Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Faller ist gerettet – Märklin nicht

14.01.10 (Marginalien, Modellbahn)

Wie zu erwarten, wurde gestern der Insolvenzplan für Faller angenommen. Die Gläubiger müssen sich mit einer Quote von zehn Prozent zufriedengeben, die Banken lassen ihre Kredite von 1,125 Mio. € für zehn Jahre stehen und bedienen sich an den Grundstücken.

Im Brief an die Gläubiger (siehe auch Gartenbahn Profi) heißt es weiter: Damit sind die Weichen für eine erfolgreiche Fortführung des Unternehmens gestellt. Die Gesellschafter müssen jetzt noch eine Kapitalerhöhung von mindestens 500.000,00 EUR beschließen. Nach Mitteilung von Dr. Grub ist dies jedoch eine Formsache. Danach wird das Insolvenzgericht den Plan bestätigen. Die Gebr. FALLER GmbH kann jetzt mit der Reorganisation der Produktionsabläufe und mit der Konzentration von Fertigung, Verwaltung und Vertrieb in dem siebenstöckigen Hochhaus in Gütenbach beginnen, mit der Kosten in Höhe von 1,2 Mio. EUR verbunden sind.

Bei Märklin wird unterdessen weiter gepokert. Laut Insolvenzverwalter Pluta hat Märklin 2009 „nach vorläufigen Zahlen“, die nur geschätzt und nicht aus einer fertigen Bilanz stammen können, 110 Millionen € Umsatz gemacht, nach 128 Mio. € im Vorjahr. Gestern flatterte Ferpress, wohl als Dementi des Lionel-Gerüchts, ein Brief von Dr. Kurt Seitzinger ins Haus, dem Handlungsbevollmächtigten des Insolvenzverwalters über das Vermögen der Gebr. Märklin & Cie. GmbH, Rechtsanwalt Michael Pluta. Darin heißt es u.a.:

Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass sich die stabile wirtschaftliche Lage, in der sich Märklin aktuell befindet, verschlechtern könnte. Diese gute wirtschaftliche Lage gibt uns die Möglichkeit, mit allen Interessenten auf gleicher Augenhöhe zu verhandeln. Wir treten gegenüber den Kaufinteressenten nicht als Bittsteller auf, sondern wir bieten ein Objekt an, aus dem sich, wie wir täglich beweisen, etwas machen lässt, wenn an den richtigen Schrauben gedreht wird.

Dazu kann ich nur sagen: Märklin hat nie etwas aus den ohne Not und ganz offensichtlich ohne Strategie und Marktkenntnis erworbenen Marken Hübner, Trix und LGB gemacht. Die Integration dieser Marken ist nicht gelungen bzw. wurde nicht einmal halbherzig versucht. Trix, eine schon vor dem Kauf halbtote Gleichstrom-H0-Marke, passte absolut nicht zu Märklin, Minitrix (Nenngröße N) wäre unter Umständen als neue Marke – aber ohne offensive Vermarktung unter dem Markendach von Märklin! – noch tragbar gewesen. Hübner-Modelle hätten endlich dem schlecht gepflegten und angejahrten Märklin-Spur-1-Sortiment einen Modernisierungskick gegeben. Die Formen scheinen aber irgendwo zu verrotten.

LGB wurde zwar übernommen, aber nicht einmal ansatzweise verstanden und der große Kundenstamm (und die Journalisten) durch ehrliche Informationen noch weniger bei der Stange gehalten als durch die seltenen Lieferungen. Mehrfach versprochene und noch häufiger verschobene, fast produktionsreife Neuheiten sind de facto gestrichen und tauchen vielleicht zum dritten Mal als „Neuheiten“ auf der Spielwarenmesse auf. Die Glaubwürdigkeit von Märklin ist hinsichtlich dieser Marke LGB inzwischen bei Null, die Marktkenntnis war es schon immer. Das Geschäft machen derweil dreiste chinesische Plagiatoren. Und Piko: Zwar mit Regelspurmodellen in einem kuriosen Maßstabsgemisch, aber preiswert in guter bis hervorragender Qualität. Auch ein neues Schienensortiment gehört zum rasch wachsenden Piko-Sortiment. Und während alte Kleinserienhersteller schlafen, Brawa sich vorschnell aus dem Marktsegment zurückzog und neue Hersteller heranreifen, wurde LGB überflüssig. Der Stern der Marke ist fast verglüht. Vom nicht nachvollziehbaren Umgang mit Ersatzteilen nach den beiden Insolvenzen und den bei Ebay in großen Mengen auftauchenden fabrikneuen Modellen und halbfertigen Teilen einmal abgesehen…

Auch mit SpyTec und MFOR hatte sich Märklin ja peinliche Flops geleistet, die von vornherein absehbar waren. Zu Märklin passte dieses Kinder- und Kriegsspielzeug nicht, nicht mal zum Imagetransfer (in welcher Richtung bloß?). Aber das konnten die branchenfremden „Berater“ und unerfahrenen Jung-Mitarbeiter natürlich nicht wissen. (Persönlich würde ich mir nicht gerade zutrauen, Golfzubehör und Yachten zu verkaufen, nur weil ich ein paar Mal auf Golfplätzen war und drei, vier Yachten steuern durfte. Deshalb verstehe ich die Mentalität von Golfspielern und Yachtbesitzern noch lange nicht.)

Marketingentscheidungen in diesen emotional besetzten Märkten sind extrem sensibel und erfordern profunde Markt- und Mentalitätskenntnisse. Aber das übergroße Selbstbewusstsein von Investoren, Consultants und Marketingstrategen verdrängt solche essenziellen Entscheidungsgrundlagen leicht aus den Excel-Tabellen und Kosten-Nutzen-Rechnungen.

Seitzinger schreibt weiter: Die stabile Situation bei Märklin erlaubt es uns, jedem Interessenten in Bezug auf sein unternehmerisches Konzept für eine Übernahme intensiv „auf den Zahn zu fühlen“. Ein fehlendes oder nicht überzeugendes Konzept hat schon in einer Reihe von Fällen zu einem Abbruch der Verhandlungen durch uns geführt. Wir sehen uns hier nicht nur in Verantwortung gegenüber dem Gläubigerausschuss sondern in einer zumindest ebenso großen Verpflichtung gegenüber den Mitarbeitern dieses Unternehmens. Gleiches gilt für die gelegentlich zitierten Schnäppchenjäger.

Es klingt befremdlich, wenn man von potenziellen Käufern überzeugende Konzepte verlangt, aber in Wort und Tat selbst täglich beweist, dass man selbst keins hat (jedenfalls keines, das man offensiv kommuniziert). Wer, wie jetzt Märklin, 400 (!) Neuheiten zur Spielwarenmesse ankündigt, scheint immer noch nichts von Marktsättigung und Konsumschwäche gehört zu haben. Aber vielleicht geht es wieder nur darum, Telefonbuch-schwere Kataloge zu verkaufen. Kauft, Sammler, kauft! Es könnten die letzten sein.

Ein Kommentar

 
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