Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Ein Elektromobilitätsgipfel ohne Eisenbahn ist Etikettenschwindel

03.05.10 (Deutschland, Innovationen, Straßenverkehr, Verkehrspolitik)

Ich finde es immer wieder erschreckend, wie sich unsere Bundesregierung von den Lobbyisten der deutschen Automobilindustrie lenken lässt. Aber wo bei den Spitzenpolitikern Inkompetenz herrscht, ist der Einfluss eben leicht. (Was nicht bedeuten muss, dass in den Ministerien nicht doch Leute mit Sachverstand und Weitblick sitzen. Aber offenbar nicht in der oberen politischen Ebene.) Dass die Industrie Gesetze von aus der Industrie abgeordneten Mitarbeitern in den Ministerien mitschreiben lässt, ist ja ein offenes Geheimnis. Denn die Macht geht von den Lobbyisten aus. Vom Volke schon gar nicht.

Nun ist wieder einmal ein „Gipfel“ in Berlin, der darüber hinwegtäuschen soll, dass die deutsche Autoindustrie immer noch auf einem hohen, PS-starken Ross sitzt und es verschlafen hat, sich rechtzeitig um den schon lange erkennbaren Trend zur Elektromobilität zu kümmern – auch wenn der noch zehn, 20 Jahre braucht, bis nennenswerte Anteile des Verkehrs elektrisch fahren. Erst seitdem die Energieversorger hier einen Markt wittern und ihre besten Kontakte in die Politik nutzen, kommt etwas in Gang. Wobei man sich im Klaren sein muss, dass ein Elektroauto auch Energie braucht, die sicher nicht allein aus Wind und Wellen erzeugt werden kann.

Während die Japaner bereits die dritte Generation des Prius, ein Hybrid mit Benzin- und Elektromotor, in den Markt brachten und Renault 2011 die ersten voll elektrischen Serienmodelle produzieren wird, döst die deutsche Autoindustrie vor sich hin. Das geht so weit, dass Daimler mit der Renault-Nissan-Allianz zusammenarbeiten muss, um Elektroautos in vertretbarer Zeit serienreif zu bekommen. VW wird erst 2013 ein Elektroauto serienmäßig produzieren. Selbst im fernen China hat BYD die enormen Chancen des Elektroantriebs erkannt.

Die schreibenden Autofans, die schon mal mit seriösen Journalisten verwechselt werden, wurden von der Autoindustrie gepäppelt und zu Kritiklosigkeit erzogen. Sie erfreuen sich noch immer „mit Benzin im Blut“ (aber vermutlich wenig Blut im Hirn) enthusiastisch und geradezu hymnisch an PS-Boliden und luxuriösen Leihwagen. Schauen Sie sich nur einmal die Autoseiten bei großen und kleinen deutschen Tageszeitungen und Magazinen an. Die haben das Thema Mobilität noch überhaupt nicht erfasst und ernten trotz ihrer PR-Texte kaum noch nennenswert Anzeigengelder der Autoindustrie. Die Autoseiten-Redakteure und ihre Zulieferer (Weißraum wird möglichst kostenlos gefüllt) wollen sich nicht um eben jene Themen kümmern, die ihre Leser interessieren. Diese kauften – aus Vernunft und wegen des sinkenden Einkommens – in aller Regel im vergangenen Jahr Klein- und Kompaktwagen, die für Auto“journalisten“ natürlich extrem langweilig sind. Momentan kehrt sich laut Kraftfahrtbundesamt der Trend allerdings wieder um, weil die gewerblichen Käufer Nachholbedarf haben und doch lieber zu Prestigeautos greifen. Als Langstreckenwagen taugt das Elektroauto noch sehr lange nicht – auch wenn der Durchschnittseuropäer pro Tag nicht mehr als 60 bis 80 km fährt.

Die Allianz pro Schiene hat gerade eine Pressemitteilung veröffentlicht, die ungewöhnlich deutlich die Bundesregierung wegen ihres blinden Aktionismus abwatscht, der ja längst eine zielgerichtete, nachvollziehbare Verkehrspolitik abgelöst hat.

Nachdem sich bereits Umwelt- und Verbraucherverbände von dem heute stattfindenden Gipfel zur „Elektromobilität“ distanziert und der ADAC sogar seine Teilnahme abgesagt hat, kritisiert die Schienenlobby den vom Kanzleramt einberufenen Gipfel als „Etikettenschwindel“. „Die real existierende Elektromobilität mit der Eisenbahn bleibt außen vor, die Schienenbranche sitzt am Katzentisch. Die Regierung setzt Elektromobilität mit Elektroautos gleich, alleine das ist schon ein skandalöser Kniefall vor der Autolobby“, sagte Allianz pro Schiene-Geschäftsführer Dirk Flege heute in Berlin. „Statt die Mobilität von morgen insgesamt zu betrachten, verfällt das Kanzleramt in Kästchendenken und erzeugt kollektive Trugbilder. Die geballte Aufmerksamkeit gilt einem einzigen Verkehrsträger, dem Automobil“, sagte der Geschäftsführer des Verkehrsbündnisses.

Die Allianz pro Schiene kritisierte, dass die gegenwärtigen Bemühungen um die Elektromobilität das sehr vordergründige Ziel hätten, „neue Subventionstöpfe für die Autoindustrie aufzustellen“. Flege zeigte sich außerdem befremdet darüber, dass die „Nationale Plattform Elektromobilität“ mit einem großen N daherkomme. „Während der Fetisch Auto bei jungen Deutschen unwiederbringlich an Glanz verliert, drapiert sich die Autobranche mit Hilfe der Regierung als vaterländische Heilsbringerin. Hier geht es offenkundig nicht um eine Zukunftsdiskussion, sondern um das Gegenteil davon: Um plumpe Emotion.“

Neben dem Qualitätsproblem, dass strombetriebener Straßenverkehr nicht automatisch umweltfreundlich sein würde, gibt es nach Einschätzung der Allianz pro Schiene auch ein Problem mit der Quantität: Während im Schienenverkehr zur Zeit fast 90 Prozent der Personenkilometer elektrisch gefahren werden, käme der Straßenverkehr 2020 gerade mal auf einen Anteil von geschätzten zwei Prozent, sollte die Regierung ihr als „ehrgeizig“ eingestuftes Ziel von einer Million Elektroautos bis dahin wirklich erreichen.

Ein verkehrsträgerübergreifender Gipfel zur Elektromobilität müsste selbstverständlich auch die erheblichen und schnell realisierbaren Möglichkeiten des Eisenbahnsektors heben: „Die Elektrifizierung weiterer Strecken, die Förderung von Hybridlokomotiven oder anderer neuer Antriebstechniken. Wir könnten uns auch ein großangelegtes Straßenbahnbauprogramm für deutsche Städte vorstellen, wie es Frankreich gerade aus der Taufe hebt. All das wäre Elektromobilität in Reinform“, sagte der Allianz pro Schiene-Geschäftsführer.

Flege hat recht.

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Der Verkehrsclub Deutschland kommentierte soeben:

Michael Gehrmann, VCD-Bundesvorsitzender: „Wenn die Bundesregierung ihre selbstgesteckten Klimaziele auch im Verkehr erreichen will, lässt sich das nur mit einem Zukunftskonzept für die Mobilität umsetzen, das die Bedürfnisse der Menschen, den Umwelt- und Klimaschutz, den demografischen Wandel und die Kosten des Verkehrs integriert und die notwendigen Maßnahmen auflistet. Langfristig wird die Elektromobilität ein Baustein eines CO2-armen Straßenverkehrs sein, daher ist es richtig, dass die Bundesregierung die Grundlagenforschung fördert. Kurz- und mittelfristig spielen Elektroautos jedoch keine nennenswerte Rolle. Es kommt darauf an, unnötige Verkehre zu vermeiden, Verkehr auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel zu verlagern und die Energieeffizienz aller Fahrzeuge – unabhängig von ihrer Antriebsart – zu verbessern, um so den klimaschädlichen CO2-Ausstoß zu senken.“

Bis 2050 soll nach dem Willen der Bundesregierung der bundesweite CO2-Ausstoß um 80 Prozent gegenüber 1990 sinken. Der VCD fordert ein solches Ziel auch für den Verkehr. Dazu brauche es eine Stadt der kurzen Wege und einen gut ausgebauten öffentlichen Verkehr, dessen Rückgrat elektrisch betriebene Züge und Straßenbahnen bilden. Elektroautos werden auch in zehn oder zwanzig Jahren noch 10.000 Euro teurer sein. Sie passen mit ihrer begrenzten Reichweite in einen modernen Verkehr der Zukunft, seien jedoch ungeeignet für eine autofixierte Mobilität, wie sie der Autoindustrie vorschwebe, die von einem zusätzlichen Geschäft mit Zweit- und Drittwagen träume. Damit liegt Gehrmann nicht falsch.

Gerd Lottsiepen, verkehrspolitischer Sprecher des VCD: „Wir begrüßen die Ankündigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, endlich eine anschauliche Verbrauchskennzeichnung  für Pkw einzuführen, wie sie der VCD seit 2003 fordert. Nach Informationen des VCD orientiert sich dieses CO2-Label an dem für Kühlschränke und soll den Verbrauchern die Auswahl klimaschonender Autos erleichtern. Elektroautos dürfen jedoch bei der Klassifizierung keinesfalls automatisch mit einem grünen Balken und einem A gekennzeichnet werden. Auch sie müssen aus Gründen des Verbraucherschutzes ihre Energieeffizienz beweisen. Dafür braucht es dringend realistische Tests für den Energieverbrauch.“ Verlässlichen Zahlen zum Energieverbrauch der Elektro-Autos gebe es bis heute noch viel weniger als für Diesel und Benziner.

Der VCD vermisst zudem eine Politik der Bundesregierung aus einem Guss: Zeitgleich zur Rede der Kanzlerin verkündete das Bundesumweltminsterium, dass Marktanreizprogramm für erneuerbare Energien und Vorhaben der Klimaschutzinitiative würden vom Finanzministerium gestoppt. Gehrmann: „Es kann nicht sein, dass wortreich die Förderung der Elektromobilität verkündet wird und sich die Autohersteller auf weitere Milliarden freuen können, während anderswo der Klimaschutz ins Hintertreffen gerät.“

Doch! Frau Merkel kann das. Konsequent an Merkels Regierungsstil ist nur die Inkonsequenz und die vorübergehende Füllung von Baugruben und Subventionstöpfen, die ihr gut organisierte Industrieverbände aus purem Eigennutz gegraben oder hingestellt haben.

Ein Kommentar

 
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