Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Absolutes Stillschweigen aufgrund der Brisanz

27.07.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Mobilität, Personenverkehr, Verkehrspolitik)

Die Seitenflügel am Märklin-Modell des Stuttgarter Hauptbahnhofs in der Ausstellung Mythos Märklin in Oberhausen waren von Anfang an amputiert (Foto: Friedhelm Weidelich)

Wenn ich das neueste Interview der Stuttgarter Nachrichten mit Bahnchef Grube lese, verdichtet sich mein Gefühl, dass da einer um Reputation kämpft, der mit seinem Job völlig überfordert ist. Der aber doch gern als jemand gesehen werden will, der das Heft in der Hand hat und tut, was er sagt. Obwohl man ahnt, dass er 1. entweder gar nicht die Entscheidungsspielräume hat, 2. zu detailbesessen ist und sich ständig in Zahlen und Fakten verheddert (wie zuletzt bei den ICE-Zahlen) oder 3. den Überblick verloren hat in dem von ihm geleiteten Imperium DB Mobility Logistics, das zu kompliziert aufgebaut ist, um überhaupt noch klare Entscheidungen treffen und durchsetzen zu können. Vom komplexen Wirtschaften aus einer Tasche in die andere, mit Staatsgeldern und abgeführten Gewinnen aus Landesgeldern für den Nahverkehr abgesehen.

Typisch für Grube ist die wiederkehrende Feststellung, dass der Bahnverkehr doch viel komplexer sei als er gedacht hat. So redet einer, der vor seiner eigenen Aufgabe erschrocken ist und sich ein bisschen wundert, dass der Laden trotzdem noch einigermaßen läuft und er noch immer Vorstandsvorsitzender ist. So bettelt man um Mitgefühl. Doch Mitgefühl hat Grube nicht verdient, weil er ein Zauderer, ein Verwalter ist, aber kein Stratege, kein Kämpfer und erst recht kein Visionär, der Ideen entwickelt oder zumindest von Mitarbeitern aufbereitete Ideen mit Verve verkauft. Kurzum: Grube ist an dieser exponierten Stelle der falsche Mann. Er klebt am Detail, wo große Würfe und auch mal eine glaubwürdige Bitte um Entschuldigung nötig wären. Er denkt nicht politisch. Das müsste er aber.

28.8.: Ich muss mich korrigieren: Er ist ein gewiefter Stratege, der geschickt seine Gegner täuscht, Gesprächsbereitschaft glaubwürdig signalisiert, in Wirklichkeit aber klammheimlich knallhart das durchzieht, was er vor dem Gespräch schon wollte. Und während die Gegner noch verhandeln und hoffen, fallen bereits die nächsten Gebäude in Stuttgart. Die Meinung der Stuttgart 21-Gegner interessiert ihn nicht für 5 Cent.

Und so kommt er nach Stuttgart, um der gar nicht überraschten Öffentlichkeit zu erklären, dass die Neubaustrecke nach Ulm (momentan) fast 900 Millionen Euro teurer werden wird. Wo doch jeder weiß, dass Großprojekte immer sehr viel teurer sind als geplant. Darum hat man das Projekt Stuttgart 21 erst einmal herunterkalkuliert, um politisch vereinbarte Grenzen nicht zu überschreiten. Auch wenn eine Gesamtsumme von 11 Milliarden Euro längst als realistisch gilt, weil bei der Kalkulation offenbar quasi nur ein Dünnbrett gebohrt wurde und man die erheblichen Risiken des Tunnelbaus in schwierigem Gelände schöngerechnet hat, stellt sich Grube hin und macht auf Ehrenmann, der das Projekt durchziehen wird. Auch wenn die steigenden, ja durch nichts zu verantwortenden Kosten schon mal vorsichtshalber als „limitierender Faktor“ betrachtet werden.

So redet einer, der seiner Sache nicht sicher ist und hofft, Sympathie zu gewinnen, indem er so tut, als ob er Gegenargumente zur Kenntnis nähme. Doch dann zieht er als Getriebener (von den Vorentscheidungen/vom eigenen Machtanspruch/vom Selbstbild, ein konsequenter Arbeiter und zuverlässiger Mann zu sein) das Projekt durch, ein Apparatschik, irgendwelchen höheren Zielen dienend. Und sei es einem europäischen Fernverkehrsnetz oder anderem Schmonzes aus der Welt der ganz großen Visionen, die niemand infrage stellen kann. So wie Bundeskanzlerin Merkel ihre Popularitätswerte immer wieder neu behauptet, indem sie überall auf der Welt für „eine gemeinsame Lösung“ eintritt. Dagegen kann niemand etwas haben, wie auch niemand etwas gegen Sonnenschein haben kann, sofern es nicht über 32 Grad sind.

Der folgende Absatz des Kollegen Isenberg von den Stuttgarter Nachrichten zeigt wunderbar, wie Grube sich gern sieht und inszeniert:

Den Kritikern zuhören, Verständnis entwickeln und trotzdem sein Ding durchziehen – das ist Grubes Methode, Projekte am Laufen zu halten. „Ich möchte, dass sich auch die Gegner von Stuttgart 21 auf mich verlassen können„, verdeutlicht er. Tricksereien oder Heimlichtuereien seien nicht sein Ding. „Da bin ich ein einfach gestrickter Mensch“, sagt Grube. Diese Charakterisierung wiederholt er noch zweimal während des 70-minütigen Gesprächs. Das Urteil der anderen nimmt Grube in Kauf; es irritiert ihn nicht: „Die Menschen dürfen auch zum Schluss kommen, ich sei ein harter Hund. Hauptsache, sie wissen, dass ich zu meinem Wort stehe.

Nachtrag 28.7.2010: Symptomatisch ist auch folgender Absatz aus dem Hamburger Abendblatt: Die Planungen für eine mögliche Erhöhung der Ticketpreise auch in diesem Dezember würden erst im Herbst gemacht, sagte Grube. „Ich möchte der Anwalt der Kunden sein, ich muss aber auch ein Unternehmen lenken“, betonte der Bahn-Chef. „Gehen Sie davon aus: Wir machen hier nichts Verrücktes.“ Grube versprach auch, die Bahn werde die vielfältigen Pannen im Fernverkehr „sicherlich in irgendeiner Form bei der Entscheidung“ einbeziehen.

Konsequenz vortäuschen, aber liebedienernd den einfachen Menschen durchscheinen lassen, der es allen recht machen will und nur Wischiwaschi kommuniziert, weil die Öffentlichkeit halt irgendetwas hören will. Psychologen dürften ihre Freude bei der Psychoanalyse dieses Mannes haben.

Dass Stuttgart 21 ein Wahnsinn ist, wurde nach dem guten Stern-Artikel (8.7.2010) und der heutigen Veröffentlichung von Teilen des SMA-Gutachtens noch deutlicher. Kalkulierte Zugfolgen von nur 2 Minuten in den Tunneln erscheinen nicht nur mir völlig unrealistisch, der häufig das Theater mit Zugfolgen an größeren Hauptbahnhöfen erlebt und wie die üblichen, nicht einmal sehr großen Verspätungen im Nahverkehr Staus und Gleiswechsel auslösen. In dem Durcheinander aus S-Bahnen und Schnellzügen spielen schon Sekunden eine Rolle, und wir haben es bei der Bahn nicht mit einem Tower zu tun, der praktisch gleichschnelle Flugzeuge im 40- bis 90-Sekundentakt an den Boden und rasch von der Landebahn zu den Fingern bringt. Auf alle Zeiten festgenagelte Fahrplantrassen und die Zwänge einer eingleisigen Abzweigung leuchten sogar mir ein, der kein Fahrplaner ist, aber wenigstens schon diverse Modellbahnen baute und um die Trägheit von Zügen weiß, die im geplanten U-Bahnhof auch noch eine Rampe beim Anfahren bewältigen müssen. Toll auch die Vorstellung, dass Rollifahrer einen schrägen Bahnsteig bewältigen müssen und vor Aufzügen Schlange stehen, um bei kurzen Übergangszeiten ihrem Anschlusszug im Tunnelschlund hinterherwinken zu können.

Da fault ein kleinbürgerliches Stuttgärtle 21 heran.

Aber Größenwahn, Naivität und Hybris sind ja im furchtbaren Zusammenwirken von Politik, Staatsbetrieben und Investoren eine Symbiose eingegangen, die wenigstens einer Gruppe messbaren Erfolg bringt: der Bau- und Immobilienindustrie. Geschenke für die Entscheider, in welcher Form auch immer, sind von vornherein einkalkuliert.

So wundert es nicht, dass das Züricher Gutachten mit den Worten endet: „Aufgrund der Brisanz der vorliegenden Resultate ist absolutes Stillschweigen erforderlich.“

Gut, dass jetzt noch fundierter über ein Wahnsinnsprojekt diskutiert werden kann. Die Grünen wollen im September ein Gutachten vorlegen, in dem realistische Kosten der Neubaustrecke genannt werden. Winfried Hermann, Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung des Deutschen Bundestags: „Was muss noch alles geschehen, welche Kostensummen müssen noch errechnet werden und welche fachlichen Kritikpunkte am miserablen Gesamtkonzept müssen noch geäußert werden, damit sich die Verantwortlichen bei Bund, Land und Bahn endlich erkennen, in welche aberwitzigen Sackgasse sie stecken?“

In einer Presseerklärung hatte Hermann geschrieben: „Die Gefahr ist groß, dass die Züge auf Grund der Verschlechterung und vorhandener Alternativstrecken an Stuttgart 21 vorbeifahren.“ Stuttgärtle 21 eben.

 
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