Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Deutsche Bahn setzt PR-Katastrophe fort

17.07.10 (Deutschland, Eisenbahn, Fernverkehr, Marketing, Personenverkehr, Triebwagen, Unterwegs – Erfahrungen)

Als einer, der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von allen Seiten des Schreibtischs kennt, bin ich inzwischen fassungslos über die unbeschreibliche Inkompetenz der Führung der Deutschen Bahn, von Vorstandschef Grube über Vorstand Homburg bis zum Kommunikationschef, der entweder nichts zu sagen hat oder auf beratungsresistente, geradezu vernagelte Vorstände trifft. Denn mit jeder Aussage demonstrieren die Führungskräfte Kaltschnäuzigkeit, fehlende Empathie und einen eklatanten Mangel an Wissen, wie Kommunikation funktioniert und wirkt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein anderes Unternehmen in einer Krise derart amateurhaft und arrogant reagiert hat. Im Bahnturm herrscht in den entscheidenden Ebenen offensichtlich eine kommunikative Inkompetenz, die in der Nachkriegsgeschichte beispiellos ist. Vom Contergan-Hersteller Grünenthal vielleicht einmal abgesehen.

Mit jedem Interview, jeder Talkshow hüpfen die Bahn-Manager von Fettnapf zu Fettnapf. Und zwar so, dass es spritzt. Zuerst gibt Personenverkehrsvorstand Homburg den Unterkühlten und Unbeteiligten bei Illner, dann sagt Grube im Deutschlandfunk-Interview sinngemäss, dass man doch immerhin einen Großteil der Züge ohne Probleme ans Ziel bekomme. Obwohl er in diesem Interview nur Ungenaues zu den Pflichten des Zugpersonals sagt und in einem internen Brief an die Mitarbeiter ihnen seine „vollste Anerkennung und Unterstützung“ ausspricht und großkotzig tönt „Bei all den unbestreitbaren Schwierigkeiten werde ich es nicht zulassen, dass die Bahn als unsicheres Verkehrsmittel in Misskredit gebracht wird„, verprügelt er nun in Spiegel online das Zugpersonal: „Es gibt klare Richtlinien, wie das Zugpersonal in solchen Fällen reagieren muss. Den Wagen schnellstmöglich zum Stillstand bringen und versuchen, die Klimaanlage wieder in Gang zu kriegen. Fällt sie total aus, nicht weiterfahren, sondern einen Ersatzzug organisieren.“ Das habe einige Male nicht geklappt. Aha!

Weiß Grube eigentlich, wovon er redet? Wie bringt man einen einzelnen Wagen im Zug zum Stillstand? Hat der schon mal in einem Zug gesessen, weiß der eigentlich, wie ein Triebzug aufgebaut ist? Wo bitte hat die DB Ersatzzüge? Weiß Grube, dass er für die aktuelle Sommer- und die vergangene Winterkatastrophe die Verantwortung trägt?

Mit seiner Kaltschnäuzigkeit hat Grube dem Staatsunternehmen Deutsche Bahn einen milliardenschweren Imageschaden beschert und sich konsequent viele Gründe für einen Rauswurf wegen kommunikativer Inkompetenz und offensichtlicher Führungsschwäche erarbeitet. Ich fürchte nur, dass Bundesverkehrsminister Ramsauer nicht Manns genug ist, den überforderten Grube zu entlassen und durch einen gelernten Eisenbahner zu ersetzen. Er würde damit ein Zeichen setzen.

Inzwischen häufen sich die Berichte über Horrorfahrten mit der Bahn. So, wie sie jeder schon einmal erlebt hat. Etwa hier. Wobei zumindest tröstlich ist, dass im Bordbistro wohl ab 40° C nicht mehr gearbeitet werden darf, was doch auf eine gewisse Fürsorge der Bahn schließen lässt. Leider kenne ich die Höchsttemperaturen nicht, ab denen die Zugbegleiter ihr Sakko und ihre Weste ausziehen und die Arbeit einstellen dürfen. Möglicherweise wird ihnen auch Treue bis in den Tod abverlangt, weil Räder rollen müssen bis zum Sieg. Und den hat sich Grube ja vorgenommen. Grube lässt sich die Bahn nicht in Misskredit bringen, er macht es lieber selbst.

Da auch die über 30 Jahre alten IC-Wagen viele Probleme machen, greifen kundenfreundliche Eisenbahner alten Schlages zur Selbsthilfe, wie die BILD berichtet: Mit einer DB-Krawatte und Kabel band er eine defekte Klapptrittstufe hoch, damit der Zug fahren konnte.

Das Überlebensset für Bahnfahrer sollte nicht nur aus Wasser, Hammer, Pinkelflasche, Handtuch, Sauerstoffflasche, Thermometer und Kamera zur Beweissicherung, Vierkantschlüssel und Smartphone bestehen. Man sollte auch eine Rolle glasfaserverstärktes Klebeband und Draht dabei haben, um dem Zugpersonal bei den täglich anfallen Reparaturen hilfreich zur Seite zu stehen. So werden die Verspätungen nicht ganz so groß.

PS: Soeben erreichte mich folgende DB-Pressemitteilung, die nicht weiter kommentiert werden muss:

Zu Meldungen über eine angebliche Distanzierung von DB-Chef Rüdiger Grube gegenüber Mitarbeitern verweist die DB auf die folgende Originalpassage im neuen Spiegel-Interview

(Berlin, 17. Juli 2010)  Dr. Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG: „Es gibt klare Richtlinien, wie das Zugpersonal in solchen Fällen reagieren muss. Nämlich bei einem Komplettausfall der Klimaanlage die Reisenden so schnell wie möglich aus diesen Zügen herausbringen. Aber es gibt nichts zu beschönigen: Es sind anscheinend Fehler gemacht worden. Die Staatsanwaltschaft und auch wir untersuchen diese Fälle derzeit ganz genau. Und die Wahrheit muss auf den Tisch. Aber eins sei auch klipp und klar gesagt: Gegen Vorverurteilungen verwahre ich mich ebenso wie gegen eine pauschale Verunglimpfung unseres Zugpersonals. Die machen einen sehr guten Job und genießen meine volle Unterstützung.

Die Deutsche Bahn ist eine Lachnummer mit angeschlossenem Dauer-Versuchsbetrieb.

 
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