Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Wie twittert man einen Homepage-Inhalt?

01.03.10 (Allgemein, Deutschland, Eisenbahn, Marketing, Personenverkehr)

Social Media, im Deutschen häufig unpassend als „Soziale Medien“ übersetzt, wird seit geraumer Zeit von interessierten Agenturen, Experten und leider auch einigen Medien- und IT-Journalisten gehypt. Die selbsternannten „Experten“ zitieren sich im Kreis herum, bauen auf amerikanische Blogs und Web2.0-Propheten auf und behaupten frech, dass sich ALLES nur noch im Internet abspielt und Social Media (von Blogger und Journalist Don Alphonso hübsch und assoziierend als SM abgekürzt und Kommentatoren sauber ergänzt) wahnsinnig wichtig sei für das Überleben jeglichen Unternehmens.

Zu Social Media gehört auch die Twitterei, und nach einem halben Jahr des „Followens“ und Twitterns kann ich, gemessen an den Kriterien der SM-Gemeinde, auf 100 Follower stolz sein. Das ist okay und nicht viel, aber deshalb muss ich nicht ehrfurchtsvoll zu jenen aufschauen, die 1500 Follower hinter sich herschleppen, weil sie mehr Busen haben oder originelle Lebens- und Liebesweisheiten versenden. Primär ist Twitter eine Link-Schleuder, hilft bei der Positionierung in Suchmaschinen und bringt mir Informationen aus dem Bahn- und Medienbereich, die ich mir sonst über RSS oder manuelle Zugriffe auf Websites holen müsste. Den SM-„Experten“ folgte ich nur kurze Zeit, weil ich selber denken und urteilen kann und weil mich die von ihnen weitergegebenen Pseudoguru-Weisheiten eines Jeff Jarvis langweilen. Und ich will schon gar nicht wissen, ob gewisse Agenturmenschen gerade im ICE 123 zum Kunden nach Köln fahren und anschließend „nach einer gut gelaufenen Präsentation“ weiter im ICE 345 nach Hamburg unterwegs sind. Noch weniger interessieren mich die leblosen Tweets eines Mannes mit roten Haaren, auch wenn 32000 Jünger an seinen drögen Buchstaben hängen. Ich lebe mal mit und oft ohne Twitter, kenne inzwischen den Ablenkungs- und Unterhaltungsfaktor der Timelines (aufgelistete Tweets derer, denen ich folge) und schaue rein, wenn ich Zeit und Lust habe. Und ab und zu twittere ich einen Link oder retweete eine Information, die ich für retweetenswert halte. Ich wollte ein Gefühl für Twitter bekommen. Jetzt habe ich es.

Die geradezu euphorisch beschriebenen Recherchevorteile, die einige Web2.0-bewegte JournalistInnen-KollegInnen (hier ist diese Dummschreibweise angebracht) mit missionarischem Eifer besingen, habe ich nicht angetroffen. Und noch immer kommen meist auf anderen Wegen weit spannendere Informationen zu mir. Und noch immer hat jedes Anzeigenblatt und jede Lokalzeitung eine weit höhere Reichweite als Twitter. Klar, auch ich, liebe „Experten“, habe das Internet nicht verstanden. Ich arbeite nur damit.

In bestimmten Umfeldern kann Twittern trotzdem ein Weg der Kommunikation sein, auch wenn die Reichweite begrenzt ist. Die Lufthansa twittert und reagiert auf Tweets. Sie hilft auch mal per Twitter bei der Suche nach verlorenen Koffern, berichtet einer, der das Thema genauer untersucht hat. Auch ohne teure Beratung durch Web2.0-“Experten“ ist klar: Wer als Unternehmen den Dialog mit dem Kunden in Twitter sucht, muss ihn auch führen.

Die Deutsche Bahn hat das mit „Pendeln Bayern“ auch versucht, ist aber trotz einer mehrköpfigen Twittermannschaft, die sich jeden Morgen brav gemeldet und abends verabschiedet hat, grandios gescheitert. Denn man hat mit einem „Pendler-Magazin“, das im DB-Corporate-Design die Anmutung eines Krankenkassen-Newsletters hatte, Krankenversicherungen und ausgerechnet den ADAC huckepack mitnahm, eine bemerkenswert verworrenene Kommunikation gemacht: eine wilde Mischung aus Werbesprech, Gymnastiktipps und dem Angebot, sein Auto beim ADAC am Bahnhof bei einem Glühwein (oder war es doch Punsch ohne Alkohol?) durchchecken lassen zu können. Eine persönliche Ansprache oder twittertypische Häppchen gab es nicht, und wenn ich mich nicht irre, war ich so ziemlich der einzige, der mal einen Gruß getwittert hat.

Die Tweets sind inzwischen verschwunden, die Karawane scheint wohl zu DB_Info weitergezogen zu sein. Dort gab es bisher nur aktuelle Meldungen zum Bahnverkehr. Jetzt duzt mich die Bahn auf diesem Kanal, auch anderen Twitterern gefällt dieser Ton nicht. DB_Info arbeitet die vielen Seiten der bahn.de-Homepage ab und verbreitet dabei so prickelnde und nach Wahrig fragwürdige Tweets wie Antworten auf alle häufige Fragen rund um bahn.comfort sind hier für Euch zusammen gestellt http://bit.ly/8wXh3k #bahn oder Ihr habt etwas im #Zug oder #Bahnhof verloren? Die #Bahn forscht bis zu 4 Wochen nach dem verlorenen Gegenstand http://bit.ly/8E0FmQ

Und das zu einer Zeit, wo sich die Bahnkunden gerade von Betriebseinstellungen in Nordrhein-Westfalen und anderswo erholen, etliche Strecken noch nicht richtig befahrbar sind und die Bahn damit kämpft, den Fahrplan wieder in Ordnung zu bringen. Für dessen Unordnung ja der Orkan Xynthia verantwortlich war und nicht die Bahn.

Was hätte man da alles twittern können: Dass man in Köln zwei ICE-Züge zum Übernachten bereitstellte und wie das ankam. Wo was geht, wie man sich bemüht und wo man noch Geduld haben muss. Wo man im Internet und bei Twitter aktuelle Infos findet und dass die Abarbeitung der Erstattungsanträge noch einige Monate dauern wird usw. Zeigen, dass man sich kümmert und über Erfolge in aller Bescheidenheit reden.

3373 Follower hat DB_Info immerhin, und Twitterer Burtchen fragt sarkastisch und treffsicher: Und wann kriegt ihr das mit dem „Auf Tweets antworten“ raus?

Die Tweets von DB_Info haben den Charme eines twitternden Bahnbeamten, der die Beförderungsbedingungen oder die AGB in Form von Links zur DB-Homepage veröffentlicht, vorsorglich durch die Hausjuristen abgesegnet. Tweets im engen Rahmen der Unternehmenskommunikation eines Möchtegern-Weltkonzerns (farblos, unangreifbar, intern abgestimmt, niemals börsenrelevant, unpersönlich, werblich). Dann bitte aber auch per Sie und mit dem Hinweis, dass Fragen aus technischen, kapazitätsmäßigen und juristischen Gründen leider nicht beantwortet werden können!

Mein Tipp: Lasst es bleiben.

Nachsatz: Die Personaler (HR-Spezialisten) von DBKarriere hebt sich wohltuend davon ab. Die haben die Möglichkeiten von Twitter verstanden.

 
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