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Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Mythos Märklin in Oberhausen – aus der größten Privatsammlung der Welt

24.07.10 (Modellbahn)

"Storchenbein" von ca. 1890 (Foto: Weidelich)

Die größte Märklin-Sammlung der Welt gehört einem Mann im angrenzenden Ausland, der anonym bleiben will. Nur wenige hatten das Privileg, sie besichtigen zu dürfen. Sie umfasst eine fünfstellige Zahl von Märklin-Spielzeugen der Vorkriegszeit und eine weit größere Zahl aus der Zeit nach 1945. Das Privatmuseum soll ein Fußballfeld füllen und enthält auch Einzelstücke und Muster mit einem unermesslichen Sammlerwert.

Der frühere Märklin-Pressesprecher Roland Gaugele und Karlheinz Menrad, der ehemalige Chef der ungarischen Märklin-Produktion und Geschäftsführer der Menrad Event GmbH, kennen den Sammler seit vielen Jahren und haben es geschafft, seinem Fundus rund 500 exklusive Stücke zu entlocken, die nun ein Jahr lang in der Miniaturwelt Oberhausen gezeigt werden: Mythos_Märklin. Viele Ausstellungsstücke waren noch nie zu sehen. Ihre Existenz war selbst eingefleischten Märklin-Kennern nicht bekannt. Denn Märklin begann vor 150 Jahren nicht als Modellbahnfirma, sondern als Hersteller von Blechspielzeug. Puppenstuben, funktionsfähige Herde, Sandspielzeuge, fahrbare Handpumpen, Schiffen, Ritterburgen, Autos, Kutschen, Dampfmaschinen, Metallbaukästen und nicht zuletzt Eisenbahnen gehörten zu dem riesigen Sortiment – Abbilder der Realität und mit hohem Spiel- und Lernwert. Denn Spielen war früher immer das Nachspielen und Üben der Welt der Erwachsenen, keine Flucht in digitale Fantasiewelten. Märklin, das waren handbemalte Spielzeuge, die gepflegt und vererbt wurden und deshalb mehr als ein Jahrhundert überdauert haben. Und nur das Kennerauge fand auf der ganzen Welt Stücke, die ebenfalls aus Göppingen stammten, auch wenn das auf den ersten Blick nicht erkannbar war. So etwa eine Sparbüchse, die um 1910 einen Zeppelin-Gedenkstein in Stuttgart-Echterdingen nachbildete. Sammler bezahlen heute dafür 5000 Euro! Auch die erste elektrische Autorennbahn ist zu sehen, sie stammt von 1934. Märklin war früher technische Avantgarde.

Als Werbebotschaften noch einfach und manchmal wahr waren (Foto: Weidelich)

Die Ausstellung Mythos Märklin hat mich sehr beeindruckt, denn nicht nur die Exponate bis zu einer riesigen Dampflok von 1910 auf Spurweite 12 cm sind mehr als einen liebevollen Blick wert. Die Vielfalt und technische Qualität der Ausstellungsstücke, die mit aus heutiger Sicht unglaublichem Aufwand und viel Liebe hergestellt wurden, ist schier unglaublich. Märklin ist deutsches Kulturgut und war eine Marke vom Feinsten!

Schade, dass sie nun von Eigentümern, Heuschrecken und untauglichem Personal kaputtgemacht wurde, die den kulturellen Wert von Märklin nicht verstanden haben. Aber wir haben nicht nur andere Zeiten, sondern einen Wertewandel, der nur noch kurzfristige „Ergebnisse“ anstrebt und seine langfristige Orientierung verloren hat. Das merkt man auch am heutigen Auftritt der Restmarke Märklin, die als kurioser, nahezu geschichtsloser Gemischtwarenladen, allen Charmes entkleidet, nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.

Ich empfehle Ihnen wärmstens, diese Ausstellung zu besuchen und sich viel Zeit zu nehmen. Betrachten Sie in Ruhe die handbemalten Details und Muster und die enorm hohe Qualität der Märklin-Stücke. Viele werden nie wieder zu sehen sein. Die Chance ist einmalig. Mythos Märklin fasziniert. Noch bis Juli 2011 wird in Oberhausen einzigartig Kulturgeschichte dokumentiert.

Wer dann noch Ausdauer hat, sollte sich im Haus das Ruhrgebiet in H0 im Zustand von 1965 bis 1970 anschauen, eine auf höchstem modellbahnerischen Niveau gebaute, vielfach unterschätzte 700 Quadratmeter große Anlage ohne aufdringliche Effekte, aber mit vielen (auch beweglichen) Details zum Entdecken. Mit Stahlwerken in Aktion, der Villa Hügel, unendlich langen Fahrstrecken, riesigen Güterbahnhöfen und all den Zutaten des Ruhrgebiets, wie es früher einmal war.

Eine riesige nostalgische Märklin-Anlage von 1960 mit Blechschienen, hunderten von Wiking-Autos ohne Scheiben und einer Autofabrik (oben Mitte) überrascht die Besucher gleich nach dem Eingang (Foto: Weidelich)

Den Katalog zur Märklin-Ausstellung sollte man mitnehmen, um zuhause die Details der Exponate und ein paar Anekdötchen des Sammlers  nachzulesen und in Ausschnitten alter Märklin-Kataloge zu schmöckern, die heute wie damals faszinieren. Die wenigen eingetragenen Preisen lassen erahnen, dass Märklin immer eine Marke für die gehobene Mittel- und Oberschicht war. Habgier und schlechtes Management haben leider dafür gesorgt, dass es auch heute wieder so ist. Modellbahnen sind wieder Luxusartikel. Doch sie zu sammeln, lohnt sich bei der Massenware nicht mehr.

Fahren Sie nach Oberhausen, es lohnt sich!

Ein Kommentar

 
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