Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Hochglanz-Journalismus für Märklin

06.03.10 (Deutschland, Eisenbahn, Modellbahn, Personalien)

Ich war einmal Abonnent der Financial Times Deutschland. Viele Jahre lang, seit Mitte 2000. Fast von Anfang an. Jeden Morgen, von Montag bis Freitag, freute ich mich auf jede neue Ausgabe. Auf lachsrotem Papier. Mit witzigen Fotos, kreativem Layout und flotter Schreibe. Mit einer frechen Wochenendbeilage mit verrückten Ideen. Die FTD war das junge Gegenstück zum altväterlichen Handelsblatt: frisch, experimentierfreudig, mit jungen Wilden in der Redaktion. Und Kolumnisten, die etwas von Wirtschaftspolitik verstanden und nicht den monokausalen volkswirtschaftlichen Mist von Sinn und anderen Wirtschafts“forschungs“instituts-“Experten“ nachbeteten.

Nach vier, fünf Jahren gingen die ersten guten Redakteure. Einer nach dem anderen. Auch die Wochenendbeilage wurde weggekürzt. Und so wie Umfang, Kreativität und Qualität der FTD schwanden, schwand auch mein Interesse. Ich habe die FTD gekündigt. Eine Weile las ich sie noch online. Toll. Denn die Beiträge standen schon am Donnerstagabend online. Kostenlos. Dann kam ein Relaunch des Onlineauftritts. Er gefällt mir nicht. Ich schaue nur noch selten rein.

Märklin ramponiert und schrottreif? Nicht für die FTD. (Foto: FW)

Nun erhielt ich einen Link. Ein Märklin-Artikel. Über Geschäftsführer Seitzinger. Von Nina Klöckner. Ich las ihn. Erschütternd. „Der Mann, der Märklin saniert.“ Ach wirklich?

Nein, ich möchte die Railomotive-Leser nicht länger mit diesem Kurzsatz-Gestammel nerven, das Nina Klöckner in der Journalistenschule gelernt haben muss und das so viel besser zur Bildzeitung passen würde. Doch Frau Klöckner arbeitet bei der FTD, die nun, weil moderne Verlagsmanager eben Zahlenmenschen und nicht einer Qualitätszeitung verpflichtet sind, aus einem Wirtschaftsmedien-Redakteurspool schöpfen muss, der auch so überflüssige Printprodukte wie „Impulse“ und ein früher ernstzunehmendes Magazin namens „Capital“ versorgt. Verlagsmanager mögen das für eine gute Idee halten, für Redakteure selbst mit wenig Berufserfahrung ist es ein Ding der Unmöglichkeit. Die FTD ist journalistisch nur noch ein klappriges Gerippe ohne Fleisch.

Nina Klöckner arbeitete „für die Sportteile der Stuttgarter Zeitung und der FTD. Nach zwei Europameisterschaften, einer Weltmeisterschaft und den Olympischen Spielen in Athen wechselte sie die Stadien gegen Papst-Pilgerreisen, Provinzflughäfen oder die perunanischen Anden. Außer dem Schreiben liebt Nina das Meer, guten Wein, Reisen und Sport.“ So steht es in ihrem Selbstporträt.

Das qualifiziert sie natürlich, das Porträt eines 70-jährigen Mann zu schreiben, der ganz allein Märklin retten wird. Das steht schon fest, und weil der Sommer nah ist und Herr Seitzinger zurück in seine verdiente Pension in Spanien will, muss der Verkauf bald gelingen. Wird er auch. Nina Klöckner glaubt daran.

„Seitzinger hat bei Kässbohrer geschuftet“, schreibt sie. Ging die Firma damals nicht in die Insolvenz? Saß nicht Insolvenzverwalter Pluta bis 1995 im Aufsichtsrat? Ach ja: „Die beiden kennen sich schon lange, Seitzinger hat für Pluta schon so manche Firma saniert. Und ihm ist in 13 Monaten gelungen, woran niemand mehr so recht glaubte: die Wiederbelebung einer Legende. Der Neuanfang bei Europas größtem Modelleisenbahnhersteller. … Märklin lebt. Und in Göppingen wollen sie Seitzinger am liebsten gar nicht mehr gehen lassen.“

So etwas tippen vielleicht naive 20-jährige Volontärinnen mit bunten Plastikfingernägeln, die noch an die Allwissenheit von Geschäftsführern glauben und keinen blassen Schimmer von Märkten haben. So schreiben aber auch Journalisten, die gelernt haben, dass man eine Story so zuspitzen muss, dass die Kernthese belegt wird. In diesem Fall: „Seitzinger ist der Superheld. Mit 70.“ Was dagegen spricht, lässt man weg. So geht Journalismus. Häufig jedenfalls. Gottseidank nicht immer. Es gibt auch viele Redakteure, die wirklich recherchieren, hinterfragen und ihre Märkte kennen.

Natürlich weiß diese Dame – Mitte, Ende 30 – nichts über abverkaufte millionenteure Lagerbestände, die etwa dem Gewinn 2009 entsprochen haben sollen. Nichts über ausgesetzte Zinszahlungen, 100 unbezahlte Überstunden pro Mitarbeiter, den Krach mit dem Betriebsrat und einen „Drohbrief“ Seitzingers an die Märklin-Händler-Initiative, dass ohne die Hälfte des Jahresumsatzes bis 31.3. der Märklin-Fortbestand gefährdet sei – was für viele Märklin-abhängige Händler das Todesurteil bedeuten würde und die unter Druck setzt zu bestellen.

Sie ahnt nicht, wie stark der Lack schon ab ist von der einst glanzvollen Marke Märklin, dass die Insolvenz viel zu lange dauert und dass Lionel endgültig abgesprungen ist. Die Fußballexpertin hat nichts gehört von übersättigten Märkten, wegsterbenden Sammlern und überteuerten Märklin-Produkten mit Qualitätsmängeln. Von dem sinnlosen Kauf von LGB, Trix und Hübner und verpulverten Millionen für MFOR, SpyTec und anderen Blödsinn, der niemals zur Marke passte. Sie kennt die fachfremden Vertriebsleiter und Produktmanager nicht und stellt nicht infrage, ob Plutas Preis für Märklin nicht unangemessen hoch und in der notleidenden Branche als nicht erzielbar gilt. Und welche Firmen hat Seitzinger für Pluta saniert? Existieren die denn noch?

Nina Klöckners Stil ist auf Hochglanz poliert, ihre Firmenporträts sind makellos. Neben dem FTD-Beitrag könnte, wie im lokalen Anzeigenblatt, die Anzeige von Märklin stehen. Oder von Lamy. Zitat aus einer Lamy-Story: „Die Auszeichnungen hängen in der Heidelberger Lamy-Zentrale oben im Flur, eine neben der anderen. Nicht nur für Noto: Seit Lamy auf Design setzt, ist die Firma Stammgast bei Preisverleihungen.“

Wow. Diese Frau weiß zweifellos, wie man Firmen inszeniert. Geschäftsführer und Vorstände – schließlich sind sie auch Anzeigenkunden – lesen so etwas gern. Moderner Wirtschaftjournalismus, vom distanzlosen Sport“journalismus“ abgeleitet.

Für mich ist der Werbeartikel nichts als blanker Gefälligkeitsjournalismus und ein Zeichen, dass sich die FTD aufgegeben hat. Ich habe die FTD aus meinen Top Sites im Safari-Browser genommen. Endgültig.

Ein Kommentar

  • 1
    HJ:

    Ja so ist das heute:

    „Um welches Produkt es geht, ist mir eigentlich egal“, sagt er, „wichtig ist, sich die richtigen Leute auszusuchen, mit denen man das durchziehen kann.“

    Seitzinger hat sicher Recht mit seinem romantikfreien Spruch. 🙁 Was aber eigentlich mehr als das „Durchziehen“ interessiert, sind die Endresultate. Mit wenigen Ausnahmen sind die kümmerlich und Pluta, mit Seitzinger als „Hilfe“, ist auf dem besten Weg, das auch bei Märklin zu zeigen. Nach dem Motto „Die Zahlen stimmen, Substanz brauchen wir nicht“.

    HJ

 
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