist Kritik im Rahmen eines festlichen Anlasses in der Regel unangemessen, so dass von den Anwesenden die Übertreibung als üblich angesehen wird.) über schwergewichtige SUVs (Sport Utility Vehicles = der Fahrer ist etwa so sportlich wie ein Fußballfan), Randgruppenautos mit Tiernamen, unverkäufliche Racing-Modelle und sanft dahingleitende, auch im Stau dank Hochleistungs-Hifi-Anlage unterhaltsame 350 PS-Chaisen und italienische Zuhälterautos mit dem Geräuschpegel einer sehr alten Diesellok lesen, obwohl die Bürger längst auf spritsparende und ökologischere Autos umgestiegen sind. Dort fällt die Tür nicht ganz so satt ins Schloss und die Heckklappe schließt nicht elektromotorisch. Zweifellos eine Zumutung für den behandschuhten Herrenfahrer!

Wie schön, dass es noch eine Boombranche gibt, die von ihren Zügen nicht, wie auf der IAA, mit attraktiven Models davon ablenken muss, dass drei, fünf oder bald gar zehn Marken dasselbe Plattformfahrwerk verwenden, die Fahrerassistenzsysteme entweder von Bosch oder Continental kommen und das schöne Blech den Markenkern ausmacht. Die Schienenverkehrsbranche hat nicht Benzin im Blut, sondern fährt schon seit 120 Jahren mit Strom und generiert ihr Wachstum aus purer Vernunft, steigender Nachfrage dank weitsichtiger Politiker (gibt’s auch) und der Gewissheit, dass der Individualverkehr seine natürlichen Grenzen hat. Wo Nachhaltigkeit nicht einfach nur modernes Geschwätz ist, sondern Konstruktionsprinzip. Denn Schienenfahrzeuge sind auf 30 bis 50 Jahre Nutzungsdauer angelegt.

So ist es sehr erfreulich, dass die Berliner InnoTrans als weltweit führende Fachmesse für Verkehrstechnik meldet, dass sie für 2010 nahezu ausgebucht ist. Mehr als 90 Prozent der Rekordausstellungsfläche von 2008 sind bereits belegt. Sowohl bei der Anzahl der Aussteller als auch bei der vermieteten Hallenfläche liegen die aktuellen Zahlen über den Vergleichswerten der letzten Veranstaltung. Die Nachfrage aus dem In- und Ausland hält weiter an. Besonders großes Interesse gibt es für die erweiterten Präsentationsmöglichkeiten auf der 3.500 Meter langen Gleisanlage, schreibt die Messegesellschaft.

Und weiter: Inzwischen kommt mehr als die Hälfte aller Aussteller aus dem internationalen Raum. Während auf der InnoTrans schon seit Jahren alle wichtigen europäischen Player vertreten sind, hat die Präsenz von Unternehmen aus Asien, Australien, Osteuropa und dem Nahen Osten insbesondere in 2008 noch einmal deutlich zugenommen. Für die nächste InnoTrans zeichnet sich unter anderem eine stärkere Beteiligung von Firmen aus Nordamerika ab. Die Zahl der Fachbesucher aus den USA und Kanada wird damit ebenfalls weiter wachsen.

Der Wettbewerb wird schärfer, zumal überall auf der Erde Hochgeschwindigkeitsstrecken, Straßen- und Stadtbahnen und Metros gebaut und Regionalbahnen wieder flott und attraktiv gemacht werden. Eine nachhaltige Entwicklung. Schade nur, dass die Rasseln der Schienenverkehrsbranche neben den Werbe- und PR-Trommeln der Autobranche in der (deutschen) Öffentlichkeit kaum hörbar sind.

 
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