Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Deutsche Bahn bräuchte Manager mit Anstand

13.07.10 (Deutschland, Eisenbahn, Marginalien, Personenverkehr, Unterwegs – Erfahrungen)

Der Umgang der Deutschen Bahn mit ihren zum Teil verzweifelten Fahrgästen (und der Presse) zeigt nur allzu deutlich, dass der Vorstand nicht nur organisatorisch, sondern auch intellektuell überfordert ist. Die Abwälzung der Verantwortung auf das Zugpersonal, das wiederum von den sieben Betriebsleitzentralen abhängig ist, ist perfide, rücksichtslos und in den möglichen Folgen – Hitzetote – fahrlässig und kriminell. In anderen Ländern wäre der Bahnvorstand samt dem Verkehrsminister bereits zurückgetreten. Unseren Managern und Berufspolitikern fehlt inzwischen jene menschliche Eigenschaft, die man Anstand nennt.

Anstand zeigen vielmehr die Fahrgäste, die nicht die Scheiben einschlagen. Die nicht die Polizei rufen und die nicht ihr Geld zurückfordern. Die versuchen, für die überforderten, überlasteten Zugbegleiter Verständnis zu haben und wie die Lämmer ertragen, dass die Deutsche Bahn seit Jahren nicht in der Lage ist, ein funktionierendes Bahnsystem zu garantieren, wie es in anderen Ländern annähernd selbstverständlich ist.

Es liegt nicht am System Eisenbahn oder an Siemens, dass die Deutsche Bahn und ihre Züge so sind, wie sie sind. Es ist der Privatisierungswahn einer von neoliberalen Strömungen geleiteten und von einem lammfrommen, in der Summe wenig leistungsfähigen Parlament nicht kontrollierten Bundesregierung, der diese nun schon seit mindestens zehn Jahren anhaltene Fehlentwicklung möglich gemacht hat. Wir sind die Dummen.

Ein Eisenbahnverkehrssystem gehört zur Daseinsvorsorge eines hochentwickelten Staats. Es wird niemals Gewinne abwerfen, und das muss es auch nicht. Wenn die Politik sich dann Manager aus der Autoindustrie und der Luftfahrt holt, um eine Privatisierung um jeden Preis vorzubereiten, handelt sie nicht nur dumm sondern auch unverantwortlich.

Dürr und Mehdorn haben aus einem gut funktionierenden System Bahn versucht, eine Art Luftverkehr mit angeschlossenem Regionalschienenverkehr zu machen. Wie ein System Eisenbahn funktioniert, haben sie nie verstanden. Es hat sie auch nicht interessiert. Und deshalb gibt es keine Rückfallebenen, keine Reserven, keine vorbeugende Wartung und zu wenig Züge. Ohne technisches Verständnis kann man aber kein Eisenbahnsystem betreiben. Die Lufthansa leistet sich dagegen Manager, die das System Luftfahrt von A bis Z verstanden haben. Eisenbahn ist aber kein Transportsystem für Arme, sondern eine lebenswichtige Infrastruktur für einen Industriestaat. Dafür brauchen wir keine Manager dritter Klasse (ein Bahnbegriff). Die Bahn braucht helle Köpfe mit Eisenbahnerfahrung und erstklassige Vorstände und hervorragende Manager in den Führungsebenen. Keine gegelten BWL-Fuzzis, sondern gestandene Leute mit Biss und Erfahrung. Keine Karrieristen ohne Loyalität, sondern Eisenbahner, die die Kosten im Blick haben, aber es als ihre Hauptaufgabe und Pflicht ansehen, für einen reibungslosen Betrieb sorgen.

Die Kostenrechner im Auftrag des Vorstands, die weniger von der Eisenbahn verstehen wie ein einfacher Modelleisenbahner, haben das Unternehmen kaputtgespart. Weil man alle Bilanzierungstricks nutzen will und sich plötzlich als Weltkonzern sieht, hat man die Bahn-Holding in Dutzende GmbHs zerlegt. Was zur Folge hat, dass Zuständigkeiten aufgesplittert sind und an den Schaltstellen Amateure vor Excel-Tabellen sitzen, die Weichen, Ausweichgleise und Fahrzeuge als Kostenstelle betrachten, nicht aber als Produktionsmittel. Fahrgäste kennen sie nur als Einnahmeseite. Entscheidungen dauern oder werden gar nicht erst getroffen. Die zusammenhaltende DB-Familie der Mitarbeiter gibt es nicht mehr, der Stolz auf  „die Bahn“ ist verflogen. Die Mitarbeiter kämpfen allein mit den Widrigkeiten ihrer Scheiß-Firma und freuen sich auf den Feierabend. Sie mussten sich arrangieren. Und nur noch wenigen Macht die Arbeit Spaß. Ich kenne viele Eisenbahner.

Grube hat dieses vermurkste System übernommen, stromlinienförmig weitergeführt und sich lieber im Ausland nach „Wachstumschancen“ umgeschaut. Das Kerngeschäft in Deutschland und seine Wachstumschancen hat er vernachlässigt, was seinem eigentlichen Chef, dem Bundesverkehrsminister, aber nicht aufgefallen ist.

Nach den Beinahe-Todesfällen und den seit Jahren anhaltenden Problemen in den ICE und den Lügen der Pressestelle hätte Grube eigentlich seinen Hut nehmen müssen. Ein integrer Manager mit Anstand, Menschlichkeit und Charakter hätte das getan.

Die Deutsche Bahn Mobility Logistics AG ist ein miserabel geführtes Unternehmen und eine Lachnummer. Sie schadet dem Image Deutschlands, der deutschen Industrie und der Bevölkerung. Daran, fürchte ich, wird sich mit dem Personal in Berlin nichts ändern, wenn wir uns nicht endlich zu wehren beginnen.

Schreiben Sie an Ihre Abgeordneten, an den Bundesverkehrsminister und bestehen Sie auf der Erstattung von Fahrpreisen bei größeren Verspätungen – per Brief auf Kulanz und nicht mit den Erstattungsformularen. Erstatten Sie Anzeigen wegen unterlassener Hilfeleistung und Körperverletzung. Bringen Sie Bahn, Politik und Justiz in Bedrängnis. Schreiben Sie auf, welche Züge und Wagen mit nicht funktionierender Klimaanlage auf die Reise geschickt wurden. Geben Sie diese Daten an die Presse weiter, twittern und bloggen Sie gegebenenfalls.

Es ist unsere Bahn.

Sie wurde von unsern Steuergeldern und denen unserer Vorfahren finanziert. Sie gehört nicht Ramsauer und Grube. Und wir lassen sie nicht weiter von unfähigen Bürokraten und Managern zerstören!

Bitte lesen Sie auch diesen hervorragenden Kommentar von Edo Reents in der FAZ.

Ein Kommentar

 
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