Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Peinlich: Deutschland investiert noch weniger in den Schienenverkehr als Italien

23.10.09 (China, Deutschland, Europa, Österreich, Schweiz, Verkehrspolitik)

Die großen Industrieländer Europas investieren hohe Summen in ihre Eisenbahnnetze. Nach einer Untersuchung von Allianz pro Schiene und SCI Verkehr droht Deutschland, den internationalen Anschluss zu verpassen. Im Europa-Vergleich kommen die europäischen Staaten im Jahr 2008 auf folgende pro Kopf-Investitionen der öffentlichen Hand in die Schienen-Infrastruktur:

  • Die Schweiz investierte 284 Euro pro Bürger,
  • Österreich folgt mit 205 Euro pro Kopf. Beide Länder stecken traditionell deutlich mehr Geld in die Schiene als in die Straße.

091023_ApS_Investvergleich_Schiene_pro_Kopf_WebAber auch andere Europäer ertüchtigen zur Zeit mit Hochdruck ihr Schienennetz:

  • Großbritannien 136 Euro pro Kopf,
  • die Niederlande (105 Euro),
  • Schweden (104 Euro),
  • Spanien (84 Euro) und
  • Frankreich (80 Euro).

Deutschland rangiert mit Investitionen von 47 Euro pro Kopf weit abgeschlagen noch hinter Italien (60 Euro).

Der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege, kritisierte heute in Berlin, dass der deutsche Sonderweg beim Verkehr geradewegs in die Sackgasse führe. „Die mächtige Autoindustrie sorgt hierzulande seit Jahrzehnten dafür, dass die Straßeninfrastruktur stets um ein Vielfaches besser ausgestattet wird als die Schiene“, sagte Flege und verlangte von der schwarz-gelben Koalition ein energisches Umlenken. „Wir sind gespannt, welche Entscheidungen bei den kommenden Haushaltsberatungen fallen“, sagte Flege und forderte, dass Deutschland es unter der neuen Regierung mindestens auf „italienische Verhältnisse“ bringen müsse: „Das sind 60 Euro pro Kopf aus Bundesmitteln für die Schieneninfrastruktur.“

„Mit 47 Euro pro Einwohner rangieren Deutschlands staatliche Infrastrukturinvestitionen am unteren Ende der Skala“, sagte Lars Neumann von der Beratungsfirma SCI Verkehr. Auch ein Wechsel der Betrachtungsweise bringe kein anderes Ergebnis. „Legt man den Vergleich zwischen Wirtschaftskraft und staatlichen Investitionsvolumen zu Grunde, sieht es noch düsterer aus“, sagte Neumann. Während die europäischen Spitzenreiter mit den Schwellenländern China, Russland oder Indien gleichauf stünden, fielen die deutschen Investitionen im Verhältnis zur Wirtschaftskraft noch weiter zurück. „Gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegt Deutschlands Schienenengagement knapp vor der Türkei. Mit dieser unterdurchschnittlichen Investitionsbereitschaft auf dem Heimatmarkt verspielt die Politik die weltweite Führungsposition der deutschen Bahnwirtschaft“, sagte der Berliner Büroleiter von SCI Verkehr.

091023_ApS_Investvergleich_Schiene_Strasse_WebPeter Mnich vom Institut für Bahntechnik/TU-Berlin, erklärte, dass China im Jahr 2009 erstmals mehr Geld in die Schiene als in die Straße investiert habe. 79 Milliarden Euro flossen im Jahr 2009 in die chinesische Schienen-Infrastruktur. Für die Straße brachte Peking im laufenden Jahr nur noch 78 Milliarden Euro auf: „Den Ruf des Autoboomlandes hat China zu Unrecht“, sagte der Asien-Spezialist und betonte, dass es sich dabei um „eine strategische Entscheidung zu Gunsten der Schiene“ handele, mit der China im Rahmen des jüngsten Fünf-Jahres-Planes seinen Verkehr „zukunftstauglich“ mache. Der Bahntechnik-Experte wies darauf hin, dass Peking mit seiner Investitionspolitik Deutschland gemessen an der Wirtschaftskraft „um Längen abgehängt“ habe.

Wie der Deutschlandfunk soeben meldete, ist (gerüchteweise) CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer als Bundesverkehrsminister vorgesehen. Bei so viel zu erwartender Kompetenz ist wohl jeder Kommentar überflüssig.

 
Get Adobe Flash player

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen