Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Don’t touch and travel

06.08.10 (Deutschland, Eisenbahn, Personenverkehr, Technologien)

Vor einigen Tagen geisterte ein Beitrag der Deutschen Presseagentur durch die Medien, der brav unter anderem vom Handelsblatt und dem Stern abgedruckt wurde. Dort sitzen Redakteure, die gemerkt haben müssten, was für einen Blödsinn dpa abgeliefert hat. Haben sie aber nicht, wie auch nicht die Redakteure in über 20 anderen Medien. Und deshalb wurde ein Beitrag veröffentlicht, bei dem bestenfalls die Überschrift korrekt ist:

„Wenn das Handy zur Fahrkarte wird“

Nun ist leider der Besitz eines Handys noch keine Grundlage, um Funktechnologien und Kommunikationsarten zu verstehen. Autofahrer sind ja allgemein auch keine Spezialisten für Motorsteuerungen und Fahrbahnbeläge. Doch SMS, MMS, WAP, Apps und NFC einfach in einen Topf zu werfen und kräftig umzurühren und daraus eine Story über Tickets bei Bahn und Lufthansa zu machen, ist schon ein starkes Stück.

Ich will Sie nicht mit den tatsächlichen Möglichkeiten des Handytickets bei Lufthansa und Bahn langweilen. Ich habe seit Jahren keinen Fahrgast mehr gesehen, der sein Handy zur Fahrkartenkontrolle hingehalten hat. Und ein spontan gefragter Regionalexpress-Schaffner sagte mir, wie oft er mit Handytickets zu tun hat: „Einmal im Monat, und dann funktioniert manchmal das Lesegerät nicht.“ Technologie, die begeistert!

Ich weiß nicht, welcher dpa-Volontär folgenden Unsinn geschrieben hat, denn da wird das regional verfügbare Nahverkehrs-Handyticket und das DB-Handy-Ticket mit Touch & Travel zu einem unverdaulichen Brei gerührt. Denn im ersten Fall wird über eine Java-Anwendung gekauft, im zweiten kommt das Ticket als MMS und bei Touch & Travel braucht man ein spezielles Handy mit einem Sender für die Nahfeldkommunikation, das Testteilnehmern von der Bahn zugeteilt wird und nicht eben begeistert, weil es Oldtimer sind. Einer von Nokia und ein Motorola-Gerät, das auch nicht mehr sonderlich modern erscheint.

Originaltext dpa: Nach dem Reisehandy-Konzept der Bahn soll künftig ein spezielles Programm die besten Verbindungen für die geplante Reise raussuchen und buchen. Das Ticket wird dann mit Bahnsteignummer und Zuginformationen aufs Handy geschickt. Vor Reiseantritt wird dieses dann an ein spezielles Lesegerät, dem elektronischen Anmeldepunkt (Touch Point), gehalten. Auch das Umsteigen und der Wechsel zu S-Bahn oder Bus geht problemlos. Und bei Fahrscheinkontrollen wird das Handy einfach an ein Gerät beim Schaffner gehalten. Seit zwei Jahren probt die Bahn dieses Konzept in Berlin, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Jetzt sucht sie noch Partner bei den regionalen Verkehrsanbietern.

Fehlinvestition: unberührter "Touchpoint" in Köln Hbf (Foto: Friedhelm Weidelich)

Touch & Travel ist aber eine Totgeburt. Und zwar, weil es nur ein oder zwei Handys gibt, die für die Near Field Communication (NFC) ausgerüstet sind. Mobilfunknetzbetreiber wie Vodafone träumten schon vor Jahren davon, das Handy mit dieser Technologie zum Zahlungsmittel zu machen. Das hat aber schon aus einem einfachen Grund nicht funktionert: Man braucht Handys, die von einer vertrauenswürdigen Stelle ausgegeben werden und in die ein NFC-Chip eingebaut ist. Das ist ein kleiner Sender, der mit Hilfe eines Programms, das ins Handy eingespielt werden muss, aktiviert wird. Dieser gibt Energie ab, die den passiven, also stromlosen Chip hinter der Touch & Travel-Blechtafel oder den ebnfalls stromlosen Kästchen (siehe Foto) dazu veranlasst, seine Nummer zurückzusenden. Schaltet man diese Funktion danach nicht aus, ist der Akku des weitersendenden Handys am Abend leer. Außerdem muss das Spezialhandy diese Information – auf Kosten des Kunden natürlich – an eine Abrechnungszentrale senden und eine Quittung für die Kontrolle im Zug anzeigen und in der Lage sein, eine elektronische Quittung zu empfangen. Und wenn der Fahrgast aussteigt (hoffentlich nur an bestimmten NRW-Bahnhöfen, Hannover und Berlin), muss er daran denken, die Prozedur auf dem Bahnsteig noch einmal zu machen. Denn sonst schätzt das Abrechnungssystem, wo er ausgestiegen sein könnte.

Touch & Travel erfordert einen erheblichen Aufwand im Hintergrund für die Abrechnung, denn das System muss raten, mit welchem Zug jemand gefahren ist und die Verspätungen gespeichert haben. Und die buchstäblich dummen Blechtafeln („Touch Points“) müssen überall installiert sein, was erhebliche Installationen erfordert, die die DB gegenwärtig freudig in den Sand setzt. Eine Totgeburt ist diese Abwicklung aber vor allem, weil man sie nicht in einem Smartphone oder den inzwischen zum Modegegenstand gewordenen Handys nachrüsten kann. Deshalb wird sich das System niemals durchsetzen.

Etwas Recherche hätte dem dpa-Kollegen nicht geschadet. Denn dann hätte er diese wirre Sommerlochgeschichte erst gar nicht geschrieben.

2 Kommentare

  • 1
    KH Ulbrich:

    Ich sehe darin keine Totgeburt. Apple investiert zur Zeit enorme Summen in Lösungen mit NFC. Es ist sicher, dass die neue Generation iPhones mit NFC bestückt werden. Hier werden genau diese Funktionen unterstützt. Und wir wissen ja das die Dinge die mit dem iPhone gemacht werden in kurzer Zeit Erfolg haben. Natürlich konstruiert Apple nicht der Bahn zuliebe ein NFC Smartphone. Die wollen darüber hinaus natürlich aktiv in dem Zahlungsverkehr mitmischen, und an jeder Transaktion verdienen. Die Bahn ist mit dem System genau richtig aufgestellt. Es fahren ja auch keine Dampflokomotiven mehr. Die Entwicklung geht weiter.

  • 2
    Bahnfahrer:

    Hallo. Der neue Wurf für Touchandtravel scheint QR-Codes, Zahlencode oder GPS-Ortung zu sein: http://www.die-bahnfahrer.de/arbeitet-die-bahn-an-neuem-touch-travel-system/106/

 
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