Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Beim Arriva-Kauf macht sich die Deutsche Bahn was vor

15.05.10 (Deutschland, Eisenbahn, Großbritannien, Verkehrspolitik)

Ich hatte kürzlich bereits deutlich gemacht, dass sich meines Erachtens Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, als leiserer Mehdorn, aber ebenso aggressiv und am Sinn und Zweck der DB vorbei agierender Manager entpuppt hat. Ein Zahlenjongleur wie all jene Top-Manager, die alle paar Jahre bei einer anderen AG sattes Geld verdienen, kein persönliches Risiko außer der Entlassung mit üppiger Millionenabfindung eingehen müssen und irgendwann Gier und Größenwahn verfallen wie einst Schrempp mit seiner kläglich gescheiterten Welt-AG DaimlerChrysler. Solches scheint in den menschlichen Genen zu stecken und von den Alphamännchen der Managerkaste ausgelebt zu werden. Sie sind kaum zu stoppen in ihrer Selbstüberschätzung. Politiker, allen voran Bundeskanzlerin Merkel, gehören zu diesen Machtmenschen ebenso wie Schröder oder der Unsympath Clement, der Millionen für eine schwachsinnige Transrapid-Trassenplanung durchs Ruhrgebiet verbrannt hat.

Große Räder zu drehen, wird für diese Typen irgendwann zur Normalität, weil man Journalisten, Aktionären und Bürgern sehr lange etwas vormachen kann und verliehene Macht niemals zurückkommt. Dass die Machtelite (die aber weder eine Intelligenz- noch Wissenselite ist, sondern nur einen hochentwickelten Machtinstinkt hat) beim Drehen großer Räder ziemlich schnell Fehler macht, zeigt die Geschichte. Gewisse Risiken einzugehen, gehört zwar zum Job. Aber systembedingt auch ein Tunnelblick bei der Abwägung von Risiken, denn diese Menschen setzen ja nur auf Sieg, weil sie sich für geborene Sieger halten.

Der Vorteil für CEOs und Politikern ist, dass sie für ihre Fehlentscheidungen nicht wirklich zur Verantwortung gezogen werden – sie fallen immer weich, bestehen trotz Milliardenverlusten für den Arbeitgeber auf Millionenabfindungen und bekommen sie auch. Denn die eigenen Anstellungsverträge haben sie bestens aushandeln lassen, da sind sie sorgfältig. Politiker erhalten ohnehin eine fette Pension und finden sehr häufig bei denen, für die sie ertragreiche Wege gebahnt haben (Banken, Versicherungen, Autohersteller), einen guten Aufsichtsrats- oder Beraterposten. Unrechtsbewusstsein haben sie nicht, die Folgen ihres Handelns übersehen sie gar nicht oder blenden sie aus.

So überrascht es nicht, dass der Verkehrsminister den Bahnchef einfach machen lässt und vergessen hat, dass die deutsche Staatsbahn keine Welt-AG sein sollte, sondern zuallererst eine Einrichtung der Daseinsvorsorge ist: Die Deutsche Bahn soll in Deutschland die Mobilität von Menschen und Waren gewährleisten. Das interessiert Mehdorn-Nachfolger Grube aber nicht, weil der Automanager kein Eisenbahner ist. Er will einen glanzvollen Börsengang vorbereiten. Und so redet er sich mit seinem Aufsichtsrat Akquisitionen so schön wie einst Schrempp. Der ehrgeizige Mann will an die Börse, sonst nichts.

Weil für Mehdorn, Grube und Konsorten nur Größe, Wachstum und Rendite zählen, weil davon auch ein Teil ihres Einkommens abhängt (sie könnten genauso gut auch Lebensmittelkonzerne, Kraftwerke und Wasserleitungsnetze managen, weil es ja immer nur um Zahlen geht), kaufen sie im Ausland zu und erklären das für notwendig. Die doofen Politiker und viele Journalisten glauben das. Wir Bürger haben ja keine Ahnung vom Wirtschaften.

Was Grubes Vorstand kann, kann ich auch: Ich schaue auf eine Aktie und rede mir ein, dass sie enormes Potenzial hat. Im letzten Jahr ist sie um 30 % gestiegen. Ich ignoriere einfach Inflation, Weltwirtschafts- und Eurokrise und stelle mir vor, dass die Aktie, die um 30 % pro Jahr stieg, auch 60 % steigen kann, weil ich das für eine gute Idee halte, ein Super-Gespür habe und natürlich schlauer bin als der Markt. Dann nehme ich mein ganzes Geld und investiere. Das spricht zwar gegen jeden gesunden Menschenverstand, entspricht aber der Denkweise von Vorständen. Würde so eine Investition die hochgesteckten, nein, hochgesetzten Erwartungen erfüllen, wäre es ein Wunder. Ich wäre ein Großteil meines Geldes los, bei der Bahn ist es aber nur der Steuerzahler. Und der kann sich nicht wehren. Oder tut es zumindest nicht.

Genau so geht Grube beim Kauf von Arriva vor, schreibt die FTD, die an interne Unterlagen herankam: Der Geschäftsplan, den die Bahn für Arriva entwickelt hat, basiert auf der Prämisse, dass der operative Gewinn (Ebit) in den nächsten fünf Jahren doppelt so stark wächst wie in den vergangenen fünf Jahren: Die Bahn-Spitze erwartet für Arriva von 2010 bis 2014 bei einer Umsatzsteigerung um 15,5 Prozent eine überproportionale Ebit-Zunahme von 156 auf 248 Mio. Pfund (290 Mio. Euro). Das entspricht einem Wachstum um 59 Prozent. In den fünf Jahren seit 2005 ist der operative Gewinn dagegen nur um 30 Prozent gestiegen – bei einem Umsatzplus von 93 Prozent.“

Das ist nicht nur Selbstbetrug. Es ist vorsätzlicher Betrug am Staat und an uns Steuerzahlern.

Noch schlimmer, da sind offensichtlich Casinospieler am Werk, denn die FTD schreibt weiter: „In DB-Kreisen hieß es, die Gewinnannahmen gälten intern sogar als konservativ. Aus anderer Quelle verlautete, höhere öffentliche Subventionen für den Zugbetrieb in Großbritannien sollten die Gewinne steigern.“

Mit anderen Worten: Die DB zockt beim Vereinigten Königreich öffentliche Subventionen ab, um den eigenen Gewinn zu steigern. Dummerweise ist der Bahnverkehr von Arriva aber eher bescheiden. Arriva ist ein Nahverkehrsunternehmen mit Schwerpunkt Busbetrieb.

Und zuletzt: „Der Geschäftsplan schließt offenbar die Deutschlandaktivitäten von Arriva ein. Dabei wird sich die DB davon größtenteils aus Kartellgründen trennen müssen.“ Das ist vollkommen richtig. Um sich den Kauf schönzureden, rechnet man eben die Geschäfte der deutschen Arriva-Töchter mit ein. Hauptsache, man kann den Kauf mit Super-Zahlen begründen. Danach interessiert es sowieso keinen mehr, weil ja das Kartellamt und andere finsteren Mächte schuld sind und man das ja nicht wissen konnte. Für wie blöd hält uns eigentlich die Deutsche Bahn?

Selbstüberschätzung, Dreistigkeit, Zockermentalität und fahrlässiges Ausblenden von Risiken. All das kann man den Bahnvorständen vorwerfen. Nur keine Unternehmenspolitik, die dem Unternehmenszweck dient: Fern-, Güter- und Nahverkehr in Deutschland zu angemessenen Preisen, mit modernen Mobilitätskonzepten und der Verantwortung für Infrastruktur, Kunden und Mitarbeitern.

Es wäre ein Wunder, wenn Bundesverkehrsminister Ramsauer gegen diese 2,7 Milliarden Euro teuere Zockerei der Deutschen Bahn noch vorgehen würde.

Und ehrlich: Würden Sie Aktien der Deutschen Bahn, eines seit Jahren schlecht gemanagten Unternehmens, kaufen?

Bitte lesen Sie auch den älteren FTD-Beitrag über den Arriva-Kauf, er ist wirklich gut und belegt, dass der Kauf von Arriva keinen Sinn hat und auch nicht notwendig ist. Es sei denn, macht möchte eine „Börsenstory“ haben, also Gründe für einen hohen Ausgabepreis der Aktien und rasant steigende Kurse vorspiegeln. Daran ist schon die Telekom grandios gescheitert. Schon vergessen?

Ein Kommentar

 
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