Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Wau, jetzt gibt es Märklin-TV!

17.02.10 (Allgemein, Marginalien, Marketing, Modellbahn)

Groucho Marx (1890 – 1977), der große Komiker, begründete seine Kündigung beim Friars Club in Beverly Hills folgendermaßen: „I don’t care to belong to any social organization that will accept me as a member.“ Auf Deutsch: Ich möchte keinem Club angehören, der mich als Mitglied akzeptiert.

Auch Märklin hat einen Club. Sogar zwei. Den „Märklin Insider“ und den „1. FC Märklin“, der allem Anschein nach nichts mit Fußball zu tun hat, sondern Kinder anregen könnte, ihre Intelligenz etwas stärker einzusetzen als beim Ballspiel. Bestens betuchte Eltern natürlich vorausgesetzt.

Die herausfordernd getextete Märklin-Website verspricht großes Glück: Für Sie sind Modelleisenbahnen nicht nur irgendein Hobby, sondern eine Leidenschaft? Hier finden Sie Gleichgesinnte, behauptet da ein Online-Poet gleich neben dem Titelbild des „Märklin Insider“, auf dem eine 03.10 vermutlich in einem Sandkasten abgelichtet wurde. So genau kann man das nicht erkennen, denn beim Klick auf den Titel öffnet sich eine neue Seite, auf der ein Eisenbahnkran aus meiner Kindheit einen Magirus, so etwa für Spur 0, verziert. Ein Modell, das jeden Märklin-Bahner wegen der schieren Nähe zum H0-Hobby faszinieren muss. Leider scheitere ich schon bei meinem weitere Bemühen, Gleichgesinnte zu finden. Denn ich habe weder Mitgliedsnummer noch Passwort.

Interessant wäre herauszufinden, wie man in einer Zeitschrift, die der „Insider“ dem Hörensagen nach und wegen der mir zugespielten schlechten Fotokopien zu sein scheint, Gleichgesinnte findet. Als Pappkameraden? Hatte man diesen Begriff nicht früher als Chiffre für Partnertausch, Gruppensex und gleichgeschlechtliche Ambitionen verwendet? Ich weiß es nicht mehr, so alt ist dieser Begriff.

Irgendwie fallen mir bei der Erinnerung an die 60er-Jahre unsere Kloppereien in der Schule ein, als es darum ging, ob man die Rolling Stones oder die Beatles toll fand. Da musste man sich entscheiden, man konnte nur Fan einer Band sein. Ich bevorzugte die Stones, habe aber nach vielen Stones-LPs und CDs ein Jahrzehnt später unbeschadet zwei Beatles-LPs und ein paar CDs in meine Sammlung genommen.

Märklin-Blech- und Guss-Bahn, knapp 50 Jahre alt (Weidelich)

Nicht ganz so handgreiflich waren die Systemkämpfe zwischen Wechselstrom und Gleichstrom – dass AC/DC auch noch eine andere Bedeutung hätte, wusste ich damals noch nicht. Jedenfalls bewunderte ich bei einem Mitschüler die Laufruhe einer kleinen Fleischmann-Lok, einer E 69, auf den schicken messingglänzenden Gleisen auf Mössmer-Schaumstoffbettung. Ein Genuss, wo sich doch meine Märklin-Bahn auf den Blechschienen lärmend und funkensprühend vorwärtsbewegte und ebenso spektakulär funkensprühend entgleiste, gelegentlich begleitet von den giftigen Dämpfen dahinschmelzender Kabelisolierungen im Gehänge unter der Tischlerplatte. Auch die über die Anlage verbundenen beiden dicken blauen Trafos, von denen manchmal nur einer am Netz hing, habe ich überlebt.

So bin ich schon früh zum Gleichstromfahrer geworden und habe es niemals bereut. Vor allem nicht, als ich vor ein paar Jahren eine nagelneue digitale Märklin-Lok auf der Spielwarenmesse vor sich hinschnarren hörte. Ich war richtig erschrocken über solches Sounddesign. Meine 49 Jahre alte Märklin-Bahn verdeutlichte mir jüngst zu Weihnachten, dass es richtig war, früh auf dieses Nostalgiespielzeug zu verzichten. Auch wenn ich beim Abbau der fliegenden Gleichstromanlage mit dem alten, wunderbaren Roco-Bettungsgleis die abgefallenen Roco-Teile, hauptsächlich Pufferteller und Griffstangen, auflesen musste. Die frühen Roco-Loks schnarrten ebenfalls unerträglich, der 485er war durch Zinkpest breiter geworden. Aber die Fleischmann-Loks sind noch ein Gedicht wie früher, leise und genauso robust, wie man es Märklin in guten Zeiten nachsagte, aber ohne offen sichtbare Zahnräder.

Manchmal trifft man eben auch gute Entscheidungen im Leben.

Ob das Clubwesen bei Märklin eine gute Entscheidung war, lässt sich mit Fug und Recht bezweifeln. Aber da dort jemand schon eine bunte Kette von grotesken Fehlentscheidungen getroffen hat und immer noch die Verantwortung auf der leichten Schulter trägt, kommt es auf eine Fehlleistung mehr nicht an. Das Unternehmen hat ja, dem Vernehmen nach auch wegen millionenschwerer Lagerware und eingesparten Beraterhonoraren, einen Rekordgewinn gemacht und ist auf einem guten Weg, auch wenn es wegen der schieren Körpergröße von Herrn Pluta für Investoren nicht einfach sein dürfte, mit ihm auf Augenhöhe zu verhandeln. Wer mit vollen Kassen auf einem guten Weg ist und viel Zeit hat, bekommt auch Spielraum für neue Flops.

Der erste Flop ist, dass ziemlich schwer herauszufinden ist, was eine Clubmitgliedschaft kostet (79,95 Euro – aber bitte suchen Sie mal selbst, wo das steht) und was es für das Geld gibt, das an den Insolvenzverwalter überwiesen werden soll. Es wird einem nicht leicht gemacht, der Glaubensgemeinschaft der Märklinisten beizutreten. Einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die mit der Unternehmensführung der Meinung sind, dass Märklin-Produkte von Natur aus sehr teuer sein müssen – auch jene, die billig in China gefertigt werden. Dazu passt perfekt, dass die Kaufkraft in den letzten 18 Jahren um 30 %  bis 50 % gesunken ist, was selbst mathematisch und statistisch wenig vorbelastete Verbraucher am eigenen Geldbeutel gemerkt haben. Die vielen Märklin-Geschäftsführer aber nicht.

Der zweite Flop wird der wieder einmal als Neuheit 666 mal aufgelegte Adler-Zug in Spur 1 sein, der schon zweimal je fünftausend Mal „limitiert“ gefertigt wurde und, 25 Jahre alt, bei Ebay schon für 1 Euro oder ab 599 Euro zu haben ist. Auch die klassischen Blechschnellzugwagen, die man überall als 50 Jahre altes Original für 5 bis 8 Euro bekommt, werden sicher ein Renner. Gerade zusammen mit einer digitaltauglichen V 200, die ich noch im Original besitze und als Kindheitserinnerung gern behalte, aber niemals mit Dekoder kaufen würde. 1960 kostete sie teure 39 DM.

Dass in Göppingen wahre Kommunikationsspezialisten am/im Werk sind, wurde mit der freudigen Verkündigung der Hauptneuheit auf der Spielwarenmesse deutlich: Märklin-TV! Zwar gab es keine Pressemappen im Pressezentrum und auch keine Einladung zur Pressekonferenz. Aber solche Selbstverständlichkeiten belasten eine sensationell erfolgreiche Firma in Insolvenz nur. Da bringt man lieber „Fernsehen„. Der Exklusivität wegen auf der eigenen Website. Und damit bloß nicht zu viele Märklin-Fahrer hineinschauen und der Server nicht überlastet wird, gibt es die frohe Botschaft der Punktkontakt-Videos nur für zahlende Mitglieder. Schließlich kostet die TV-Produktion eine Menge Geld.

Gehen Sie in den Märklin-Club!

Der 34-sekündige Schwenk über den Messestand, einen TGV und den netten Herrn von Ortloff vor einem Kameramann mit Assistenten und Aufheller kann zweifellos motivieren, spontan Mitglied der faszinierenden Märklin-Insider-Gleichgesinnten-Gemeinschaft werden zu wollen. Wenn der hingerissene Märklinist neben dem Teaser auf „Details“ tippt, findet er dummerweise keinen Hinweis, wohin er den Gesinnungsbeitrag überweisen könnte. Nur einen Link zu dieser hochattraktiven Seite, bei der man sich einloggen könnte, wenn man denn schon „Insider“ wäre:

Aber ich würde sowieso kein Clubmitglied werden wollen.

3 Kommentare

  • 1
    Joachim Bochberg:

    Guten Tag Herr Weidelich,

    zu den von Ihnen angesprochenen Märklin-Neuheiten wäre vielleicht entschuldigend anzuführen, dass sowohl gemäß Kommentaren auf dem Stand als auch von einem großen Händler die digitale V 200 mit am besten von allen Neuheiten läuft (ähnlich wie das Dreierpack Krokodile letztes Jahr). Das mag daran liegen, dass es halt eine Käufergruppe gibt, die diese Dinge „haben will“ – und zwar die Replika neben den Originalen. Und diese Käufergruppe hat eben keine Affinität zu Online-Auktionshäusern, vielleicht auch deshalb, weil bei diesen Online-Auktionshäusern eben auch betrogen und gelogen wird und der Käufer nicht immer sicher sein kann, dass er das bekommt, was er meint zu bekommen.

    Schöne Grüße

    Joachim Bochberg

  • 2
    Peter Treiber:

    Also ich habe das Video gesehen und fand es recht gut.

  • 3
    Jerry:

    Hallo Herr Weidelich,

    nun ich persönlich habe gerade das von Ihnen so genannte „Nostalgiespielzeug“ von Märklin für mich wieder entdeckt, aber bzgl. aktuellen Modellbahnen bevorzuge ich auch eindeutig Zweileiter.

    Grüße

    Jerry

 
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