Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

In Stuttgart droht wegen Hauptbahnhof-Abriss ein heißer Herbst

20.05.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Strecken)

Heute wurde die Klage von Dipl.-Ing. Peter Dübbers gegen den Abriss der Seitenflügel des denkmalgeschützten Stuttgarter Hauptbahnhofs abgewiesen. Der Kläger ist einer der drei Erben des Architekten Prof. Paul Bonatz (1877 bis 1956), der den Stuttgarter Hauptbahnhof plante und die Ausführung geleitet hat. Es war der letzte Versuch, durch eine Berufung auf das Urheberrecht des Architekten das Mammutprojekt, das mit den erforderlichen Tunneln voraussichtlich 10 Milliarden Euro verschlingen wird, zu verhindern. Dass das Urteil so ausfallen würde, das – unüblicherweise – sofort veröffentlicht und von der Deutschen Bahn begrüßt wurde, war schon erwartet worden.

In dem sehr ausführlichen Urteil, das vom Landgericht offenbar in nur wenigen Sekunden verkündet wurde, steht u. a.: „Im vorliegenden Fall ist das Interesse der Beklagten und der Allgemeinheit an der Umsetzung der jetzigen Gesamtkonzeption in der Interessenabwägung zu berücksichtigen. Der Planfeststellungsbeschluss bringt ein erhebliches öffentliches Interesse an der Verwirklichung des Projekts „Stuttgart 21“ zum Ausdruck. Die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg haben das Projekt gebilligt und sehen ein dringendes Bedürfnis für seine Umsetzung. Ebenso hat das Eisenbahn-Bundesamt den Planfeststellungsbeschluss erlassen. Dem Gericht steht es im Rahmen der Interessenabwägung nicht zu, diese Entscheidungen der demokratisch legitimierten Hoheitsträger in Frage zu stellen. Auch etwaige städtebauliche Erwägungen einer Gebietskörperschaft sind legitim. Die Beklagten können sich auf die hinter dem Projekt stehenden öffentlichen Interessen berufen.“

Dass es bei Stuttgart 21 weniger um einen betrieblich notwendigen Durchgangsbahnhof geht, als um die Verwertung des Bahnhofsgeländes durch die DB und städtebauliche Aspekte mit dem üblichen Filz aus Investoren, darf man nach menschlichem Ermessen getrost annehmen und wird auch in Stuttgart offen ausgesprochen. Denn auch die kilometerlange Vertunnelung der Gäubahn Richtung Rottweil/Zürich, die gerade mangels brauchbarer Neigezüge und Geld für ein durchgehendes zweites Gleis, das die Franzosen nach dem 2. Weltkrieg als Reparation teilweise abgebaut haben, hat keinen Sinn. Diese Hauptstrecke mit einst internationaler Bedeutung für den Verkehr nach Italien und die Schweiz wird gerade nach Strich und Faden vernachlässigt und verkommt immer mehr zur Nebenstrecke, bei bereits erheblichen Fahrgastverlusten.

Angesichts der großen Schulden der Deutschen Bahn und der Überschuldung der Bundesrepublik ist Stuttgart 21 unverantwortlicher Wahnsinn.

Das „öffentliche Interesse“ sieht die Stuttgarter Bevölkerung, gegen die der neue Untergrundbahnhof – ökologischer, eisenbahntechnischer und ökonomischer Irrsinn – durchgepeitscht wurde, allerdings ganz anders. Mehr als drei Viertel sprechen sich in dieser aktuellen Umfrage gegen den Abriss aus. Neben den von den Medien weitgehend totgeschwiegenen Montagsdemonstrationen, an denen sich auch der SWR-Bahnromantik-Moderator Hagen von Ortloff beteiligt, gibt es auch eine Initiative Parkschützer, die sich an Bäume ketten will, wenn im September der Abriss beginnt. Denn auch der Schlossgarten soll für etwa zehn Jahre den zahlreichen Baustellen weichen, die zunächst nur die S-Bahn-Rampe unbefahrbar gemacht haben. Auch diese Bürgerinitiative macht mobil und lädt für morgen, 21. Mai, zu einer Informationsveranstaltung ein, wie der Bau doch noch zu verhindern sei. Und die Inititative Kopfbahnhof 21, die auch von prominenten Architekten und Politikern unterstützt wird, zeigt auf, dass der Kopfbahnhof bestens seinen Dienst leistet. Lesenswert auch die Bewertung des Projekts und die Laudatio der Immobilienindustrie auf Stuttgarts Oberbürgermeister Schuster.

Auch hier wird Widerstand organisiert und zu Spenden für den 71-jährigen Dübbers aufgerufen, der die Prozesskosten tragen muss. Die Stuttgarter Nachrichten berichten.

Ich kenne den Dickkopf der Schwaben und ihr ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Es wird heftige Kämpfe und schlimme Polizeieinsätze mit Schwerverletzten und vielleicht Toten geben. Wenn sich außerdem der allgemeine Staatsverdruss in den nächsten Monaten weiterentwickelt, kann es zu explosiven Entladungen des Volkszorns kommen, die sich niemand wünschen kann.

Nachtrag 22.5.2010: Die FAZ bewertet das Urteil mit dem Vergleich, dass man dann auch das Langschiff des Kölner Doms abreißen könne, wenn es – wie den Richtern beim Stuttgarter Hauptbahnhof – nur auf den Kern von Baudenkmälern ankäme und man Platz für eine Erweiterung bräuchte. (Der Kölner Hbf ist sowieso zu eng…). Hoffnung, dass das Projekt doch noch gestoppt wird, keimt auf: In Berlin soll Stuttgart 21 auf der Streichliste stehen.

3 Kommentare

  • 1
    Jutta Radicke:

    Sie haben dem Nagel auf den Kopf getroffen!
    Es ist noch nicht zu spät, das Projekt Stuttgart 21 zu stoppen. Noch sind nur Vorarbeiten (Erneuerung der Signalanlagen und Weichen, Ersetzen von Gleisen mit Holzschwellen durch welche mit Betonschwellen)im Gange, die auch für einen modernisierten Kopfbahnhof nützlich wären!

  • 2
    Stefan Kirchberger:

    Und der Mist beginnt bereits, vgl. Stuttgarter Zeitung von heute:

    Die Stuttgarter S-Bahn hat seit gut einer Woche ein großes Verkehrsproblem: Nach Informationen der StZ hat das Eisenbahnbundesamt (EBA) eine seit 1978 bestehende Ausnahmegenehmigung aufgehoben. Diese erlaubte es den Zugführern, in dem von allen sechs Linien genutzten S-Bahn-Nadelöhr unter dem Hauptbahnhof sehr dicht auf den vor ihnen befindliche Zug aufzufahren. … Als Ursache dafür werden die Umbauarbeiten im Gleisvorfeld und an der S-Bahn-Tunnelrampe des Hauptbahnhofs genannt. „Dabei ist es zu Veränderungen bei der Zugsicherungstechnik gekommen“, heißt es in Bahnkreisen. Diese hätten das EBA wohl wegen Sicherheitsbedenken zur Aufhebung der langjährigen Ausnahmegenehmigung veranlasst.

    Ja, die DB AG – man will nicht wissen, was los ist, wenn wirklich gebaut wird… Als Pendler bezahlen wir jetzt schon täglich mit massiven Verspätungen für den Größenwahn der Stuttgarter Stadtpolitiker.

  • 3
    Stuttgart 21: Und die Medien träumen stundenlang vor sich hin /// Railomotive:

    […] Befürchtungen vom Mai sind eingetreten. Es wird eine sehr unruhige Nacht in Stuttgart geben, denn ab 24 Uhr dürfen, […]

 
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