Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Nur jeder hunderttausendste Fahrgast wird Gewaltopfer

15.03.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn)

Ich weiß, wie schwer es ist, gute Pressemitteilungen zu schreiben und ein Thema gut zu „verkaufen“. Die folgende Pressemitteilung der Deutschen Bahn sagt auf höchst komplizierte Art, dass man anscheinend ohne konkreten Anlass vermutlich 350 Sicherheitsmitarbeiter auf Bahnhöfe stellt und dass nur jede hunderttausendste Fahrgast mit Prügel, Diebstahl oder anderen Gewalttaten rechnen muss. Ja, da fühle ich mich plötzlich richtig sicher!

DB: 10 Prozent mehr Sicherheitspersonal in Ballungsräumen

Polizeistatistik belegt: Die Bahn ist sicherer als die meisten anderen Bereiche des öffentlichen Raums • 160 Millionen Euro jährliche Investitionen in die Sicherheit der Kunden und Mitarbeiter

(Berlin, 15. März 2010) Die Deutsche Bahn verstärkt die Sicherheit für ihre Kunden. In den kommenden Wochen wird die Zahl der Mitarbeiter in diesem Bereich sukzessive um 10 Prozent in Ballungsräumen ausgebaut. „Bahnfahren ist sicher. Die Polizeistatistiken belegen, dass es um ein Vielfaches wahrscheinlicher ist, an anderen Orten des öffentlichen Raums Opfer einer Straftat zu werden, als bei der Bahn“, sagte Gerd Becht, das für die Konzernsicherheit verantwortliche Vorstandsmitglied der DB. „Jeder Zwischenfall ist jedoch einer zu viel. Aus diesem Grund setzen wir zusätzliches Personal ein. Uns geht es um die Sicherheit unserer Kunden und natürlich auch der DB-Mitarbeiter“, so Becht weiter. Das Sicherheitspersonal wird in Berlin, München, Sachsen, Hamburg, NRW und im Rhein-Main-Gebiet eingesetzt.

Das heißt also: In den letztgenannten Regionen ist das Reisen nicht so sicher, selbst DB-Mitarbeiter werden bedroht. Deshalb werden im Lauf der nächsten Jahre „zehn Prozent mehr“ Sicherheitsmitarbeiter eingesetzt. Wie viele zusätzlich es in diesen Regionen sein werden, wird nicht gesagt. Auch nicht, wie viele dort schon arbeiten.

Die derzeit aktuelle Polizeikriminalitätsstatistik weist in den Großräumen Deutschlands pro 100.000 Einwohner rund 7.500 Straftaten mit 1.500 Rohheitsdelikten aus. Nach Angaben der Bundespolizei wird pro 100.000 Kunden bei der DB nur ein Rohheitsdelikt verzeichnet.

Ich wusste gar nicht, dass es eine „derzeit aktuelle“ (statt einer früher aktuellen?) Statistik der Polizeikriminalität gibt. Ansonsten siehe oben. Nur jeder hunderttausendste Fahrgast wird also verprügelt. Das ist zwar weniger als sonst in der Stadt, aber trotzdem keine gute Botschaft.

Die neuen Präsenzkräfte sorgen durch ihre optische Wahrnehmbarkeit für eine höhere subjektive Sicherheit bei den Kunden, können zum anderen durch ihr schnelles Eingreifen Gefahrensituationen objektiv entschärfen.

Juristen und Bürokraten sollten keine Pressemitteilungen verfassen. Die DB will sagen: Wenn Sicherheitspersonal zu sehen ist, fühlen sich die Kunden sicherer und können mit schneller Hilfe rechnen, falls sie doch einmal angegriffen werden.

Die DB unternimmt erhebliche Anstrengungen um die Sicherheitslage weiter zu verbessern. Das Sicherheitskonzept der DB basiert auf vier Säulen: qualifizierte Sicherheitsmitarbeiter und kontinuierliche Schulung ihrer Nahverkehrs- mitarbeiter im Umgang mit Konflikt- und Gewaltsituationen, technische Hilfsmittel wie Videotechnik, Ordnungspartnerschaften mit der Bundespolizei und Landespolizeibehörden sowie eine intensive Präventionsarbeit. Hier engagiert sich die DB an Schulen und anderen Einrichtungen. Mehr als 160 Millionen Euro pro Jahr investiert die DB in die Sicherheit der Kunden und Mitarbeiter.

Aha, die DB investiert in Kameras, bezahlt Sicherheitsleute, redet mit der Polizei und geht an Schulen. 160 Millionen Euro für 5400 Bahnhöfe (2962,96 € jährlich pro Bahnhof) sind wirklich nicht viel.

Die Bundespolizei hat die hoheitliche Aufgabe der Abwehr von Gefahren im Bereich der DB. Neben den rund 3.500 Sicherheitskräften der DB sind die rund 3.000 Servicemitarbeiter auf den Bahnhöfen, 4.800 Kundenbetreuer im Nahverkehr sowie rund 4.000 Zugbegleiter im Fernverkehr ein weiterer wichtiger Faktor für die Sicherheit. 6.500 Videokameras überwachen Bahnen und Bahnhöfe.

Das sagt nur, dass es 3500 Sicherheitsmitarbeiter gibt (sind das nun die Bundespolizisten oder die zusätzlichen Mitarbeiter?) und 6500 Videokameras, die nichts anderes tun, als Taten aufzuzeichnen. Mit Prävention hat das wenig zu tun. Sitzen vor den Monitoren ausreichend Sicherheitsleute, die Kollegen schnell an den Tatort dirigieren?

Nach der Pressemitteilung werden „sukzessive“, also nach und nach in unbestimmter Zeit, „zehn Prozent mehr“ Mitarbeiter (350?) eingestellt, also vielleicht eine viertel oder halbe Person mehr pro Großstadtbahnhof. In vielen Bahnhöfen zum Beispiel im Ruhrgebiet gibt es bisher überhaupt keine Aufsicht.

Zurück bleibt das Gefühl, dass die Bahnhöfe gar nicht so sicher sind (obwohl ich mich bisher nirgends unsicher gefühlt habe).

Dort, wo die Bahn schon vor Jahren oder erst Ende Dezember sämtliche Mitarbeiter zurückgezogen, Stellwerke und Schalter geschlossen hat, hat sie der Kriminalität – und dazu gehört auch der allgegenwärtige Vandalismus – Tür und Tor geöffnet. Nun will die Bahn wieder stärker in Form von Wachleuten (von Fremdfirmen?) präsent sein. Ob das wirklich eine gute Nachricht ist?

 
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