Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Bahnindustrie wehrt sich gegen Ramsauer

09.02.10 (Deutschland, Eisenbahn, Fernverkehr, Hochgeschwindigkeitszüge, Verkehrspolitik)

Dass Bundesverkehrsminister Ramsauer eine Fehlbesetzung ist, war schon vor seiner Berufung klar. Aber Fachkompetenz gehört, wie man auch bei einigen anderen Ministern sieht, nicht eben zu den Besetzungskriterien. Parteienproporz ist wichtiger.

CSU-Mann Ramsauer hatte ja schon in dem Kontraste-Fernsehbeitrag, von Hintergrundwissen unbelastet, die Bahnindustrie beschimpft: „Es ist ein Armutszeugnis für die Hersteller des ICE, dass bei diesen niedrigen Temperaturen solche Betriebsstörungen eintreten.“

In einem Interview mit der FAZ gab er gar zu Protokoll:

(Frage:) Der Bahnkonzern leidet aber nicht nur unter dem Wetter, sondern unter den Folgen seiner eigenen Sparpolitik . . .

(Ramsauer:) . . . dass die ICE nicht fahren, nur weil Pulverschnee die Elektronik lahmlegt, ist für die Bahnhersteller blamabel. Ich erwarte von der deutschen Industrie, dass ihre Züge bei minus 40 Grad in Sibirien und bei plus 40 Grad auf der Arabischen Halbinsel fahren. Die Produkte sollen doch auch dort vermarktet werden.

Velaro RUS von Siemens im Klima-Wind-Kanal der Rail Tec Arsenal (Foto: Siemens)

Donnerwetter! Minister Ramsauer weiß wohl genau, wie man Schienenfahrzeuge baut und vermarktet! Dass deutsche Züge nahezu überall auf der Welt, etwa zwischen St. Peterburg und Moskau, bei -40° C fahren und in den USA und Spanien bei +40° C, weiß er offensichtlich nicht. Er ist ja noch so neu im Amt. So kann er auch nicht wissen, dass Züge nach den Vorgaben des Käufers gebaut werden und von ihm und dem Eisenbahn-Bundesamt vor der Abnahme intensiv geprüft werden. Vielleicht sollten es ihm mal seine Mitarbeiter sagen. Falls er sich etwas sagen lässt.

Auch Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, beschwert sich neuerdings öffentlich über Flugschnee auf Halbleitern. Den letzten Winter erlebte er noch bei Daimler.

Mit der Bahnindustrie, ergaben meine Recherchen vor zwei Wochen für den Artikel in den VDI-Nachrichten, hat die DB bisher nicht gesprochen. Die öffentlich an den Pranger gestellte Bahnindustrie, die ein wenig Exportförderung und nicht Ministerschelte verdient hätte, wehrt sich nun endlich. Hier die Pressemitteilung (fette Hervorhebungen von mir):

Bahnindustrie weist Ramsauers Vorwürfe zurück

Der Verband der Bahnindustrie in Deutschland (VDB) e.V. betont, dass das Zusammenspiel von Technik und Wartung ein entscheidender Faktor für funktionierende Bahntechnik ist. Der Industrieverband reagiert damit auf die jüngsten Vorwürfe von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer. Der Bundesverkehrsminister hatte dieser Tage öffentlich die Hersteller für die aktuellen Probleme im Schienenverkehr verantwortlich gemacht: Weil sie nicht die von der Bahn eingekaufte Qualität geliefert hätten, so Ramsauer, sollten die Hersteller für auftretende Schäden durch die Witterung haften. VDB-Hauptgeschäftsführer Ronald Pörner fordert Ramsauer auf, von einseitigen Beschuldigungen Abstand zu nehmen. Die Deutsche Bahn führe die gesamte Wartung ihrer Zugflotten komplett in Eigenregie durch. Die Hersteller seien hier nicht beteiligt, hätten keinen Einblick in Ergebnisse der Wartung und könnten daher für diesen Teil des Systems Bahn auch nicht verantwortlich gemacht werden.

Der Verband erklärt, dass die Wartung und Instandhaltung von Zügen ebenso wie eine ausreichende Betriebs-Reserve sehr wichtig für Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit seien. Das gelte umso mehr bei extremen Witterungsbedingungen. Kälte, Hitze, Nässe, Eis und Schnee erfordern deutlich höhere Anstrengungen bei der Wartung. Das betrifft alle Verkehrsträger, nicht nur die Bahn.

Dass der von Bundesminister Ramsauer erwähnte Pulverschnee in der Lüftung eines ICE zu Elektronikstörungen führt, hat die DB den Herstellern nicht mitgeteilt. Die Deutsche Bahn hat bislang gegenüber den Herstellern generell keine Angaben zu den Ursachen für ICE-Ausfälle in diesem Winter gemacht. Unabhängig davon bieten die Bahntechnikhersteller der Deutschen Bahn technisches Personal und Unterstützung bei den betrieblichen Herausforderungen an.

Generell gilt, dass jeder neue Zugtyp vor Zulassung und Auslieferung bei extremen Witterungseinflüssen im Versuchsfeld von Wien-Arsenal getestet wird – bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad Celsius. Die Industrie hat die ICE-Familie nach verbindlichen technischen Normen gefertigt. Dies wird intensiv geprüft – von der Qualitäts-Sicherung der Hersteller, vom Güteprüfdienst der Deutschen Bahn und schließlich vom Eisenbahn-Bundesamt, das die Zulassung erteilt. „Die Industrie hat stets regelkonform nach dem Stand der Technik gefertigt. Die Deutsche Bahn hat die Züge abgenommen. In der Gewährleistungsphase sind Nachweise für Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit erbracht worden. Der Abschluss der Gewährleistungsphase ist einvernehmlich dokumentiert, ohne offene Mängelpunkte. Unsere Züge fahren in aller Welt, bei unterschiedlichsten Klima-Bedingungen.

Nicht zuletzt deshalb sind sie Exportschlager – von Skandinavien über Russland bis Indien und China. Der politische Vorwurf, die deutsche Bahnindustrie liefere schlechte Qualität, ist schlicht falsch“, betont Pörner.

Prof. Dr.-Ing. Markus Hecht, Schienenverkehrsexperte der TU Berlin und Berater vieler Eisenbahnunternehmen, hat mir erzählt, dass skandinavische Bahnunternehmen nach der Ablieferung neuer Fahrzeuge mehrjährige Optimierungen im laufenden Betrieb mit den Hersteller vereinbaren, um in der Praxis Schwachstellen zu erkennen und zu beseitigen. Die ICE der DB sind zum Teil schon fast 20 Jahre unterwegs und haben einige Winter hinter sich – ohne solche Probleme wie in diesem Winter.

Und jetzt soll es die Bahnindustrie sein, die versagt hat? Schönen Gruß an Herrn Mehdorn!

Wieso mir bei Herrn Ramsauer nun Dieter Nuhrs bekannter Merksatz einfällt, weiß ich auch nicht.

 
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