Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Neulich, im ICE (3)

23.02.10 (Deutschland, Eisenbahn, Fernverkehr, Hochgeschwindigkeitszüge, Triebwagen, Unterwegs – Erfahrungen)

Gestern ließ ich mein Auto stehen und nahm wieder den ICE. Nach mehreren Durchsagen, der Zugchef des vorderen Zugteils möge sich doch beim hinteren Zugchef melden, wurden die Fahrgäste in der gut besetzten 402er-Doppeleinheit nach Köln informiert, dass der Zug wegen eines technischen Defekts halten würde und es eine Weile dauern könnte, bis der Defekt behoben würde. Die Türen wurden geöffnet, ich rannte ans Ende des Zugs und sah den Zugchef an der Bahnsteigkante knien, vor sich die geöffnete Klappe eines Wagens. Ich machte ein Foto und wurde angebrüllt, ich solle das Foto sofort löschen.

Nach einigem Hin und Her beruhigten sich Zugchefin und Chef wieder und es stellte sich heraus, dass eine Luftfederung versagt habe, was zwar kein Drama sei, aber eben zur Folge haben könnte, dass die Fahrgäste aus dem ungefederten Wagen in einen anderen umziehen müssten. Im Gespräch kam auch der Frust heraus, wie die Zugchefin von 16-Jährigen in übelster Weise beschimpft würde und dass sie auch noch pressemäßig blöd angemacht würde, weil sie beleidigende Jugendliche einmal vor die Tür gesetzt habe. (Die Beleidigungen in Fäkalsprache möchte ich nicht wiedergeben, sie hatten aber das Prekariats- und RTL2-Krawallshow-Niveau, das ich später auf dem Bahnsteig bei einer altersmäßig knapp erwachsenen jungen Frau am Handy erlebte.) Etwas zu jovial bemerkte ich grinsend: „Ach, Sie waren das!“ und dachte an die 16-Jährige, die unlängst bei starkem Frost nachts ausgesetzt wurde, weil etwas mit dem Ticket nicht stimmte. Nein, nein, es sei schon ein paar Jahre her. Sie habe auch in einer anderen Uniform im Thalys Dienst und werde dort mit Respekt behandelt. Aber kaum sei man wieder in Deutschland, gehe der rüde Ton los.

Die Zugchefin hatte zuvor die Karten kontrolliert und war ausgesprochen freundlich. Nach knapp einer Stunde ging es weiter, die Dame entschuldigte sich noch mehrfach per Lautsprecher. Die meisten Fahrgäste nahmen die Panne achselzuckend zur Kenntnis und hatten wohl nichts anderes erwartet. Ein paar stiegen in Regionalzüge um, ich half einem wohl sprachunkundigen Engländer dabei. Der Lokführer vom Platz gegenüber musste später im Taxi zu seinem Zug an der holländischen Grenze fahren. Ich kam eine Stunde später an. Mit dem Auto wäre ich diesmal erheblich schneller gewesen.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, welchem psychischen Druck die Zugchefs ausgesetzt sind, denn sie haben unangemessen reagiert, auch wenn sie de jure das Hausrecht haben. Kaputte Züge, mit Recht nörgelnde Fahrgäste, woanders sogar aggressive und respektlose Pöbler im Zug und an der Spitze Manager, die gar nicht wissen (und wissen wollen), was in den Zügen los ist. Das zerrt an den Nerven. Ich möchte mich nicht so alleingelassen fühlen.

Das Zugpersonal verdient Respekt und Verständnis. Denn es badet die „Management- und Organisationsfehler“ der Deutschen Bahn AG aus.

Von einer funktionierenden Bahn sind wir noch viele Jahre entfernt.

Ein Kommentar

 
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