Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Nachtrag zum Leid der Lokführer

18.11.09 (Eisenbahn)

Unter Journalisten und Lesern wurde in den letzten Tagen sehr viel diskutiert, wie mit der Nachricht über jemand umgegangen wird, der sich vor einen Zug geworfen hat. Ich habe schon hier darüber geschrieben. In einem langen Beitrag ereiferte sich der Medienjournalist Stefan Niggemeier, dass die Berichterstattung über solche Suizide quasi automatisch Nachahmungstäter produziere – der Werther-Effekt. Je prominenter, umso mehr Nachahmer. Und letztlich hätten die zu viel und zu ausführlich berichtenden (und nur auf die Verkaufszahlen fixierten) Medien auch weitere Menschenleben auf dem Gewissen.

Hallo? Geht’s vielleicht auch eine Nummer kleiner?

Mich überzeugt Niggemeiers Argumentation mit ziemlich alten Zahlen keineswegs, viele Kommentatoren dort ebenfalls nicht. Zumal man keinen Selbstmörder fragen kann, ob er sich wegen einer Veröffentlichung vielleicht schon etwas früher als geplant umgebracht hat, ob er es nur wegen der Veröffentlichung tat oder was letztendlich der Auslöser war. Mit Sicherheit bringt sich ein seelisch gesunder Mensch nicht um, weil über einen Selbstmord berichtet wurde. Ein kranker, hochgradig depressiver Mensch, der keine Hilfe sucht und findet, wird dagegen seinen eigenen Gesetzen folgen. So oder so.

Dass es keinen Grund gibt, Details im konkreten Fall auszubreiten und dass solcher Voyeurismus nach dem Pressekodex aus gutem Grund nicht erwünscht ist, ist ein ganz anderes Thema. Obwohl es vielleicht für potenzielle Selbstmörder abschreckend wäre, wenn in allgemeiner Form berichtet würde, dass das schreckliche Ende auf dem Bahndamm ein zerfetzter Körper und auf 100 Meter verstreute Leichenteile wären. Und welch schlimme Belastung es für diejenigen ist, die diese Überreste sehen, dokumentieren und aufsammeln müssen. Ich kann mir nicht so recht vorstellen, ob ein Mensch wirklich in hunderten Stücken enden will.

Immerhin hat der Tod Enkes etwas notwendige Aufmerksamkeit auf die Lokführer gelenkt, und diesen hervorragenden, preisgekrönten Text von Antonia Berneike über das Leben eines Triebfahrzeugführers nach dem Schock möchte ich Ihnen empfehlen. Er ist lesenswert.

 
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