Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

DB will trotz gigantischer Schulden Arriva kaufen

21.04.10 (Deutschland, Eisenbahn, Großbritannien, Personenverkehr, Verkehrspolitik)

Die Deutsche Bahn hat heute für morgen zur Pressekonferenz ins Marriot in Berlin eingeladen:

Sehr geehrte Damen und Herren,
aus aktuellem Anlass möchten wir Sie kurzfristig zu einer Pressekonferenz unter anderem mit dem DB-Vorstandsvorsitzenden Dr. Rüdiger Grube einladen.
Hinweis für internationale Korrespondenten: Die Pressekonferenz wird per Simultandolmetscher ins Englische übersetzt.

Es besteht kein Zweifel, dass Grube verkünden wird, dass der Aufsichtsrat ihm erlaubt habe, für das britische Nahverkehrsunternehmen Arriva zu bieten. Eine Summe von 2,7 Mrd. Euro steht zur Debatte. Und das, obwohl die DB 15 Mrd. Schulden hat.

Grube wird die Kaufabsicht zu dem sehr hohen Preis mit dem harten Wettbewerb begründen und dass nur etwa fünf europäische Bahnunternehmen die Chance haben werden zu erleben. Das ist zwar Unsinn, weil kein nationales Bahnunternehmen, zumal im Staatsbesitz, gezwungen ist, im Ausland ganze Bahnsysteme zu übernehmen. (Kooperationen und grenzüberschreitende Züge mit hoher Priorität gibt es jedoch viel zu wenige.) Doch Grube ist ein ehemaliger Daimler-Manager und er denkt in den Kategorien von CEOs, die mal hier, mal da ohne viel fachlichen Hintergrund arbeiten und Gewinnmaximierung – des eigenen Einkommens und jenes der AG – betreiben. Sonst nichts. Wie das Abenteuer mit Schrempps DaimlerChrysler-Welt AG ausgegangen ist, ist bekannt.

Und warum ausgerechnet die Deutsche Bahn, die dem deutschen Steuerzahler gehört und von ihm über Jahrzehnte finanziert wurde, sich nun zur Welt-AG aufschwingen muss, während die Fahrzeuge von DB Fernverkehr und DB Regio zusammen mit den Bahnhöfen von Station und Service und den Gleisen von DB Netz kostengesenkt verrotten, erschließt sich mir nicht. Es sei denn die Eitelkeit dieser CEOs, die Inkompetenz des Bundesverkehrsministeriums oder des Bundestags, würden als Argument gelten. Mehdorn, das beschrieb auch die Wirtschaftswoche diese Woche sehr schön, ist der smartere Mehdorn. Eine andere Unternehmenspolitik macht er nicht. Er tritt nur netter auf. Er hat bei Mehdorn und aus dessen Fehlern gelernt.

Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) bemerkte heute zu dem Plan: Heute wird der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG (DB AG) darüber entscheiden, ob der Konzern rund 2,7 Milliarden Euro für den Kauf des britischen Verkehrsunternehmens Arriva ausgeben soll. Dieses Geld hat die DB nicht in der Portokasse – ganz im Gegenteil: Sie muss es sich am Kapitalmarkt leihen, wodurch ihr ohnehin schon gewaltiger Schuldenberg von über 15 Milliarden weiter anwächst. Der Verkehrsclub Deutschland e.V. fordert die Deutsche Bahn auf, sich stärker auf die heimischen Strecken zu konzentrieren, anstatt verschuldete ausländische Unternehmen zu übernehmen. Qualitätssicherung, die Sanierung der Güterverkehrssparte und die Schuldenreduzierung müssten an erster Stelle stehen. Aber das wäre harte Arbeit und würde voraussetzen, dass die Vorstände etwas vom System Eisenbahn verstehen. Es sind aber nur Finanzjongleure, die in Marktanteilen denken, aber nicht in Kategorien wie Qualität, Preis-Leistungsverhältnis und einer angemessenen Dienstleistung. Da tummelt man sich doch lieber im Ausland und dreht große Räder am Kapitalmarkt.

Michael Gehrmann, VCD-Bundesvorsitzender: „Schon jetzt ist die Schieneninfrastruktur in Deutschland deutlich unterfinanziert. Mit seiner sogenannten Streichliste hat Bahnchef Grube gegenüber der Politik selbst die Alarmglocke geläutet. Die geplante Investition zeigt nun, dass die DB AG ihren Heimatmarkt selbst weiter vernachlässigt. Es ist es ist ein echter Widerspruch, den eigenen Schuldenstand durch den Aufkauf von Arriva – und deren 900 Millionen Euro Schulden – in die Höhe zu treiben, während man seit Jahren zu wenig in Erhalt und Ausbau des Schienennetzes investiert. Schon jetzt stößt die Deutsche Bahn im Schienengüterverkehr an ihre Grenzen und kann zusätzlichen Verkehr kaum bewältigen.“
Das gilt nicht nur für den Güterverkehr, sondern, wie ich fast jeden Tag als Bahnfahrer erlebe, im Personenverkehr.

Und weiter VCD-Bahnexpertin Heidi Tischmann: „Wenn sich die Konzentration im Anbietermarkt fortsetzt, ist der Ausschreibungswettbewerb im Nahverkehr durch die Bundesländer nur noch eingeschränkt möglich. Qualitätsverlust und ein eingeschränkteres Angebot wären die Folge – beides geht zu Lasten der Fahrgäste. Denn gerade das Plus an Wettbewerb seit der Bahnreform hatte zuletzt dazu geführt, dass das Angebot im Schienenpersonennahverkehr um 17 Prozent ausgeweitet werden konnte und die Zahl der Passagiere um die Hälfte stieg. Weitere Konzentrationen auf dem Schienenverkehrsmarkt sind da völlig kontraproduktiv. Hier liegt es am Bund und der EU, endlich ordentliche Rahmenbedingungen und Kontrollmechanismen zu schaffen.“

Daran hat keiner Interesse. Die Deutsche Bahn kontrolliert sich weitestgehend selbst, hat sich als unüberschaubarer Apparat verselbständigt und tanzt der Politik und uns Bürgern auf der Nase herum. Die Zeche bezahlen Steuerzahler und Bahnkunden. Den Profit machen Vorstände, Berater, Rechtsanwälte und Banken. Ganz egal, was herauskommt. Diese gewinnen immer, und nicht zu knapp.

4 Kommentare

  • 1
    Joachim Bochberg:

    Sie meinen sicher, Grube sei der bessere Mehdorn …

    Schade, dass es bei der Bahnpolitik keine wirkliche Opposition gibt!

    Schöne Grüße

    Joachim Bochberg

  • 2
    Friedhelm Weidelich:

    Nein, der bessere Mehdorn ist er nicht. Er tritt nur geschmeidiger auf, dafür aber sehr herzhaft in die Fußstapfen Mehdorns. Ich hatte einmal große Hoffnung, dass sich etwas ändert bei der DB. Sie ist aber nicht lernfähig, und da so massives Managementversagen, wie wir es bei Mehdorn und jetzt bei Grube haben, nicht sanktioniert wird, machen diese Allround-Manager einfach so weiter. Und da unsere Bundesverkehrsminister brave Parteisoldaten sind, sich einen Dreck um die Bürger scheren und irgendwelchen Marktideologien huldigen, hat die DB freie Bahn. In Frankreich hätten Gewerkschaften schon einen Generalstreik durchgezogen. Unsere Gewerkschaften und Parteien, von einzelnen Fachleuten abgesehen, schlafen aber lieber, anstatt einen Protest gegen den Ausverkauf von Bundeseigentum zu organisieren.

  • 3
    Beim Arriva-Kauf macht sich die Deutsche Bahn was vor /// Railomotive:

    […] hatte kürzlich bereits deutlich gemacht, dass sich meines Erachtens Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, als leiserer […]

  • 4
    Liberaldemokrat » Das unsoziale Sparpaket von Schwarz-Gelb:

    […] tun, dass die Menschen die Bahn nutzen. Nun wird es jedoch anders kommen. Die Bahn, die sowieso so 15 Milliarden Euro Schulden(zusätzlich zu 2,7 Milliarden, die noch durch dein Kauf eines britischen Nahverkehrsunternehmens […]

 
Get Adobe Flash player

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen