Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Modellbahnindustrie steht vor dem Kollaps

22.06.10 (Gartenbahn, Modellbahn)

Insider wussten es schon einige Tage. Eine amerikanische Zeitschrift, Model Railroad News, veröffentlichte gestern die Hiobsbotschaft. Da war auch heute in Deutschland kein Halten mehr, Ferpress zog heute Abend nach: Ein großer Teil der Modellbahnindustrie (nicht nur die europäische!) kämpft weltweit ums Überleben. Der Grund: Einer der größten Modellbahnhersteller in China, Sanda Kan, hat die Auftragsfertigungsverträge gekündigt! Und das ist kein Gerücht. Die Information kommt direkt von diversen Modellbahnfirmen.

Ganz hart trifft es Brawa, Brekina, Hornby und Märklin mit Trix, die spätestens zum Jahresende, nach Abarbeitung laufender Aufträge, vor die Tür gesetzt wurden.

Aber auch die Gartenbahnbranche ist betroffen, denn auch Aristo-Craft und USA Trains lassen bei Sanda Kan fertigen. Ob auch Märklin noch LGB-Formen dort liegen hat, ist nicht bekannt, es kursieren die wildesten Gerüchte. Wo Accucraft, die in letzter Zeit nur noch sehr schleppend liefern, fertigen lässt, entzieht sich momentan meiner Kenntnis.

Piko dagegen hat mit seinem eigenen Werk in China gut lachen. Wieder einmal hat sich Dr. Wilfer als schlauer Fuchs erwiesen.

Sanda Kan gehört seit 2008 zur chinesischen Kader Holding, die u. a. die Marken Bachmann, Liliput, Graham Farrish und Williams (letztere britische Marken) vertreibt. Kader hat mit der Auftragsfertigung von Modellbahnen 107 Mio. $ Umsatz gemacht und weitere 90 Mio. $ mit der sonstigen Spielzeugfertigung umgesetzt. Zuvor war Sanda Kan durch Qualitätsprobleme und mehrere Besitzerwechsel aufgefallen. Unter anderem war zuerst auch die Heuschrecke JP Morgan beteiligt und hatte wohl mit den üblichen Methoden aus Kreditaufnahme zu Lasten der Firma und Entlassungen die Firma zunächst in Lieferprobleme und die Insolvenz getrieben.

Für die Modellbahnindustrie, die einen Teil ihrer Fertigung (wie Märklin) oder die ganze Produktion (Brawa, Brekina) nach China ausgelagert hat, rächt sich das nun in existenzbedrohender Weise. Stark steigende Löhne, null Loyalität der Arbeiter (wen wundert’s), sogar vereinzelt Streiks gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen, Qualitätsprobleme, Materialkostensteigerungen und die Aufwertung der chinesischen Währung erst vor wenigen Tagen machen der Branche immer mehr zu schaffen. Dazu kamen strukturbedingt die Probleme mit nicht verfügbaren Ersatzteilen. Wenn eine Produktion, die eine Mindestmenge erfordert, einmal läuft, ist sie nicht mehr aufzuhalten. Mängel müssen teuer im Zielland behoben werden. Das kennt man nicht nur aus China, sondern auch aus Slowenien. Selbst die Modellbahnpresse hat sich vor ein paar Monaten über Qualitätsmängel bei inzwischen großteils unverschämten Preisen beklagt. Kaufzurückhaltung ist die logische Folge. Ein Markt für Kinderspielzeug ist das schon lange nicht mehr, auch wenn es immer noch Firmenretter gibt, die solches glauben.

Dabei schien die Fertigung in China lange Zeit die Lösung überhaupt zu sein, denn die reinen Produktionskosten lagen und liegen immer noch in der Regel bei nicht einmal 10 Prozent des Ladenpreises in Deutschland. Was hier für 129 € über den Ladentisch geht, kostet im Einkauf 12 bis 13 €. Die Folge der ungehemmten Massenkonstruktion- und produktion war eine Überschwemmung des Markts. Wer gut bezahlte, bekam gute oder sogar hervorragende Qualität. Billigproduktion erzeugte, wie bei LGB-Modellen sichtbar, mittelprächtige Qualität – die hierzulande trotzdem zu gewohnt hohen Preisen wie aus deutscher Fertigung verkauft wurden. Auch Märklin verdarb sich seinen Ruf durch die teilweise China-Produktion.

Nun steht die Branche mit dem Rücken zur Wand und suchte letzte Woche bereits heftigst nach neuen Produktionsfirmen in China. Das Bild, das einige Klitschen abgegeben haben sollen, ist erschütternd. Und gerade die kleinen, aber sehr feinen Serien der Modellbahnindustrie erfordern mehr spezifisches Know-how und Präzision als die Montage billiger Elektronikspielzeuge.

Die Dummen sind nicht nur die Kunden, die – zumindest im Gartenbahnbereich – seit eineinhalb Jahren kaum noch neue Ware geliefert bekommen. Nicht zuletzt, weil Märklin LGB nicht ans Laufen bekommt, was angesichts der internen Umstände nicht verwundert. Die Dummen sind vor allem die Händler, denen Umsatz fehlt und von denen einige den Laden für immer geschlossen haben. Ganz besonders dumm da stehen die vermeintlichen Hersteller, die eigentlich nur Modellbahnvertriebsfirmen sind. Sie haben nur noch mit einzelnen Konstrukteuren Modelle für die Produktion vorbereitet oder gleich ganz mit einem Bündel Zeichnungen chinesische Konstrukteure beauftragt – mit all den Unwägbarkeiten, dass dann schon mal ein Radstern sich nach innen verjüngt, weil die Chinesen nun mal kein Wissen über unsere Bahnen haben oder amerikanische Beschriftungen grotesk falsch abtippen. Modellbahnen und Modellautos können heute fast nur noch, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, chinesische Firmen herstellen. Denn die deutsche Modellbahnindustrie hat ihr Know-how in Formenbau und Produktion verloren. So schaufelte sie ihr eigenes Grab.

Roco war ja bereits so ungeschickt, seine gute österreichische Produktion nach Slowenien und dann Rumänien auszulagern. Mit sichtbaren Folgen für die Qualität. Seitdem Fleischmann von Roco gemanagt wird, ist auch diese Marke am Verglühen. Ferpress weiß von Gerüchten, dass China künftig diese Marken produzieren könnte, zusammen mit der antiquierten, aber immer noch großen US-Marke Lionel, die Billigspielzeug zu horrenden Preisen anbietet, und Atlas, einer amerikanischen Modellbahnmarke. Das soll Sanda Kan, zusammen mit den eigenen Marken rund um Bachmann, angeblich gut auslasten. 20 der bisher 80 Kunden sollen für profitable Umsätze sorgen. Sanda Kan hatte sich schon bisher geweigert, Modelle unter bestimmten vierstelligen Stückzahlen zu produzieren, weil es sich nicht lohnte.

Die Modellbahnindustrie steht nun am Scheideweg: Will sie mit Qualität und den gewohnt (zu) hohen Preisen weitermachen – dann muss sie wieder Know-how in Deutschland oder zumindest Europa aufbauen. Denn entgegen allen Gerüchten lassen sich auch hier Modellbahnen produzieren und vor allem schnell reagieren, wenn sich Modelle als Renner erweisen. Oder sie bleibt in China, produziert Massenware in geringer Auswahl und mit null Service wie schon von amerikanischen Fabrikaten bekannt und geht allmählich unter, weil Qualität, Profit und Preise nicht mehr stimmen.

Wer jetzt schnell handelt und in Europa Know-how und die Fertigung reaktiviert, könnte noch Chancen haben. China bietet als Produktionsstandort für die relativ kleinen Modellbahn-Stückzahlen keine Perspektive mehr.

Jetzt geht es ums nackte Überleben. Gier und unternehmerische Kurzsichtigkeit rächen sich. Die Modellbahnindustrie steht vor dem Kollaps.

Nachtrag 23.6.10: Die kanadische Rapido Trains hat heute Nacht in einer Kunden-Rundmail über die Pläne von Sanda Kan berichtet und verweist darauf, nicht betroffen zu sein, weil die Firma eine eigene Produktion in China hat. Die Fotos zeigen eine bessere Hinterhofwerkstatt. Eine Fertigung in Kanada sei wegen der hohen Investitionskosten für eine kleine Firma nicht finanzierbar. Wegen der Lohnerhöhung um 21 % in China werden Preiserhöhungen angekündigt. Rapido Trains macht zwar hochdetaillierte Ware auf Brawa-Niveau zu ähnlich hohen Preisen. Ob das das richtige Signal ist, bezweifle ich. Die Modellbahnindustrie hat den Wahlschalter auf Selbstzerstörung gedreht.

6 Kommentare

  • 1
    HJ:

    Wie’s im Englischen heisst: „The chickens are coming home to roost“ und ein Domino-Effekt könnte die Folge sein.
    Vorab mal nur im „nicht so wichtigen“ Hobbybereich, aber wie sich Yin und Yang auf lange Sicht die Waage halten – und zu Gunsten von wem – muss sich erst noch zeigen.

    Cheers

    HJ

  • 2
    Tweets that mention Die Modellbahnindustrie steht vor dem Kollaps /// Railomotive -- Topsy.com:

    […] This post was mentioned on Twitter by Friedhelm Weidelich, Friedhelm Weidelich. Friedhelm Weidelich said: Die Modellbahnindustrie steht vor dem Kollaps! http://bit.ly/dpZvz3 #modellbahn #märklin #brawa […]

  • 3
    markus:

    Warum das jetzt Preiserhöhungen einleiten soll,
    ist mir unbegreiflich.
    Statt 300% Aufschlag können sich die Hersteller nicht auch mit 150% Aufschlag zufrieden geben ?

    Jahrelang konnten div. Hersteller über 300% Gewinn machen, weil sie in China billig produzierten, aber in Europa weiterhin die Preise stabil bzw. erhöhten.

  • 4
    Schlechte Neuigkeiten « Geschichten von der Bahn:

    […] der Modellbahnen zu geben, Railomotive berichtet: Die Modellbahnindustrie steht vor dem Kollaps (http://railomotive.com/2010/06/die-modellbahnindustrie-steht-vor-dem-kollaps/) und bezieht sich dabei auf eine Meldung bei modelrailroadnews.com (Interesting times – The […]

  • 5
    Reinhard:

    Mitleid für die Unternehmer? Fehlanzeige! Mitleid für die Modellbahnfreunde..ja!
    300 % Aufschlag…grenzt an …nein ist Wucher!!
    Piko freut sich, zu recht.
    Jetzt wäre Denken angesagt….aber bei unseren Managern ist das ein Fremdwort, nur der eigene Profit zählte. Jetzt stehen sie selbst an Grabesrand. Möge sie die Erleuchtung sie heimsuchen.

  • 6
    Seb:

    Tja, immer alles schön auslagern und die Gewinne hochfahren. Selber schuld.
    Meine klamotten – Trigema
    Meine Fernseher – METZ
    Meine Waschmaschine – Miele
    Merkt ihr was?

 
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