Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

70 Grad! Frontal 21 berichtet über massive Bahnprobleme

20.07.10 (Deutschland, Eisenbahn, Fernverkehr, Personenverkehr, Triebwagen, Unterwegs – Erfahrungen)

Außerplanmäßiger, gut einstündiger Halt wegen Störung am Luftfederungssystem eines ICE 2, Febr. 2010

Während die meisten Medien nach einem kurzen Sturm das Thema Bahn vorerst abgehakt zu haben scheinen, legt das ZDF heute in Frontal 21 nach, denn bei der Deutschen Bahn treten deutlich mehr technische Pannen auf als bisher bekannt. Das zeigen interne Dokumente, die Frontal21 vorliegen. So kam es allein am 10. Juli 2010, also an dem Tag, an dem mehrere ICE- Klimaanlagen ausfielen, insgesamt zu 293 Störfällen bei Zügen. Dazu zählen Bremsstörungen, Triebzugschäden, Störungen an Funkeinrichtungen und Zwangsbremsungen mit unbekannter Ursache. 485 Züge seien insgesamt über 100 Stunden verspätet gewesen. Wartungsmängel, bereits beim Winterdebakel sauber herausgearbeitet und im Schwarzbuch DB dokumentiert, seien dafür verantwortlich.

Ich habe in den letzten Monaten etliche Screenshots eingestellt, die die häufigen Mängel dokumentieren: Zum Beispiel die Deutsche Verspätungsbahn (Sept. 2009), von wegen keine Verspätung und auf Hochgeschwinigkeitsstrecken langsamer (Jan. 2010), ausgefallene Mehrsystem-ICE und Verspätung durch Pinkelpausen (Febr. 2010), sechsmal so viele ausgefallene ICE-Züge (April 2010), nur drei Fernverkehrszüge pünktlich (Juli 2010).

Dass das sogar Toilettentüren in Doppelstöckern betreffen kann, zeigen Fotos eines BILD-Leserreporters. Hier hatten sich zwei Partygänger zum (verbotenen) Rauchen ins WC eingeschlossen und mussten mühsam durch Einschlagen der Scheibe befreit werden. Da diese mehrschichtig sind und Folien eingearbeitet haben, ist das genau so schwer wie im ICE, wo es nur einzelne, mit rotem Punkt gekennzeichnete Scheiben gibt, die einschlagbar sind. Diese wurden erst nach dem grausigen ICE-Unfall in Eschede eingebaut, nachdem die Helfer damals ebenfalls die Erfahrung gemacht haben, dass ICE-Scheiben nur sehr schwierig einzuschlagen sind.

Auch der überhitzte ICE spielt im Beitrag eine Rolle. Interne Protokolle der Bahn hätten gezeigt, dass es im ICE über 70° C gehabt hat und nicht 40 bis 50° C, wie die Medien brav voneinander abgeschrieben haben, obwohl die Betroffenen von 60° C gesprochen haben.

Hoffentlich wissen die ZDF-Autoren auch, dass die Leute wegen fehlender Luftzufuhr außerdem fast erstickt sind und deshalb der Fall weit brisanter ist, als die meisten Medien glauben und berichtet haben. Die Deutsche Bahn hat aus meiner Sicht mit dem Leben der Fahrgäste gespielt.

Nachtrag 18 Uhr: Die Deutsche Bahn weist die Behauptung der ZDF-Sendung „Frontal 21“ vom heutigen Dienstag als in keiner Weise nachvollziehbar zurück. Danach hätten Fahrgäste im Innenraum des ICE 846 am 9.7.2010 Temperaturen von bis 70 Grad Celsius ertragen müssen.
Der DB liegen keinerlei Anhaltspunkte für diese Behauptung vor. Eine interne Störfall-Analyse hatte bis zu 61 Grad Celsius im sogenannten Energieversorgungsblock der Klimaanlage festgestellt. Dieses Aggregat befindet sich jedoch außerhalb des Fahrgast-Innenraums an der Unterseite des Zuges.

Das sind die ersten konkreten Angaben der DB zu dem Vorfall. Schlimm genug, dass die Angst vor der Sendung die DB nun dazu bringt, in bewährter Weise, nämlich scheibchenweise, mit Fakten an die Öffentlichkeit geht. Sicher weiß die DB auch, wie heiß es wirklich im Zug war.

Die Basler Zeitung berichtet unter der süffisanten Überschrift: Leicht gedünstet im ICE. Schöner könnt ich’s auch nicht sagen.

Nachtrag 23.7.2010: Weil die „über 70 Grad“ für viele Zuschauer unwahrscheinlich wirkten, veröffentlichte das ZDF das Originaldokument der DB.

2 Kommentare

 
Get Adobe Flash player

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen