Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Wie sich die Modellbahnbranche selbst schädigt

01.02.10 (Gartenbahn, Modellbahn)

Die Spielwarenmesse rückt näher, die Neuheitenlisten und -kataloge fast aller Hersteller sind bekannt. Ich sehe die üblichen Materialschlachten, die 180-seitigen Neuheitenprospekte, dieses ewige „Viel hilft viel“ und die ebenso üblichen satten Preissteigerungen. Märklin und LGB langen wieder besonders heftig zu, und die Preise der Personenwagen bei Roco – aus längst abgeschriebenen Formen – haben sich in 20 bis 25 Jahren verdreifacht. Und das, obwohl längst nicht mehr in Österreich, sondern in Billiglohnländern (Ungarn, Slowenien, Rumänien, China) produziert wird und die Kaufkraft in Deutschland wegen minimaler Lohnerhöhungen, Steuerprogression, Weihnachtsgeld- und Urlaubsgeldstreichungen seit Jahren stagniert.

Ich kaufe seit 40 Jahren (in den letzten Jahren kaum noch) Modellbahnartikel. Ich habe noch kein einziges Jahr erlebt, in dem die Preise stabil blieben oder gesunken sind. Wenn jährlich zum 1.2. frech 5 bis 7 %, manchmal auch mehr, aufgeschlagen werden, kann das nichts mit gestiegenen Löhnen und Materialkosten zu tun haben. Nein, die Branche macht sich nicht einmal die Mühe, irgendeinen Grund für höhere Preise anzugeben!

Die Modellbahnbranche, soviel ist sicher, hat aus der Krise nichts gelernt. Während Modellbahnhändler aufgeben und ihre Läden schließen, Sammlungen aus allen Nähten platzen, die Nachlässe mit oft neuwertigem Material bei eBay billig zu haben sind, tun die Modellbahnhersteller so, als ob nichts gewesen wäre: Keine Insolvenz von LGB (es waren sogar zwei), keine Insolvenz von Märklin und Faller, keine Schwierigkeiten bei Roco, Fleischmann, Trix, Kibri und Herpa.

Wer heute 369 bis 480 Euro für eine H0-Dampflok verlangt, hat schlichtweg den Verstand verloren. 50 bis 80 Euro kostet ein schlichter Personenwagen in H0. Märklin-LGB erdreistet sich, für US-Schnellzugwagen aus abgeschriebenen Formen 350 Euro zu verlangen, 600 Euro für ein plumpes Diesellok-Spielzeug, made in China oder Hungary. Die amerikanische Konkurrenz USA-Trains verlangt für wesentliche bessere Modelle, made in China, gerade mal ein Drittel des Preises. Und macht dabei auch Gewinn, wenn auch vielleicht einen etwas bescheideneren.

Ich mag mich jetzt nicht über Geschäftsführer ohne Kommunikationstalent und Neuheitenblatt auslassen, über „professionelle“ Investoren mit der Gier nach scheinbar großen Marken und fetten Renditen, sogenannte Consultants ohne Kenntnisse der Modellbaubranche, junge BWL-Karrieristen und Insolvenzverwalter (es gibt auch gute) schimpfen. Das kann Werner Killersreiter, der zwei Jahrzehnte mit Modellbausätzen gehandelt hat, viel besser. Nehmen Sie sich die Zeit für den langen Beitrag, dem ich in nahezu allen Punkten zustimmen muss.

Die Zeit ist mir zu schade, um die Filetierung Fleischmanns durch die Modelleisenbahn-Holding zu kommentieren. Was dort abläuft, bedeutet den Tod der Marke. Der scheint gewollt zu sein. Dummheit im Umgang mit einer (weiteren) Traditionsmarke und Verarschung der treuen Kunden.

Die Modellbahnbranche steht mit ihrer Hochpreispolitik am Abgrund und wird auf der Spielwarenmesse ab Donnerstag wieder das selbe Programm abspulen wie seit 40 Jahren: Noch mehr Neuheiten, noch höhere Preise, noch kleinere Serien und so dicke Kataloge wie in den Jahren zuvor und wieder keine Anstrengungen, Kinder mit bezahlbaren aktuellen Modellen zu locken, welche die potenziellen kleinen Kunden aus eigener Anschauung kennen.

Wer jetzt nicht Sortimente abspeckt, die Neuheitenzahl begrenzt, Innovationen und Standards schafft und Preise senkt, wird die Quittung vom Käufer bekommen. Käuferstreik.

10 Kommentare

  • 1
    Kurioser Weise:

    Ja danke, das ist mir wahrlich aus der Seele gesprochen!

    Nur der Kunde, der durch Kaufverweigerung zurückschlägt, trägt zur Verbesserung der Gesamtsituation bei!

  • 2
    Peter Amgalgen:

    Als Optimist stelle ich mir vor, dass doch irgend einmal ein mittelmässig begabter Marketingfachmann herausfinden wird, dass diese Strategie nicht funktioniert.
    Es gibt Beispiele von Kleinserien-Herstellern die sich durch eine Preisreduktion (!) von 30-40% sanieren konnten. Plötzlich konnten sich viel mehr Leute deren Modelle leisten und die Bestellungen nahmen massiv zu.
    Aber ich glaube ich wiederhole mich…

  • 3
    v_chris:

    Das spricht doch allen aus der Seele!
    Wo soll das denn noch hingehen. Wer wird in ein paar Jahren noch Modeleisenbahn kaufen, wenn keiner mehr das
    Geld dazu verdient???
    In anderen Branchen wird unser Land doch genauso ausgeblutet, alles wird nur noch im Billiglohnländern produziert.

    Alle schauen weg und keiner macht etwas dagegen …

  • 4
    Heinz Dankesreiter:

    Genauso denke ich auch!
    Ich wollte für mich und meine Enkel eine Modellbahnanlage in LGB-Größe aufbauen.
    Nachdem ich einige Grundbauteile gekauft hatte und beinahe Tausend Euro los war ist mir die ganze Freude vergangen.
    Ich würde gerne weitermachen, aber für einen normalen Rentner ohne Beamtenpension hängen die Trauben ganz einfach zu hoch.

  • 5
    fly3rman:

    Sehr guter Artikel, was mich noch viel ankotzt: die schlechte Präsenz von Modellbahnherstellern im Internet.
    Hochaufgelöst Bilder von Modellen von allen Seiten? Nööö wozu auch? Jeder hat ja Bock immer zum Laden zu laufen, dabei hab ich es als Berliner noch gut. Kommunikationen mit Kunden? Muharharhar ;]

    Kauft halt nur noch Kato, Atlas und co.
    Was in Deutschland passieren sollte und wird nennt sich: schöpferische Zerstörung.
    Die Großen Firmen sterben und neue kommen.

  • 6
    Tweets that mention Wie sich die Modellbahnbranche selbst schädigt /// Railomotive -- Topsy.com:

    […] This post was mentioned on Twitter by Friedhelm Weidelich and Friedhelm Weidelich, Modellbahn_RT. Modellbahn_RT said: By @-RAILoMOTIVE Wie sich die Modellbahnbranche selbst schädigt: http://bit.ly/9axl6o #modellbahn #modelleisenbahn #märklin […]

  • 7
    Martin:

    Da kann ich nur zustimmen.
    Aber sind wir da nicht auch ein wenig selber schuld daran? Verlangen nicht wir immer detailiertere Modelle? Verreissen nicht wir jeden Hersteller der auf ein vorhandenes Grundmodell zurückgreifft und dabei der Achsstand um 1,3 mm daneben geht? Sicher die Modellbahn ist in der Krise und ich weiss auch kein allerwelts Heilmittel, aber das ganze System müsste überdacht werden. Genauso müssen sich Hersteller und Importeure einmal die Werbung hinterfragen, lohnt es sich damit Inzest zu betreiben in allen Eisenbahnheften die doch nur von den angefressenen Modellbahnern gelesen werden.
    Vor Weihnachten zeigt Hotweel immer eine sinnlose (meine persönliche Meinung) Autorennbahn. Unser Sohn hat seine Gotte einmal so bearbeitet, dass er eine erhalten hat, damit dann auch 10 Tage gespielt und seitdem nie wieder angesehen. Aber wenn er im Fernseher wieder eine sieht packt es ihn wieder.
    Nun habe ich genug geschrieben, ich wünsche einen schönen Abend und geniesst unser Hobby
    Martin

  • 8
    Friedhelm Weidelich:

    Vielen Dank für die vielen zustimmenden Kommentare. Meinen Beitrag haben (SammlerVZ mitgerechnet) mittlerweile über 6500 Besucher gelesen. Auf der Spielwarenmesse ist zwar bei einzelnen Ständen Bescheidenheit eingekehrt, aber da nun plötzlich Audi (mit Tret- und Kinderautos) einen großen Stand in der Modellbahnhalle belegte, ist das auch ein Zeichen für den Anfang vom Ende der einst stolzen deutschen Industrie. Allerdings kommen auch neue aus Fernost und viele kleine deutsche Firmen hinzu, mit hochwertiger Qualität zu vernünftigen Preisen. Die schlagartige Verbreitung von Laserbausätzen, die zumindest amerikanische Kleinserienhersteller schon seit zehn Jahren anbieten, zeigt immerhin, dass Faller unter Schmerzen etwas gelernt hat. Wenn ich dagegen bei Roco/Fleischmann die 03, die einmal 200 DM gekostet hat, für 329 Euro sehe, vergeht mir die Kauflust sofort.
    Ein Händler sprach mich an, dass mein Stichwort „Käuferstreik“ auch Auswirkungen auf den Handel hätte. Nein, Käuferstreik ist nicht der Aufruf zum Streik, sondern die Folge der Hochpreispolitik, für die der Händler nur sehr wenig kann. Doch viele Händler sollten sich auch einmal die Frage stellen, ob das Festhalten an Märklin, LGB, Roco und Fleischmann und drei, vier großen Sortimenten mehr im Laden auf Dauer noch Umsätze bringt. Vor allem dann, wenn die Firmen verkauft werden oder die Marken aus irgendwelchen Gründen nicht mehr für genügend Umsatz sorgen. Es gibt hochwertige und originelle Ware von unzähligen kleineren Firmen aus dem In- und Ausland, zu meist akzeptablen Preisen. Ich weiß von den Lieferproblemen einiger Anbieter und dem nonchalanten Umgang von Küchentischfirmen mit den Kunden. Doch wenn große Marken wegbrechen, sind viele kleine im Angebot zwar anstrengender in der Handhabung, aber auf Dauer die Lebensversicherung für Händler. Dass Umsätze und verfügbare Einkommen schrumpfen und nichts mehr einfach ist im Wirtschaftsleben, müssen auch die Händler zur Kenntnis nehmen und sich etwas einfallen lassen. Das gilt nicht für jeden von ihnen, aber die meisten – nach meiner Erfahrung.

  • 9
    Innovation oder Ausverkauf- schwirrt das Damoklesschwert über der Modelleisenbahnbranche? « Der Modelleisenbahnblog – Alles über Modelleisenbahnen in H0:

    […] Der ganze Artikel […]

  • 10
    Innovation oder Ausverkauf – schwebt das Damoklesschwert über der Modelleisenbahnbranche?:

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