Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Modellbahnindustrie: Was inzwischen geschah

24.06.10 (China, Deutschland, Eisenbahn, Gartenbahn, Modellbahn, Österreich)

Ich freue mich sehr, dass dieser Blog von immer mehr Lesern wahrgenommen wird. Zieht man die Suchmaschinen ab, sind es pro Tag um die 500 Besucher. Ich danke Euch und Ihnen.

Der Beitrag über den nahen Kollaps der Modellbahnindustrie hatte bisher über 2000 Leser und wurde in Foren einige Male verlinkt. Auch wenn die Kommentare, die ich übrigens nur beim ersten Mal (wegen des nervigen russischen Spams) freischalten muss, ruhig etwas mehr sein könnten, weiß ich doch, dass die Bahnindustrie, Eisenbahnfreunde, Lokführer und die Deutsche Bahn mitlesen. Und manchmal kommen Reaktionen von Seiten, mit denen ich gar nicht gerechnet habe.

Dass weite Teile der Modellbahnindustrie einen miserablen Job machen, was ihre Kommunikation betrifft, habe ich oft genug beklagt. Nicht, weil ich Journalismus und PR von allen Seiten des Schreibtischs und von innen und außen kenne, sondern weil ich die Hoffnung nicht aufgegeben habe, dass diese in der Kommunikation durch und durch dilettierende mittelständische Industrie in der größten Not doch noch die Kurve kriegt. Leider spricht nichts dafür, dass meine Hoffnung erfüllt würde.

Obwohl: Da schrieb mir doch der Marketingleiter einer Firma, der mich seit dem Abgang des einzigen ernstzunehmenden Pressesprechers dieser Branche hartnäckig ignoriert hatte, kürzlich eine einschmeichelnde Mail, dass er mich „als exzellenten Kenner der Branche“ gern zu einem Gespräch einladen möchte, um „meine Sicht der Dinge hinsichtlich des Gartenbahnmarkts im Allgemeinen und der Situation der Marke LGB im Besonderen zu erfahren“. Man würde für mich auch eine Werksführung machen.

So ködert man keinen Selbstständigen, für den Know-how und Zeit bares Geld sind. Mit dem üblichen bunten Werbewagen, den man nicht einmal mehr bei eBay los wird, als Gegenleistung für mein Wissen, meine Zeit und die Fahrtkosten kann ich nichts anfangen.

Ich hätte ihm gern vermittelt, wie der Weltmarkt aussieht und was man tun könnte an einem Dutzend Baustellen. Und sei es nur, auch mal an die Journalisten und Kunden zu denken, die keinen Clubbeitrag bezahlen, keine Hauspostillen lesen und keine Videos im Internet sehen wollen. Etwa durch den Versand einer Pressemitteilung, ein Hintergrundgespräch und wenigstens den Hauch einer Information mit einer Haltbarkeit von mehr als drei Tagen. Gut, das wäre schon vor zwei Jahren sein Job gewesen und ich hätte ihm damals gern geholfen, weil die Firma wichtig für die Branche ist. Aber man hätte mich schon fragen müssen.

27 Jahre Know-how im Gartenbahnmarkt, zu dem ein bisschen mehr als „LGB“ gehört, habe ich mir mühsam und nicht bloß aus Hobbyinteresse erarbeitet. Anlass für das jäh aufgeflammte Interesse des Marketingleiters war übrigens die Besprechung einer Bachmann-Lok in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die um die 344.000 Exemplare verkauft und gern meine Beiträge druckt. Zum Vergleich: Das eisenbahn magazin verkaufte im ersten Quartal 23.468 Hefte, die Miba 23.599, das Märklin-Magazin 75.580. Ein Blatt solcher Reichweite ist schon interessant, auch wenn ich für einen Vorweihnachtsbeitrag in einer Ingenieurzeitung ebenfalls sechsstelliger Auflage zweimal um Fotos betteln musste, die dann so eines „Marktführers“ nicht würdig waren.

Und weil diese Firma Millionenbeträge an Consultants bezahlt hatte, um durch mutmaßlich sinnfreie und bar jeden Branchenwissens veredelte Beratung in der Insolvenz zu landen, habe ich einen Tagessatz verlangt, der deutlich unter dem gewohnten Berater-Niveau lag und die Chance geboten hätte, binnen sieben Stunden einen Weltmarkt zu erfassen und die ganz besonderen Mentalitäten der Gartenbahn-Käufer, die nur seltenst Gartenzwerge besitzen, wenigstens ansatzweise verstehen zu lernen. Zumal denen der (einstige) Glanz der Marke Märklin keinen Cent wert ist. Auch wenn das schon vor zwei Jahren keine neue Erkenntnis war, als wohl Alix Partners unbedingt LGB haben wollte – vermutlich auf der Erkenntnis basierend, dass die Spur 1 und LGB dieselbe Spurweite haben und das wahnsinnige Synergieeffekte brächte. Consultants denken so schlicht und meist sehr eindimensional. Nicht nur in dieser Branche. Es gibt schon Verleger, denen Berater eingeredet haben, dass sie fast ohne Redakteure multimedial hochinnovative Produkte machen könnten, so mit Video, Podcasts, Social Media, Twitter und Facebook und Leser-Reportern, die immer tolle Handy-Fotos und -videos sofort ins Netz stellen. Das Geschäftsmodell ist dann, die Leser zielgenau nach ihren individuellen Interessen mit Hilfe von Google, Flash cookies und Pop-ups werbemäßig zuzudröhnen. Von Werbeblockern haben die Verlagsmanager und ihre dummen Werbekunden, die von Mediaagenturen und armseligen Social Media-Experten „beraten“ werden, noch nie gehört. Eurozeichen im Auge machen blind. Aber das nur nebenbei.

Gehört habe ich von dem plötzlich so von mir begeisterten Manager seit Wochen nichts mehr, weil er möglicherweise andere Probleme hat. Dafür erreichte mich gestern eine Pressemitteilung von der PR-Agentur des Insolvenzverwalters und heute noch einmal von der Firma selbst. Der Inhalt hat sich inzwischen herumgesprochen und ist meines Erachtens so zu interpretieren: Die Kündigung durch Sanda Kan ist kein Problem, weil man schon vor einem Jahr nach neuen Lieferanten gesucht habe, aber nicht so recht welche finden konnte, obwohl man schon mit der Rückholung der Werkzeuge nach Göppingen und Ungarn begonnen habe, man aber auch mit chinesischen Zulieferern im Gespräch sei, wobei natürlich Göppingen und Ungarn von der Kündigung profitieren würden, weil dort niemand entlassen werden müsse und die Produktion von Sanda Kan nach Ungarn verlagert würde. Das Weihnachtsgeschäft sei nicht betroffen. Ich habe schon bessere Pressemitteilungen gelesen…

Kollegen haben herausgefunden, dass die „6 bis 7 Prozent des Märklin-Umsatzes“ mit Sanda Kan nur ein Teil der Wahrheit sind und Märklin insgesamt etwa 25 Prozent des Umsatzes durch den sehr preiswerten Einkauf bei (weiteren) chinesischen Zulieferern generiert. LGB wird jedenfalls nach meinen Quellen nicht bei Sanda Kan produziert. „Made in China“ passt großartig zu Märklin, wie jeder weiß.

Von Aristo-Craft erfuhr ich übrigens auf Nachfrage, dass die Großbahnmodelle auch in Zukunft bei Sanda Kan produziert werden. Inzwischen in einer Qualität, bei der sich LGB eine dicke Scheibe abschneiden könnte.

Wenn sich jetzt die von Sanda Kan Hinausgeworfenen um andere Lieferanten bemühen, dürfte es ein Hauen und Stechen geben. Denn auf kleine Mittelständler wartet man in China nicht gerade. Inzwischen fehlen dort nicht zuletzt wegen der Ein-Kind-Politik die jungen Arbeitskräfte, wie vorgestern in der International Herald Tribune zu lesen war. Selbst renommierte Fertigungsstätten für Modellautos arbeiten mit halber Besetzung, weil die Karawane der Arbeitskräfte nicht mehr kommt und in den neuen Fabriken in der Provinz, nah der Heimat, Arbeitsplätze findet.

Entgegen Ferpress-Gerüchten nicht auf dem Weg nach China seien jedenfalls die Marken Roco und Fleischmann, erzählte mir heute nach dem Lesen des letzten Beitrags Michael Prock, Pressesprecher der Modelleisenbahn GmbH, am Telefon. Das Gerücht sei blanker Unsinn. Entwickelt würde nach wie vor in Heilsbronn bei Nürnberg und Gloggnitz (Österreich) und produziert im neuerdings nach deutschen Qualitätsstandards zertifizierten Werk in Rumänien. Ich habe keinen Grund, diese seine Aussage anzuzweifeln. Auch wenn die übrige Politik dieses Unternehmens- und Kapitalgeflechts und die juristischen Winkelzüge mir nicht durchweg vertrauenerweckend scheinen und ich mit der Entwicklung von Roco und Fleischmann, vor allem preislich, nicht glücklich bin. Aber ich bin ja auch nicht verpflichtet, eine H0-Dampflok für über 300 Euro zu kaufen. Solche Preise sind bei den heutigen Nettoeinkommen einfach unvertretbar, erst recht bei der Montage in einem Billiglohnland und bei allem Verständnis für höhere Konstruktions- und Werkzeugkosten bei uns. Dass auch die meisten anderen Hersteller diese Prügel verdienen, macht die Sache nicht besser.

Als „exzellenter Kenner der Branche“ hätte ich in Göppingen übrigens als erste Maßnahme empfohlen, die LGB-Preise radikal um 30 % zu senken. Als Konjunkturprogramm. Aber Wachstum, glauben unsere selbsternannten Eliten, gibt es ja nur bei steigenden Preisen und Steuern. Und auf dem eigenen Konto.

Ein Studium der Volks- oder Betriebswirtschaft, bei einzelnen Frauen auch der Physik, ersetzt leider oft den gesunden Menschenverstand. Und wenn der weg ist, ist er weg. So wie vielleicht ein Teil der Modellbahnindustrie, wenn Sankt Nikolaus das Totenglöckchen zwischen leeren Regalen läutet.

4 Kommentare

  • 1
    Matthias Knezy-Bohm:

    In meiner Jugend konnte ich mir von meinem Taschengeld noch regelmässig Modelleisenbahnwagen oder sogar Loks kaufen. Teilweise waren die Modelle nicht immer so detailliert, aber das war nicht so wichtig. Heute könnte ich mir bis auf wenige Ausnahmen nichts mehr leisten. Die Moba ist längst kein Spielzeug mehr, sondern ein Hobby Artikel für Erwachsene. Und wer so sträflich den Nachwuchs vernachlässigt und so skrupellos die Preise in die Höhe treibt, also vorsätzlich an dem Ast sägt auf dem er sitzt, der braucht sich nicht zu wundern, dass er untergeht. So ist das halt, wenn Leute ein Unternehmen leiten, aber keine Ahnung haben was da hergestellt wird. Genauso wie die Chefetage bei der Deutschen Bahn lieber fliegt als Bahn fährt, haben die Manager von Märklin und Co. wohl keine Moba zu Hause…

    MKB

  • 2
    Tweets that mention Modellbahnindustrie: Was inzwischen geschah /// Railomotive -- Topsy.com:

    […] This post was mentioned on Twitter by eisenbahn, eisenbahn. eisenbahn said: Modellbahnindustrie: Was inzwischen geschah /// Railomotive: Zum Vergleich: Das eisenbahn magazin verkaufte im ers… http://bit.ly/bEvOMe […]

  • 3
    Norbert:

    Die Zeiten wo es in den Städten viele Spielzeughändler mit Modellbahnabteitlung bzw. „reine“ Eisenbahngeschäfte gab ist in vielen Städten vorbei. So hat es auch vor einigen Jahren „meinen“ Eisenbahnhändler in Aachen aus Kindheitstagen erwischt, nicht als erster am Ort und bestimmt nicht als letzter ….
    Es liegt sicher nicht nur an der Politik der Hersteller, der ein oder andere Händler hat sicher auch mit „eigenen“ Problemen zukämpfen. Nur die Preis-Politik der Hersteller (auch hier wurde die DM 1:1 in Euro gewandelt und gerne noch was drauf geschlagen) hat bei vielen Käufern dazu geführt, dass weniger neue Modelle gekauft werden. Ich kaufe seit einiger Zeit eher mal ein gebrauchtes Modell (mit fast“unkaputtbarer“ Techik), bevor ich mir etwas neues leiste (übrigens mit Elektronik die ich eh nicht brauche und will als analoger Märklinist). Gleiches gilt für Modelle aus dem Bereich Gartenbahn.
    Nicht nur Märklin hat sich von sogenannten Beratern … verraten lassen.. das geht auch in anderen Betrieben so … die sogenannten Berater schauen sich die Betriebe an … saugen Wissen und verkaufen es beim nächsten Kunden .. Ein Mitarbeiter so einer Beraterfirma … die sich mal bei meinem Arbeitgeber ausgetobt hat (eine von vielen …) hat uns Mitarbeitern dann mal die Bedeutung des Begriffs BERATEN erklärt… BERATEN setzt sich aus BEtrügen und VERraten zusammen … irgendwie ist da wohl was dran …
    In diesem Sinne hoffe ich das unser Hobby weiter überlebt …
    Gruß
    Norbert

  • 4
    Friedhelm Weidelich:

    Ich glaube, wir haben da alle ähnliche Erfahrungen. Menzels Lokschuppen in Düsseldorf und All American Trains in Kaarst gehören da noch zu den positiven Beispielen. Die Rheinzeitung berichtete unter auch über das Trostlose der Branche. Allerdings kapiert kaum ein Journalist, dass es ein Erwachsenenhobby ist, das dank der hohen Preise für Kinder unerschwinglich ist. So, als würde Mercedes-Benz nur noch von der S-Klasse leben wollen. Die haben aus gutem Grund auch preiswertere Modelle.

 
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