Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Arriva lässt sich von der DB kaufen und Grube will uralte Wagen aufarbeiten lassen

17.06.10 (Bahnindustrie, Deutschland, Fernverkehr, Personenverkehr, Schweiz, Triebwagen)

In der englischen Presse findet sich keine Zeile zu dem Deal, aber die Deutsche Bahn tönt heute: Die Aktionäre von Arriva plc. haben heute für das Übernahmeangebot („Scheme Document“) der Deutschen Bahn gestimmt. Vorbehaltlich der Freigabe durch die zuständigen Kartellbehörden ist der Vollzug der Transaktion für Ende August 2010 geplant. Die Deutsche Bahn strebt an, zu diesem Zeitpunkt Arriva von der Londoner Börse zu nehmen und als eigenständige 100%ige Tochtergesellschaft der DB UK Holding Limited fortzuführen. „Damit ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum Zusammenschluss erreicht“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Dr. Rüdiger Grube. „Mit den erfolgreichen Bus- und Schienenverkehren von Arriva in zwölf europäischen Ländern wird die Deutsche Bahn in eine neue Dimension des Personenverkehrs vorstoßen.“

Ich bin sicher: Wir werden in wenigen Jahren sehen, dass hier ein hübsches Sümmchen in den Sand eines uninteressanten Landes gesetzt worden ist!

Die Pressemitteilung ist fern jeder Bescheidenheit betitelt: Grube: „Weichen für DB-Personenverkehr in europäischer Dimension gestellt“.

In Bescheidenheit dürfen sich jedoch die Kunden im Kernmarkt Deutschland üben, denn DB-Vorstandsvorsitzender Rüdiger Grube erklärte diese Woche im Interview dem Tagesspiegel:

Kaufen Sie neue (Züge)?

Wir machen unsere Züge zuverlässiger. Wir haben die gesamte Flotte auf Herz und Nieren geprüft, vom Klapptisch bis zur Kaffeemaschine. Die ICE-2-Baureihe werden wir zudem für mehr als 100 Millionen Euro im Rahmen eines Redesigns von Grund auf erneuern. Und die durchschnittlich 32 Jahre alten IC-Waggons werden wir völlig überarbeiten. Die mehr als 1500 Fahrzeuge werden überarbeitet und gründlich aufgemöbelt.

Bald soll der Nachfolger kommen, der ICx. Lohnt es sich noch, die ICs aufzuhübschen?

Der ICx kommt ja erst ab 2014, damit stellen wir unsere Technik auf eine ganz neue Basis. Wir bekommen ja nicht alle Züge auf einen Schlag, die Auslieferung der ersten 220 dauert bis 2020. Wir brauchen 300 Züge bis 2025. Wir müssen die Zeit überbrücken.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Grube will also 32 Jahre alte Wagen, die nah vor dem Verschrottungsalter sind, modernisieren lassen! Das erinnert an die Silberlinge der 60er Jahre, die heute noch immer mit durchgesessenen Sitzen, irrer Lärmentwicklung innen und außen und einem geradezu erbärmlichen Standard unterwegs sind, weil DB Regio und die ganzen Vorgängerorganisationen mit ihren umlackierungsfreudigen Managern es versäumt hat, in neues Rollmaterial zu investieren.

Grube sagt, dass 2014 die ICx kommen. Interessant. Die DB hat die Züge überhaupt noch nicht bestellt! So wie die DB es versäumt hat, sich rechtzeitig nach den langsam auseinanderfallenden ICE 1 umzusehen oder – wie in den Nachbarländern – noch nicht auf die Idee gekommen sind, dem notorischen Platzmangel in ICE mit Doppelstockzügen zu begegnen.

Sollten nun etwa Zweifel aufgekommen sein, ob das Triebzugkonzept des ICE für InterCity-Züge, die nicht unbedingt mehr als 200 km/h fahren müssen, nicht doch Unsinn ist? Denn lokbespannte Züge sind bis zu diesem Tempo oder sogar bis 250 km/h eine gute Lösung, wie mir auch Eisenbahnprofessor Markus Hecht von der TU Berlin sagte. Erst darüber braucht man Triebzüge, die die über mehrere Wagen verteilte Kraft auf die Schienen bringen.

Lok-Wagen-Züge haben einen erheblichen Vorteil (und DB-Technikvorstand Kefer weiß das): Fällt ein Wagen aus, kann man ihn aus dem Zugverband nehmen und reparieren lassen. Und innerhalb gewisser Grenzen kann man die Zuglänge an den Bedarf anpassen. Hat dagegen ein Triebzug einen Mangel, muss er ganz aus dem Verkehr gezogen werden. Und an der Kapazität lässt sich nichts drehen.

Vielleicht setzt sich bei der DB ja auch die Erkenntnis durch, dass man noch rund 150 elf bis 14 Jahr alte Elloks der Baureihe 101 besitzt, die noch 15 bis 25 Jahre fahren könnten. Außerdem über 60 120er. Dazu braucht man exakt die 1500 alten Schnellzug- und IC-Wagen.

Angesichts der Wahnsinnsprojekte wie Stuttgart 21 und dem Arriva-Kauf ist jetzt wohl Sparsamkeit bei der DB angesagt. Die deutschen Kunden dürfen ruhig in Oldtimern fahren. Von den IC-Speisewagen einmal abgesehen, die in einem oft erbärmlichen und teilweise nicht funktionsfähigen Zustand sind, wie ich höre.

Die SBB in der Schweiz bestellte dagegen mal eben 59 Doppelstockzüge für ihr Netz bei Bombardier. Die können, wenn ich mich nicht täusche, auch in Deutschland fahren!

2 Kommentare

  • 1
    Lukas Iffländer:

    Wenn die alten renovierten IC Wägen wenn der ICx kommt dann alle im Stil des Nürnberg-München Express eingesetzt würden, hätte ich damit kein Problem.

  • 2
    Karl Baumann:

    Herr Grube kann nicht ernst genommen werden. Die DB hat es noch nicht mal geschafft, den Stundentakt auf den Hauptstrecken einzuführen, z.B. Hamburg-Basel. Folge davon sind notorisch überfüllte Züge. In der Schweiz (SBB) ist der Stundentakt schon längst eingeführt, teilweise sogar der Halbstundentakt.

 
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