Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stammkunden melken statt pflegen – die Bahncard wird schon wieder teurer

07.10.09 (Deutschland, Marketing, Personenverkehr, Schweiz, Verkehrspolitik)

Gottgleich oben thront die DB-Verwaltung (Foto: Reality Scanner)

Gottgleich thront oben die DB-Verwaltung (Foto: Reality Scanner)

Nun ist es raus: Die Bahn erhöht die Preise, und zwar nicht „mit Augenmaß“, wie DB-Vorstand Homburg seine Pressestelle mitteilen läßt, sondern wie ein Monopolist. Haarsträubend der Verweis auf angeblich hohe Lohnabschlüsse, ein Zeichen der Inkompetenz und Unverschämtheit der Hinweis auf langfristige Verträge bei der Energieversorgung, die hohe Preise garantiert, aber nicht sinkende wie sonst überall.

Wer die Preiserhöhungsargumente der letzten Jahre – 2009 verharmlosend „Preismaßnahme“ genannt – Revue passieren lässt, kann sich über die Fantasielosigkeit der Deutschen Bahn nur wundern. Die Argumente sind vorhersehbar und austauschbar: 2007 erhöhte die DB die Preise gleich zweimal. Ab 1. Januar 2007 kosteten Fernverkehrsreisen rund 5,6 Prozent mehr, im Regionalverkehr um durchschnittlich 2,9 Prozent. Darin enthalten sei die Mehrwertsteuererhöhung am 1. Januar. Die Bahn begründete die Preiserhöhung mit höheren Kosten für Strom und Dieseltreibstoff. Allerdings machen die Ausgaben für Energie laut Bahnsprecher Gunnar Meyer nur etwa zehn Prozent der Gesamtkosten aus. Am 9. Dezember 2007 stiegen die Preise für Einzelfahrscheine und Zeitkarten in der 2. Klasse um durchschnittlich 2,9 Prozent. Man reagiere damit vor allem auf den erheblich höheren Personalaufwand ab 2008 und die gestiegenen Energiepreise, teilte der Konzern mit. Insgesamt summiert sich die Preiserhöhung beim Fernverkehr auf 8,66 % im Jahr 2007 – Abzocke für den Börsengang. Darin waren sich Kommentoren und Bahnkunden einig.

Am 14. Dezember 2008 verteuerten sich Fahrten im Nah- und Fernverkehr um durchschnittlich 3,9 Prozent und die Preise für BahnCards um durchschnittlich 3,6 Prozent. Versteckte Preiserhöhungen sah der VCD auch bei 1. Klasse-Tickets: Der 1.Klasse-Faktor wurde von 1,6 auf 1,62 angehoben. Damit wurden 1.Klasse-Fahrscheine nicht um 3,9 Prozent, sondern sogar um 5,2 Prozent teurer, beklagte der VCD. Begründet wurden die Preiserhöhungen mit gestiegenen Personal- und Energiekosten. Da waren die Energiepreise aber schon drastisch gefallen.

Auch 2009 sind es wieder die Personal- und Energiekosten. Nur die Zahl ist nicht der Schwellenpreis 2,9 oder 3,9, den man aus dem Einzelhandel kennt. Mit 1,8 Prozent gibt sich diesmal die Bahn zufrieden, obwohl die Inflation bei Null liegt und das Preisniveau der Bahn entsprechend beeinflussen sollte. Doch schon wieder wird die fast schon unumgängliche Platzreservierung, die die Bahn intern so wenig kosten dürfte wie eine SMS (ca. 3 ct), um 25 Prozent auf 2,50 Euro erhöht, am Schalter um 50 ct auf satte 4,50 Euro. Da fühlt man sich doch willkommen!

Produktivitätsfortschritte scheint die Bahn nicht zu kennen, sie macht nach außen auf „Unternehmen“, verwaltet aber intern nur den Mangel und kalkuliert wie eine Behörde. Exakt wie die Rundfunkanstalten. Nicht interessante Angebote sind das Thema, sondern wieviel man braucht, um satte Gewinne oder zumindest im alten Trott weiterzumachen. Schließlich ist man Monopolist.

Erschreckend ist die Fantasielosigkeit der Argumentation bei der Bahncard: Es gibt keine. Ausgerechnet die Stammkunden werden erneut zur Kasse gebeten, und das zusätzlich zu den Bahnpreisen, die nur mit diesen Rabattkarten als angemessen bezeichnet werden können. Die BahnCard 50 verteuert sich um 5 Euro von 225 Euro (450 Euro in der 1. Klasse) auf 230 Euro (460 Euro in der 1. Klasse). Hallo? Das sind 440 DM für eine BC 2. Klasse und 900 DM in der 1. Klasse. Dafür bekomme ich hochwertigste Unterhaltungselektronik, einen ein- bis zweiwöchigen Urlaub mit Flug oder kann dafür einen Monat ein ganzes Haus auf dem Lande mieten. Der Gegenwert für diese hohe Vorab-Zahlung, mit denen sich die Bahn Kredite spart, ist als einzige Gegenleistung ein angemessener Fahrpreis statt der irrwitzigen Mondtarife.

Auch bei der BahnCard 100 für die 2. Klasse wurden ein paar hundert Euro draufgeschlagen, sie kostet nun 3.800 Euro. Es sind eben die Stammkunden, die die Bahn am liebsten melkt.

Dabei wäre gerade die schon seit vielen Jahren überteuerte BahnCard ein ausgezeichnetes Kundenbindungsmittel. In der Schweiz kostet das Halbtax-Abonnement, das sogar in Schiffen und Bussen gilt, 150 Franken, das sind ganze 99,20 Euro. Das Abo erfüllt ansonsten den gleichen Zweck wie die BahnCard zu 230 und 460 Euro, gilt in beide Klassen und zeigt, dass der Preis der BahnCard schlicht eine Unverschämtheit ist. Fast jeder Schweizer hat ein Halbtax-Abo und fährt doppelt so viel Bahn wie ein Deutscher. Ob das ein Zufall ist? Aber die SBB will nicht an die Börse und liebt ihre Kunden. Und die Kunden lieben sie, weil sie zuverlässig und modern ist und eigenes Personal nicht nur als Kostenfaktor ansieht, den man bekämpfen muss. Sie lässt gerade Doppelstockzüge bauen, die auch deutschlandfähig sind. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als die SBB oder einen anderen Betreiber wie Veolia als Konkurrent im Fernverkehr. Das würde dieser Endlosspirale bei der Preisgestaltung, die nur eine Richtung kennt, ein Ende setzen.

Die überteuerte BahnCard bietet keinen nennenswerten Mehrwert. Die DB prahlte auch noch, dass die City-Option von 115 auf 118 Städte ausgedehnt wurde, wow! Wie wäre es stattdessen mit einem Rabatt beim Kaffee, kostenlosen Zeitungen, kostenlosem Internetzugang und Internetbuchungen ohne ausgedrucktes Papier, die man mit einem kleinen Lesegerät direkt auf die BahnCard überträgt? Als Karte, die mir im ÖPNV des Zielorts zwei Tage lang dient? Was wäre, wenn die paar Bahn-Fahrräder in den Großstädten kostenlos zu nutzen wären und nicht für 6 ct pro Minute, was stolze 3,60 Euro pro Stunde sind? Ich bezahle bei Nextbike in wesentlich mehr Städten lediglich 1 Euro pro Stunde und 5 Euro für 24 Stunden!

Die Deutsche Bahn hat mit Recht ein miserables Image und tut nichts, um das zu ändern. Diese Preiserhöhung ruft zwar wie immer scharfe Proteste hervor, die genau wie in den Vorjahren verhallen werden. Doch der Imageschaden einer DB, die sich gerade von Mehdorns Regime zu erholen schien, wird nun auch vom neuen Vorstandsvorsitzenden Grube vergrößert. Das ist politisch kurzsichtig und unternehmerisch dumm. Jetzt wären ein deutlicher Kurswechsel und Bescheidenheit angesagt gewesen, kombiniert mit Kreativität und Innovation – intern und auch für die Kunden. Stattdessen gefällt sich die Deutsche Bahn AG weiter als Behördenbahn, die sich als Monopolist schamlos bei den Kunden bedient.

Wie schrieb doch ein Leser der FAZ so treffend nach der Preiserhöhung 2008: Großkonzerne sind doch etwas Herrliches. Besonders für ihre Vorstände, die von Politikern und Journalisten schon mal mit Unternehmern verwechselt werden. Was stört, sind zum ersten die Mitarbeiter und zum zweiten die Kunden.

 
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