Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Hitzeschock im ICE und eine peinliche Entschuldigung

11.07.10 (Bahnindustrie, Deutschland, Eisenbahn, Fernverkehr, Triebwagen, Unterwegs – Erfahrungen)

DB Fernverkehr ist stolz auf die gut gepflegten ICE 2 (Foto: Weidelich)

Moderne Züge sind für hohe Geschwindigkeiten gebaut und müssen deshalb druckdicht sein. Denn beim Einfahren in Tunnel und bei Zugbegegnungen entstehen starke Luftdrücke. Deshalb gibt es auch keine Fenster mehr zum Öffnen und eine Klimaanlage.

Fällt die einmal aus, heizt sich der Wagen bei den gegenwärtigen Temperaturen binnen Minuten auf. Es entsteht ein feuchtheißes Klima und eine Hitze fast wie in der Sauna. Das hält man nur wenige Minuten aus.

Wenn die Klimaanlage im ICE ausfällt, dürfte so ein Zug nicht mehr weiterfahren. Tut er es doch, kann es zu so dramatischen Szenen kommen wie am Samstagabend zwischen Hannover und Köln, als 27 Schüler kollabierten und eine verzweifelte Mutter in voller Fahrt versuchte, mit dem Nothammer die Scheibe einzuschlagen, um ihr um Luft ringendes Kind zu retten, wie das Westfalen-Blatt berichtet. 44 Menschen mussten ärztlich behandelt werden. Die Bundespolizei vermutet, dass der Zug schon in Berlin mit defekter Klimaanlage losfuhr. Wundern würde es mich nicht. Auf der Strecke Berlin – Düsseldorf/Köln fielen am Samstag laut Pressemeldungen insgesamt drei ICE wegen defekter Klimaanlagen aus.

Ein erschütternder Augenzeugenbericht findet sich hier in der Welt.

Und beim WDR fand ich noch einen Eintrag: Carsten Lueg schrieb vor 4 Stunden(n):
Unsere Tochter gehörte zu den Schülern aus Remscheid die im Zug waren. Das Krisenmanagement der Bahn war nicht erkennbar, nur Feuerwehr und Lehrer haben gehandelt. Am Ende haben wir sie und zwei andere Schülerinnen aus Bielefeld abgeholt. Mal sehen ob die Bahn sich auf meine Email von heute meldet und den Ablauf erklärt.

Die Vorfälle zeigen erneut, dass es der Deutschen Bahn an Sensibilität für ihre Fahrgäste mangelt. Das ist noch sehr freundlich formuliert. Dem unbeholfenen Zugchef (die Klimaanlage fällt selten in allen Wagen aus und die 1. Klasse ist oft leer) sollte man die Kündigung und der Bahn eine Strafanzeige wegen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung schicken.

Dass so etwas nach den zahlreichen Pannen 2003 jetzt wieder häufiger passiert, kann viele Ursachen haben. Doch entscheidender ist das logistische Problem, das die DB Fernverkehr selbst geschaffen hat: Es gibt praktisch keine Ersatzzüge. Und wenn, dann mehrere hundert Kilometer entfernt: Ein, zwei sehe ich häufig in Köln. In Frankfurt, Hamburg und München könnte es noch jeweils einen geben. Aber kein einziger ist in Hannover verfügbar, einem der wichtigsten Umsteigebahnhöfe im ICE-System. Wenn dann irgendetwas schiefgeht, werden die Reisenden in die folgenden, immer vollen Züge gestopft oder verpassen regelmäßig ihren nächtlichen Anschluss nach Hamburg.

Man könnte den alten Zeiten hinterhertrauern, als alle 30 bis 80 km an Bahnknotenpunkten Loks und Wagen in Reserve standen und man noch Vorzüge fahren konnte – Entlastungszüge, die zusätzlich vor einem gut besetzten planmäßigen Zug fuhren. Die Bundesbahn kannte die Auslastung ihrer Züge genau, und das ohne Computersysteme. Und sie wusste, dass es Verkehrsspitzen gab, die man durch mehr Züge auffangen musste. Die DB Fernverkehr kann das nicht.

Die moderne Vertaktung hat zwar den Charme, dass im Fernverkehr (fast) jede Stunde ein ICE oder IC fährt. Das ist zwar auf vielen Strecken zu wenig, hat aber denselben Grund wie die Weiterfahrt des Sauna-ICE: Die DB Fernverkehr hat zu wenige Züge. Denn „herumstehende“ ICE gelten bei der DB als totes Kapital, das sie sich laut Grube angeblich nicht leisten kann. Und da offensichtlich ausschließlich Profit statt Kundennutzen (und nicht Kundennutzen und Profit) die Vorstände der DB antreibt, fährt man eben mit der denkbar knappsten Zug-Anzahl. Weil die hausinternen Kostenrechner vermutlich nichts von der Eisenbahntechnik verstehen, sind Ausfälle, längere Reparaturen oder Zusatzzüge einfach nicht vorgesehen. Oder nur in einem verschwindend geringen Maß, das mit der Eisenbahnpraxis nicht vereinbar ist. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Das haben wir schon im Winter erlebt.

Läppische 15 ICE-Züge, jedoch nur für den Auslandsverkehr, hat die DB bestellt. Ziele wie London, Cannes und Paris klingen für deutsche Bahnvorstände eben glanzvoller als Bremen, Bielefeld oder Würzburg. Lieber pokert die DB mit der Industrie um niedrigste Preise (bei entsprechenden Qualitätsabstrichen), als endlich 100 neue ICE für einen besseren und vor allem zuverlässigen Inlandsverkehr zu bestellen. Die kämen zwar nicht teurer als der Arriva-Kauf. Aber für den Börsengang wäre das eben keine so tolle Story.

Nachtrag: Wie der WDR meldet, sei der ICE 846 überfüllt gewesen und das Zugpersonal habe in Durchsagen nach Ärzten gesucht. Die Frau, die das Fenster einschlagen wollte, sei schwanger gewesen. In einem Leserbrief im Tagesspiegel steht, es seien 56° C im Zug gewesen. Es wurde offenbar kein Wasser verteilt. Dass der Zug überhaupt auf die Strecke ging, ist ein Skandal. Immerhin gibt es noch Personal mit Zivilcourage: Laut WDR musste ein Reisender mehrfach den ICE wechseln, weil jeweils die Klimaanlagen ausgefallen waren und das Zugpersonal es nicht verantworten wollte loszufahren.

Bundesverkehrsminister Ramsauer wird wahrscheinlich wieder auf der Bahnindustrie herumhacken, anstatt die Bahnvorstände zu feuern. Die haben nämlich an erster Stelle versagt.

Nachtrag 2: Die Bahn entschuldigt sich mit der eben erhaltenen Pressemitteilung (rote Hervorhebungen von mir):

Die Deutsche Bahn bedauert die teilweise erheblichen Unannehmlichkeiten (mit dem Leben von Fahrgästen zu spielen sind bloß erhebliche Unannehmlichkeiten??) für rund 1.000 Fahrgäste durch den hitzebedingten Ausfall von drei ICE-Zügen am gestrigen Samstag. Aufgrund der extremen Außentemperaturen und des hohen Fahrgastaufkommens waren in drei ICE-Zügen auf dem Weg von Berlin nach Köln/Düsseldorf die Klimaanlagen ausgefallen. ((Der Kausalzusammenhang erschließt sich mir nicht. Die Umstände, ja die unglücklichen Umstände! Die DB kann offensichtlich weder das Wetter noch die Belegung der Züge vorhersehen. Und 33° C sind ebenso wenig extrem wie -10° C im Winter. Die Temperaturen gab es schon, als die Züge bestellt und in der Klimakammer getestet wurden.)) Das Bordpersonal hatte daraufhin in Absprache mit der Betriebszentrale die Züge in Hannover bzw. in Bielefeld gestoppt. Zusätzliche DB-Mitarbeiter auf den Bahnhöfen und an den Service Points verteilten die Reisenden dann auf andere Züge. Fahrgäste mit hitzebedingten Beschwerden wurden vom Technischen Hilfswerk (THW) und Einsatzkräften der Feuerwehr ebenfalls vor Ort versorgt.

„Leider haben einzelne Fahrgäste durch die bedauernswerte Verkettung unglücklicher Umstände auch gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten. Dafür möchten wir uns ausdrücklich entschuldigen“, sagte Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr der Deutschen Bahn. „Wir wollen diese Kunden für die erlittenen Unannehmlichkeiten entschädigen und bitten sie, sich bei uns zu melden.“ Homburg veranlasste ebenfalls eine Aufstockung der nichtalkoholischen Getränkevorräte an Bord der Züge.

Fahrgäste, die von hitzebedingten Fahrzeitverlängerungen betroffen sind, können die generellen Entschädigungsleistungen bei Verspätungen ab 60 bzw. 120 Minuten in Anspruch nehmen und sich 25 bzw. 50 Prozent des Fahrpreises ersetzen lassen.

Ja das ist doch wirklich mal großzügig (und in den Fahrgastrechten vorgeschrieben)! Besser wäre der Rücktritt von Vorstandsmitglied Homburg. Denn der kann’s nicht. Nicht einmal eine Entschuldigung formulieren lassen, die über eine Verlautbarung der Beförderungsbedingungen hinausgeht. Statt umgehend die Klimaanlagen in Ordnung bringen zu lassen und die vorbeugende Wartung zu verbessern, veranlasst er die Aufstockung der umsatzbringenden Getränke. Was für eine mutige Vorstandsentscheidung, Herr Homburg! Da hätten Sie auch gleich ankündigen können, dass das Rote Kreuz jetzt ständig mitfährt, um bei Klimaanlagenausfällen zu helfen.

Nachtrag 3: Auch heute wird in den Zügen wegen ausgefallener Klimaanlagen geschwitzt: Ein Bericht aus dem Zug.

5 Kommentare

  • 1
    Bahnfahrerin:

    Ich fahre selbst oft auf dieser Strecke. Manchmal sind die Schaffner freundlich, bei der letzten Fahrt aber nicht. Vermutlich wegen umgekehrter Wagenreihung fand ich mit meinem schweren Koffer den Wagen nicht. Als ich einen Bahnbediensteten fragte, wo die 2. Klasse sei, sagte er „weiß ich nicht, ich verkaufe nur Karten“ und ließ mich einfach stehen.
    Wenn es im Zug nicht einmal Wasser für die Gäste im überhitzten Wagen gab, frage ich mich, ob so ein Fehlverhalten nicht von ganz oben kommt. Jeder vernünftige Schaffner würde doch Wasser verteilen. Aber wir Deutsche lassen uns ja immer alles gefallen.

  • 2
    Stefan Kirchberger:

    Kaputte Klimaanlage gabs auch in Teilen des EC von München nach Straßburg letzten Freitag – das übliche: hilflose Schaffner, keine Entschuldigung vom ‚Zugchef‘ und die Weigerung, die in München zusätzlich gebunkerten Getränke gratis abzugeben – das wäre eine Geste gewesen, zu der die DB nicht in der Lage ist.

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Es ist einfach unfassbar, wie die Zugchefs damit umgehen. Es scheint sich aber auch um ein Klima der Angst zu handeln, nicht nur mangelndes Einfühlungsvermögen. Die Leute an der Front wissen sehr wohl, dass eine Menge faul ist bei der Bahn. Aber das Zugpersonal muss es ausbaden und ist entweder ungeschickt oder hat wenig Handlungsfreiheit für menschliche Gesten, die ein paar Euro kosten könnten. So kostet es eben Kunden.
    Mein Auto hat eine hervorragende, gut gewartete Klimaanlage. Bis zum Herbst werde ich in keinen Fernzug der DB mehr steigen. Ich fahre nicht mit einem Unternehmen, das im Privatisierungswahn Hitzetote riskiert.

  • 4
    schweizweit.net | Panik im ICE: Hat das Zugpersonal die Situation unterschätzt?:

    […] Hitzeschock im ICE und eine peinliche Entschuldigung […]

  • 5
    Sebastian:

    Ab 40 Grad im Wagen dürfen anscheinend die Zugbegleiter nicht mehr arbeiten. Schon gar nicht im Bistro, die einzige Stelle, in der im ICE Getränke erhältlich sind. Da wird das Bistro eben einfach dichtgemacht, und die Fahrgäste in den anderen, genauso heissen Wagen, leiden etwas mehr. Ist mir passiert, Details hier: http://www.briegleb.com/sebastian/28/bahn-klima-katastrophe/ Ich denke, das alles hat System.

 
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