Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Der Stuttgart-21-Architekt klagt über „Meinungsmache“

12.08.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Personenverkehr)

Der Architekt des unterirdischen Stuttgarter Bahnhofsentwurfs, Christoph Ingenhoven aus Düsseldorf, hat der taz ein Interview gegeben. Für ihn ist der Protest gegen S21 nur Meinungsmache und ein recht belangloser Widerstand alter Menschen, die einfach gegen Veränderung sind. Ach! Moderne Architektur scheint sich demnach dadurch auszuzeichnen, dass sie brachial in vorhandene Strukturen eingreift und stilistisch vor sich hin brüllt. Das kann, wie im Düsseldorfer Medienhafen, durchaus seinen Reiz haben. Als universelle Vorgehensweise kann das nicht funktionieren, schon gar nicht bei einem Bahnhof, der in ein Schienennetz eingebunden ist und nicht einfach so dasteht wie die Türme und Bürobauten des Architektenteams. Die haben durchaus eine hohe gestalterische Qualität und fallen auf, wie ich in Düsseldorf beobachten kann.

Angeblich setzt er sich für nachhaltige Architektur ein. Es ist also nachhaltig, einen katakombenartigen, lauten unterirdischen Bahnhof Tag und Nacht zu beleuchten (die artist’s impressions von den großen Bullaugen sind Augenwischerei und reine Verkaufe), zu belüften und zu kühlen und die enorme Wärmelast von gleichzeitig acht Zügen abzuführen, die auch noch in einer Steigung anfahren müssen. Von den Betriebskosten für niemals 100 % verfügbare Rolltreppen, Engpässe durch Lifte und die umständlichen, zeitraubenden Wege insbesondere für Ältere und Behinderte, schmale, zu einem Ende hin geneigten Bahnsteigen, dem erschwerten Umsteigen und den Simplon-Effekt in den Tunneln einmal abgesehen. Verkehrsbauten stehen übrigens nicht auf seiner Projektliste.

Man merkt bei jeder Äußerung, dass er eben ein Architekt und damit Künstler ist. Vom Bahnverkehr, das wird deutlich, scheint er nicht viel zu verstehen. Von den Menschen, die gegen die politisch-wirtschaftliche Fantasterei S 21 zu Lasten der gesamten Bundesrepublik sind, noch weniger.

Schade um das in Stuttgart verschwendete Talent.

Nachtrag: Jetzt äußert sich auch OB Schuster, denn es geht um Last-Minute-Meinungsmache für S21. Ein Moratorium ist für ihn nicht denkbar, weil ja alles demokratisch abgesegnet wurde und die frei werdende Fläche ökologisch genutzt werden kann, was die Grünen noch irgendwann toll finden werden. Und die Bevölkerung habe noch Informationsdefizite, obwohl er sich so angestrengt hat. Oje, der arme Unverstandene! Stuttgart, du tust mir leid, von so einem brillanten Intellektuellen regiert zu werden. Aber in Baden-Württemberg wählt man ja gern solche Leuchttürme (wie auch Herrn Oettinger), wenn sie nur schwarz angestrichen sind. Entscheidend wäre aber, dass da ganz oben, in der Birne, ein Licht brennt. Bei den Wählern übrigens auch.

 
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