Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

DB-Vorstandsvorsitzender Grube wünscht sich eine sympathische Bahn – ich mir auch

07.11.09 (Bahnhöfe, Deutschland, Frankreich, Personenverkehr, Verkehrspolitik)

Die FAZ führte ein langes und gutes Interview mit DB-Vorstandschef Rüdiger Grube. Anders als sein Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg verzichtet er auf Kampfrhetorik gegenüber Mitbewerbern. Das hat Stil.

Die kommende Preiserhöhung findet er in Ordnung. Bemerkenswert ist Grubes Erkenntnis, wie schlecht das Image der DB doch ist. Er wünscht sich eine sympatische Bahn: „Das Image der Bahn ist nicht gut. Darunter leiden die Mitarbeiter, und das tut mir manchmal in der Seele weh. Gerade weil die Kolleginnen und Kollegen einen tollen Job machen. Um sympathischer zu werden, müssen wir daher noch viel arbeiten. Sonst wenden sich die Kunden ab.“

Sympathisch, dass sich Grube um die Mitarbeiter sorgt, die Mehdorn bespitzeln und auf dem Lokführerstuhl Überstunden kloppen ließ. Sie haben im Zuständigkeitswirrwarr versucht, ihre Arbeit zu machen. Trotz Mobbing gegen Beamte, trotz abgebauten Weichen, die für Zugkreuzungen überall fehlen. Ja, die Mitarbeiter können einem leid tun. Die Bahnkunden sowieso.

Die Journalisten haben sich jedenfalls schon lange abgewendet. Mit welcher Begeisterung sie sich auf die neue DB-Konkurrenz stürzen, und sei sie noch so klein! Das ist kein Zufall. Das ist die subtile Rache, die sich die Deutsche Bahn redlich verdient hat.

An vorderster Front die zentrale DB-Pressestelle. Die hat – sicher auch dank Mehdorns Schuh im Hintern – viele Jahre eine Menge für das schlechte Image der Bahn getan, durch Arroganz, Nicht-Erreichbarkeit, nicht antworten, Herausreden und ungeschicktes Nichts-sagen-wollen selbst bei einfachen Fragen, durch intransparente Informationspolitik bis zur vorsätzlichen Verleugnung von Tatsachen – und wenn es nur die sauber recherchierte kommende Preiserhöhung war, die bestritten wurde. Lügen gehört nicht zur Aufgabe von Pressestellen.

Schon vergessen, wie die Unternehmenskommunikation der Deutschen Bahn mit Millioneneinsatz versuchte, mit verdeckten Leserbriefen, in Internetforen und in Massenmedien die öffentliche Meinung im Sinne pro Privatisierung zu manipulieren? Man kann das beschönigend „professionell“ oder „virales Marketing“ nennen. Glaubwürdig und vor allem sympathisch wird man damit nicht.

Image kann man sich nicht kaufen, man muss es sich erarbeiten.

Menschenwürdige Bahnhöfe und nicht verdreckte Beinahe-Ruinen wie in Nordrhein-Westfalen wären besser fürs Image. Weniger (und wenn, dann funktionierende) Automaten und nicht der Quasi-Zwang zur Onlinebuchung sind weitere Punkte, bei dem die DB massiv übertrieben hat. Der Rückzug selbst aus Mittelstädten, wo gar nicht mehr oder höchstens stundenweise Schalterpersonal ansprechbar ist, war auch ein Rückzug aus dem Bewusstsein der möglichen Kunden. Und, Herr Dr. Grube: Waren Sie schon einmal in Paderborn, Wuppertal, Düsseldorf-Benrath, auf dem DDR-Bahnsteig in Stendal, in den stinkenden, schlecht beleuchteten Unterführungen von Solingen, Viersen und hunderten anderen Bahnhöfen, die Reisenden eiskalt – und das ist gerade im Winter wörtlich gemeint – zugemutet werden? Oder in jenen Bahnhof genannten Markthallen, die sich dem eiligen Bahnreisenden in den Weg stellen? Wollen Sie bei jedem Aufenthalt auf den Bahnsteigen des Düsseldorfer Hauptbahnhofs von einem Junkie angebettelt werden und beobachten, wie die armen Pfandflaschensammler die Müllbehälter durchsuchen?

Stattdessen hat Grubes Vorgänger den Lokführern eine Pilotenuniform verpasst – ob das was am Image geändert hat? Aber Mehdorn sah ja den Luftverkehr immer als glanzvolles Vorbild. Als wenn die Bahn nicht hundert Jahre mehr Erfahrung mit der Beförderung von Reisenden hätte… Und typisch Luftverkehr sind die unsäglichen Ansagen „Senk ju for trewwelling wiss Deutsche Bahn“ (heißt die nicht ungeheuer sympathisch DB Mobility Logistics?). Schaffen Sie diese Belästigung endlich ab, Herr Grube! Millionen wären Ihnen dankbar.

Für’s eigene Image hätte die Bahn auch in DB mobil, dem gut auch gegen das Lufthansa-Magazin austauschbaren Lifestyle-Blättchen im Zug, etwas tun können. Doch dort wird tunlichst vermieden, Bahnthemen überhaupt anzuschneiden – als ob die Deutsche Bahn sich selber peinlich findet. So wie viele Kunden. Ein Blick in Twitter belegt das jeden Tag in eindrücklichster Weise.

Die Deutsche Bahn hat kein Gesicht mehr, sieht man von den (für deutsche Verhältnisse freundlichen) Gesichter des ICE-Personals ab. Es ist eine Bahn, die mit verkommenen IC- und Nahverkehrszügen durch die Gegend und in verschmutzte, längst von der Natur zurückeroberte Bahnhofsbiotope fährt, in denen Birken und Essigbäume wuchern und niemand mehr zuständig ist für irgendwas in den zersplitterten Zuständigkeiten von Profit Centern und Dutzenden von GmbHs.

Eine Bahn, die so verkommen ist, die keinen Platz für Gepäck im ICE hat und ihre Kunden de facto zum Kauf teurer Platzkarten und unverschämt teurer BahnCards zwingt, kann nicht sympathisch sein. Das sage ich als alter Freund der Bahn.

Es ist eine seit vielen Jahren enttäuschte Freundschaft.

 
Get Adobe Flash player

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen