Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Arriva soll nun Bahntochter werden

22.04.10 (Deutschland, Eisenbahn, Großbritannien)

Die Karawane der Redakteure ist heute schnell weitergezogen. Von den Online-Auftritten der Zeitungen ist die gewaltige Geldverschwendung, die die Deutsche Bahn mit dem Kauf der mit fast einer Mrd. Euro verschuldeten britischen Arriva betreiben will, schon wieder verschwunden.

Den Eisenbahnunternehmen sei’s gedankt, die Pressearbeit für keine wichtige Aufgabe halten und der DB nichts entgegenzusetzen haben. Auch die Verbände wie der VDV, in der die DB Regio großen Einfluss zu haben scheint, Anti-DB- und Bürger-Interessenvertreter – außer dem VCD – waren auffallend still. Kaum ein Redakteur scheint den Schienen- und Nahverkehrsmarkt annähernd einschätzen zu können. Ein scheinheiliger Bischof, Feinstaub und Merkels Plattitüden sind außerdem einfachere Themen als das größte Investment der deutschen Staatsbahn in eine verlustreiche Firma auf Pump. Nur bei der FAZ diskutieren Leser und schütteln reihenweise den Kopf ob der Dreistigkeit der Bahn. Kollege Schlesiger von der Wirtschaftswoche zieht nun auch online eine Bilanz der einjährigen Grube-Herrschaft und beschreibt das Pro und Contra des Arriva-Kaufs.

Die Pressemitteilung der DB bemühte sich nach Kräften um salbungsvolle Worte, die erstaunlicherweise nur in Ausschnitten oder gar nicht von den Medien übernommen wurden. Zu offensichtlich war die Diskrepanz zwischen den Beteuerungen des Aufsichtsratsvorsitzenden Utz-Hellmuth Felcht und der überall sichtbaren Bahnrealität. Nach Felcht habe „das Kontrollgremium die Offerte gründlich diskutiert und auch vor dem Hintergrund eines unabhängigen Wertgutachtens einer großen Bank zugestimmt“. Ein „unabhängiges“ Wertgutachten durch eine „großen“ Bank, die im Zweifelsfall von dem Deal profitiert? Da lachen ja die Hühner. Die Kompetenz von Bankern und 27-jährigen „Analysten“ ist hinreichend bekannt.

Felcht sagte: „Der Aufsichtsrat legt bei seiner Entscheidung großen Wert auf die Feststellung, dass Deutschland weiter der Kernmarkt für die DB bleiben wird. Für die deutschen Kunden wird es dadurch keinerlei Einschränkungen oder Abstriche geben.Was für ein Trost! Hat doch die DB spätestens seit Mehdorn aktiv bewiesen, dass ihr der deutsche Markt scheißegal ist.

Die Rollenverteilung war klar. Dr. Rüdiger Grube zeigte sich „sehr froh über diese Entscheidung des Aufsichtsrates. Arriva ist ein sehr erfolgreiches (hm?) privatwirtschaftlich aufgestelltes Personenverkehrsunternehmen in Europa.“ Ja, jedenfalls anders als die DB. Doch wenn man ein angeblich erfolgreiches Unternehmen kauft, wird das eigene Unternehmen, bei dem die Hausaufgaben verschludert werden, nicht automatisch erfolgreicher, Herr Grube!

Originalton DB: Nach einem erfolgreichen Vollzug des Angebotes könne die DB mit den Arriva-Aktivitäten ihre Marktposition in Europa deutlich stärken, erläuterte Grube. Denn der Wettbewerb in Deutschland wie in Europa werde weiter zunehmen. Die DB müsse sich dieser Herausforderung  stellen – gerade im ureigenen Interesse ihrer Kunden und Mitarbeiter. Grube: „Die Marktanteile der DB im deutschen Nahverkehr werden in den nächsten Jahren – politisch gewollt rückläufig sein. Und gleichzeitig werden die Nahverkehrsmärkte in Europa weiter aufgeteilt. Wir haben jetzt die Chance, uns an der Markterschließung in Europa zu beteiligen oder aber wir leiten unseren eigenen Schrumpfungsprozess ein. Die DB will jedoch Treiber und nicht Getriebene sein.“ Man könne sich entweder über organisches Wachstum oder Ausschreibungsverfahren im Ausland weiterentwickeln oder eben durch eine Akquisition.

Wieder das Gerede vom Wachstum. Was ist daran falsch, wenn leistungsfähige Wettbewerber mit attraktiven Angeboten, modernen Fahrzeugen und hervorragendem Service einen Teil des Nahverkehrsmarkts erobern, in dem die DB so kläglich versagt hat? Warum darf ein Staatsbetrieb wie die DB nicht schrumpfen und muss sein geringes Talent auch noch ins Ausland tragen? Weil der deutsche Steuerzahler für die Verluste in Haftung genommen wird, nicht aber Vorstand und Aufsichtsrat?

Die DB weiter: Befürchtungen, die DB könne wegen des Kaufs von Arriva ihre Kunden in Deutschland vernachlässigen, wies Grube als unbegründet zurück: „Es bleibt dabei, wir bringen unser Brot- und Buttergeschäft hierzulande vorrangig in Ordnung.“ Von den geplanten Investitionen der DB in Höhe von 41 Milliarden Euro in den kommenden fünf Jahren gehe durch die Akquisition kein einziger Euro für Sicherheit, Service oder Qualität in Deutschland verloren. Klar, Arriva kauft man auf Pump.

Der DB-Chef abschließend: „Arbeitsplätze im Ausland sichern bekanntlich Arbeitsplätze im Inland. Je stärker wir in Europa sind, desto sicherer sind unsere Arbeitsplätze zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen.“ Aha: Weil die DB eine englische Firma kauft, haben die Lokführer (von DB Regio?) in Deutschland einen sichereren Arbeitsplatz.

Verarschen kann ich mich selber.

PS: Lesen Sie bitte auch den Kommentar im manager magazin.

Ein Kommentar

 
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