Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Und das Leid des Lokführers?

12.11.09 (Personenverkehr)

Ich interessiere mich nicht für Fußball. Ich halte nichts von dieser Entertainment-Branche, die manche als „Sport“ bezeichnen und sehe auch nichts Sportliches in grölenden Zuschauern mit Schal und Bierflasche. „Sport“ zu sehen weckt Emotionen, okay. Doch das verlogene Milliardengeschäft damit ist ein zu Unrecht privilegierter und von der Politik unnötig subventionierter Bestandteil der Unterhaltungsbranche. Damit meine ich nicht jene Sportler, die ihre Grenzen ausloten wollen oder in der Kreisklasse kicken. Sie haben Spaß daran und Ehrgeiz, stecken aber nicht im Hire&Fire-Business der Sport- und Dopingindustrie. Das kann lebensgefährlich sein, denn es geht immer nur um Geld, viel Geld.

Über Robert Enke weiß ich nur das, was veröffentlicht wurde. Jeder Tod, besonders der Suizid, ist eine Tragödie. Und weil hinter jedem Selbstmord Fragen über Fragen stehen, die nie mehr geklärt werden können, ist dieser Tod ein besonders schlimmer für die Hinterbliebenen.

Ganz besonders hilflos hinterlässt der Selbstmörder aber den Lokführer, der nichts anderes konnte, als ihn sehenden Auges zu überfahren. Er wird sich schuldig fühlen. Oft ein Leben lang. Er musste zusehen, wie sein schwerer Zug nicht rechtzeitig zum Stehen kommt, weil viele Hundert Tonnen in seinem Rücken ihn über den hilflosen Menschen schieben und ihn zerfetzen. Oder er muss feststellen, dass die schemenhafte Erscheinung vor seinen schwachen Lokscheinwerfern ein Mensch gewesen sein muss, der jetzt nicht mehr lebt. Was für ein Schock, was für ein Ohnmachtsgefühl!

Ich habe um die Weihnachtszeit gesehen, wie Beamte nach einem „Personenschaden“ bei Bielefeld mit Petrischalen auf den Gleisen nach Überresten des Toten suchten. Ich habe in Nürnberg die Beule im dicken Triebwagenblech gesehen, die der Kopf eines Selbstmörders hineingeschlagen hat. Ich sah in München einen Toten auf dem U-Bahn-Gleis und erlebt die hilflose Stille. Ich hörte von einem Triebwagenführer in Baden-Württemberg, der an einem Vorweihnachtsabend drei Menschen überfahren und im Dienst bleiben musste, weil die DB keinen Ersatzmann heranschaffen konnte. Ich saß in einer S-Bahn, die kurz vor meinem nahegelegenen S-Bahnhof zum Stehen kam. Ich habe erlebt, wie lange es dauerte, bis der schockierte Lokführer nach Minuten eine Durchsage stammeln konnte. Zum Glück habe ich die Frau, die zwischen Bahnsteig und Zug eingeklemmt wurde, nicht sehen müssen. Sie war über die Gleise gerannt und hatte versucht, die über einen Meter hohe Bahnsteigkante hochzuklettern. Sie starb kurze Zeit später. Diese Nähe zu einem eben passierten Tod, auch mal nach einem Zusammenstoß auf der Straße, auf den ich mit meinem Fernsehteam nach Dreharbeiten für den MDR stieß, hat mich nie unberührt gelassen.

Die Lokführer, die so etwas Schreckliches, Unausweichliches erleben mussten (im Schnitt drei Mal im Lokführerleben), quälen sich oft ein Leben lang mit Schuldvorwürfen. Zwar hat die Bahn Psychologen, die beim Verkraften des Schocks helfen sollen. Aber ich habe gehört, dass die Lokführer oft nur nachhause geschickt werden und dann selber schauen müssen, wie sie klarkommen. Die DB betrachtet dieses Thema als Tabu. Dass diesen armen, unschuldigen Menschen mit allen Mitteln geholfen werden muss, daran besteht kein Zweifel. Die Lokführer verdienen unser größtes Mitgefühl.

Einzelne Leserbriefschreiber in der FAZ haben dieses Thema wenigstens erwähnt. Ein Depressiver denkt beim Selbstmord auf den Gleisen nicht an die Folgen seines Tuns, er hat für sich einen Ausweg gefunden. Sein zerfetzter, über eine große Fläche verstreuter Leib, der seinen Angehörigen nicht einmal einen würdigen Abschied erlaubt, interessiert ihn nicht. Noch weniger denkt er an den Lokführer, den er seinen Tod exekutieren lässt. Kann man ihm das vorwerfen? Vermutlich nicht, weil der Selbstmörder seelisch krank war und keine andere Lösung mehr wusste.

Umso dankbarer bin ich dem Kollegen Frank Wallitzek von Radio Bonn/Rhein-Sieg, dass er die seelische Last der Lokführer thematisiert hat. An die denkt kaum jemand, schon gar nicht beim Tod von weniger Prominenten.

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