Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Kleine Presseschau: Russland und der ICx

04.07.10 (Bahnindustrie, Deutschland, Eisenbahn, Europa, Fernverkehr, Güterverkehr, Hochgeschwindigkeitszüge, Personenverkehr, Russland, Triebwagen)

Es wird viel interviewt in diesen Tagen, doch nur selten kommen mehr als ein paar einstudierte Manager-Sprechblasen dabei heraus. Die Kollegen der WELT haben sich alle Mühe gegeben, dem DB-Vorstandsvorsitzenden Konkretes zu entlocken. Der verheddert sich, wenn es um die Auflösung der gewerkschaftlichten Tarifeinheit geht, in Floskeln „Wer will schon in einem Land investieren, in dem Unternehmen durch Dauertarifverhandlungen und Streiks gelähmt sind.“ Er meint Deutschland, scheint aber auf einem anderen Planeten zu leben. Die bis zu 20 % niedrigeren Tariflöhne bei DB-Töchtern als bei den meist schlechter als die DB bezahlenden Privatbahnen sind für ihn „schlichtweg Notwehr“.

Dass DB Netz Mitbewerber diskriminiert und zum Beispiel für Bahnstrom mehr verlangt als von DB-Töchtern, bestreitet Grube, obwohl diese Vorwürfe belegt sind. Warum hat dann die Bundesnetzagentur einen Zugang zu den Betriebszentralen vorgeschrieben? Siehe auch hier. Vollmundig verkündet er: „So lange ich Bahnchef bin, wird es einen diskriminierungsfreien Zugang für alle geben, die in Deutschland Schienenverkehre anbieten.“ Man sollte ihn daran messen.

Letzten Freitag in Düsseldorf Hbf: ICE 25 Minuten später, zweiter ICE "Ansage beachten", ICE nach Wien fällt aus (Foto: FW)

Während in den letzten Wochen wieder häufiger ICE ausfallen, nach meiner Erfahrung Ersatzzüge bei größeren Netzstörungen erst gar nicht gestellt werden oder ICE und IC mit abenteuerlichen Verspätungen unterwegs sind, träumt und plant Grube eine ICE-Verbindung nach Südfrankreich (und nach London sowieso). Der Mann weiß Prioritäten zu setzen. Immerhin: Die ICE2 werden modernisiert und „die IC-Flotte“ vom Rost befreit. Und das Bahnhofspersonal bekommt Headsets! Das freut den deutschen DB-Kunden natürlich.

Ein bisschen besser informiert ist DB-Technikvorstand Volker Kefer, der in der Berliner Zeitung noch Zurückhaltung verbreitete, was den ICx betrifft, den Grube in einem anderen Interview ja bereits zur Lieferung 2014 ankündigte, obwohl er noch gar nicht bestellt ist. Die Verhandlungen der DB mit einem Konsortium aus Siemens und Bombardier als „bevorzugten Bietern“ seien jedoch ins Stocken geraten. „Wir sind noch nicht bei dem Preis angelangt, zu dem sich das Projekt auch rentiert“, so Kefer. Ein endgültiger Beschluss werde vermutlich im Spätsommer getroffen.

Was soll sich an einem Projekt wie diesem rentieren? Wird wieder einmal die Bahnindustrie ausgepresst, um nicht „dauerfeste“ Züge zu bestellen, die nach zehn Jahren wegen der preislichen Kompromisse Probleme machen?

Rätselhaft klingt die Aussage: Die ICx-Flotte soll einen modularen Aufbau erhalten. „So können wir die Züge je nach Erfordernis flexibel zusammensetzen“, erklärte Kefer. Das würde eine Abkehr von den fest gekuppelten Triebzügen bedeuten, bei denen nicht einfach mal ein Wagen zusätzlich oder weniger möglich ist. Allerdings hatte Grube erst vor ein paar Tagen erklärt, dass die alten IC-Wagen modernisiert weiterfahren sollen. Diese Züge sind flexibel. Man müsste dann aber auch mal eine Rangierlok und an Eisenbahnknotenpunkten Rerservewagen zur Verfügung haben…

Durchdachte Pläne klingen jedenfalls anders.

Grube und Jakunin auf der #rail 2009 (Foto: Weidelich)

Dass es auch anders geht, zeigt das Wirtschaftswoche-Interview von Reinhold Böhmer, der mir vor 20 Jahren den Magazinjournalismus näherbrachte, mit Wladimir Jakunin, dem Chef der Russischen Eisenbahnen RZD. Der kennt, weil er kein austauschbarer Manager ohne Bezug zur Eisenbahn ist, jede Menge Fakten und hat klare Pläne für den Ost-West-Güterverkehr.

Auf der #rail2009 waren die Ziele und Vorstellungen der RZD schon definiert:

2 Kommentare

  • 1
    Schlenz:

    PRO IC (alt) !

    Als Bahnreisender sehe und erlebe ich „alten“ IC und ICE im Wechsel, auf gleicher Strecke verkehrend.
    Mir persönlich ist der IC der liebste Zug. Raumgefühl und die Sitze gefallen bzw passen mir sogar etwas besser als beim ICE.
    Ich kann nur die Waggons beurteilen, nehme aber doch an, daß die Loks austauschbar sind.
    Sehe also keine Not zu Eile, falls diese ICs mit vernünftigen Instandhaltungsaufwand weiterzubetreiben wären.
    Den gerade auf Kurz/Mittelstrecken nennenswert günstigeren Fahrpreis des IC erhalten zu können, bedeutete dabei natürlich mehr als das berühmte i-Tüpfelchen!

    Udo Schlenz, Nürnberg

  • 2
    Friedhelm Weidelch:

    Ja, die Loks sind selbstverständlich austauschbar. Grundsätzlich kann man die alten IC-Wagen schon modernisieren, aber dann sollte die DB endlich damit anfangen. Wenn Grube weiter mit Siemens pokert, wird es neue IC-Triebzüge als Ersatz für alte Fahrzeuge – oder eben die runderneuerten IC-Wagen – erst weit nach dem Ende seiner Amtszeit geben.

 
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