Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Ist Stuttgart 21 doch bald am Ende?

11.08.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Großbritannien, Personenverkehr)

Die Deutsche Bahn, genauer gesagt, die DB UK Holding Limited, darf nun Arriva plc übernehmen und muss die deutschen Unternehmen von Arriva verkaufen. 2,8 Mrd. € bringt die DB dafür auf und hat sich die erwarteten „Ergebnisse“ vorher schöngerechnet. Doch merke: Holdings sind primär steuersparende Konstruktionen. Gewinne werden zu Lasten des Steuerzahlers gemacht. Die Verluste trägt er sowieso.

Das zweite Wahnsinnsprojekt der Deutschen Bahn und nutznießender Immobilienfirmen, Stuttgart 21, wird währenddessen von Tag zu Tag teurer und hat das Limit deutlich überschritten. Selbst der Hinweis auf eine „europäische Magistrale Paris – Bratislava“ oder „das neue Herz Europas“, war den Beteiligten nicht blöd genug, um für einen lärmenden unterirdischen Kleinbahnhof in einer Steigung inmitten von Tunneln zu plädieren. Wo doch eher ein rückwärtiger Körperteil Deutschlands im etwas provinziellen Talkessel angesiedelt ist, der trotz aller Wirtschaftskraft doch so gar nichts von Großstadt und etwa rheinisch-westfälischer Offenheit hat. Jetzt vermisse ich eigentlich nur noch den Hinweis auf die ganz sicher einmal ganz wichtige europäische Magistrale Winterthur – Vilnius oder die Hochgeschwindigkeitsstrecke Schömberg – Plochingen, in die man „wegen Europa“ (Eyroopah isch glasse, dromm isch dr Ettinger au do!) oder für die schnelle supranationale Bäder-Verbindung zwischen Baden-Baden und Karlsbad investieren müsse. Stuttgart würde trotzdem verkehrstechnisch ein Provinzbahnhof bleiben und wegen der vielen Tunnel lieber umfahren werden. Was soll man auch in einem engen, schlecht klimatisierten Kaufhaus mit Gleisanschluss, wie sich Bahn und „Investoren“ heute ihre alles andere als repräsentativen Bahn-Bauten vorstellen. Berlin Hbf ist ein trauriges Beispiel für solche Kaufhausarchitektur, Leipzig dagegen akzeptabel. Auch wenn sich überall Reisende und Shopper über den Haufen laufen, weil das Shoppen in diesen Kommerztempeln ja längst die Oberhand hat und der Bahnverkehr von der Deutschen Bahn als Nebengeschäft und ohne jeden Respekt für die Reisenden betrieben wird. Komme mir da keiner mit kommerziellen Zwängen. Es fehlt nur an Selbstbewusstsein und dem Gefühl, was ein Bahnhof eigentlich für eine Funktion hat.

Zurück zu Stuttgart 21: Den S21-Bewegten ist ja kein Argument zu billig für den größten Immobiliendeal dieses Hauptstädtchens mit dem Appeal einer 70.000-Einwohner-Mittelstadt. Irgendein Dummkopf unter den Lokaljournalisten schreibt solchen Unsinn gern unkommentiert auf oder hält dem Unternehmer, der halt ein gutes Geschäft machen will, ehrfürchtig ein Mikrofon vor die Nase. Dass die Herren dann, Vollstrecker Grube eingeschlossen, mangels besserer Argumente und wegen des suggerierten „großen Wurfs“ alle dasselbe sagen, hat Extra3 wunderbar festgehalten.

Nun heißt es schon lang, dass in Stuttgart Immobilien- und Baubranche, die Stadtverwaltung und bestimmte Nutznießer bei Stuttgart 21 eng zusammengearbeitet haben und es in Wahrheit gar nicht um einen besseren Hauptbahnhof, sondern nur um das große Geld durch die freigeräumte Fläche geht. Die kann man dann in bewährter Art mit geistlosen, billigen Ingenieurbauten, die die Bezeichnung Architektur nicht verdienen, bebauen. Düsseldorf holt sich für ähnlich sinnlose Projekte wenigstens noch einen „Star-Architekten“, der seinen Namen unter die Pläne setzt, die so schlicht sind, dass man sie auch als Laie am PC entwerfen kann. Viel Glas, weil es modern ist. Gerade Flächen, weil es sonst teuer wird. Enge Gänge wegen der vermietbaren Fläche, viele Stockwerke und notfalls halt mal eine geschwungene Linie, damit es nach „Architektur“ aussieht. Geringste Baukosten und maximale Effizienz für die Immobilienverwertung, nichts anderes zählt. Die Laien im Stadtrat und die Lokalredakteure sind mit Wortgeklingel ja leicht zu beeindrucken.

Bekannt ist in Stuttgart ja die 70.000-Euro-Spende des Tunnelbohrmaschinenbauers Herrenknecht an die Stuttgarter CDU, dessen Maschine auch in Düsseldorf gerade eine unnötige U-Bahn vorantreibt. Sicher ein Zufall wie die irrwitzigen Verbindungen und (Neben-?)Tätigkeiten des Stuttgarter Finanzbürgermeisters Föll (CDU), der Beirat in der ausführenden Baufirma Wolff & Müller und zahlreichen anderen Firmen war oder noch ist. Unrechtsbewusstsein oder ein Gefühl für Interessenskonflikte hat so einer nicht. Zufall ist wahrscheinlich auch, wer sich sonst noch auffallend für S 21 eingesetzt hat, hier unter Stuttgart-21-Kartell fein dokumentiert.

Nun entwickeln Großprojekte fast zwangläufig eine Eigendynamik, bei der grundsätzlich viele Millionen in den Sand gesetzt werden, auch wenn selbst Laien den Unsinn von Anfang an beurteilen konnten. Ich erinnere an den Schnellen Brüter, Wackersdorf, Transrapid (Hamburg – Berlin, München usw. – lange als „Hightech aus Deutschland“ gerühmt, aber nach einem schon 80 Jahre alten Patent) und den Metrorapid, mit dem ein seltsamer Ministerpräsident viel Geld für die Planung verplemperte. Dass Stuttgart 21 noch ohne größeren wirtschaftlichen Schaden (sieht man von den „Investoren“ ab) gestoppt werden könnte, weiß man seit einigen Tagen.

Heute ist bekannt geworden, dass das Umweltbundesamt empfiehlt, auf Stuttgart 21 zu verzichten. Die ZEIT berichtet darüber. Ein Hoffnungsschimmer?

Nachtrag: Das Gutachten ist hier herunterladbar. Zu S21 sind Aussagen ab S. 151 zu lesen. Etwa: Nach konservativer Schätzung halten wir es für unmöglich, die Kosten unter 4 Mrd.Euro zu halten. Zusammen mit S21 zeichnen sich damit Gesamtkosten von mindestens 9 Mrd. Euro ab, ggf. bis zu 11 Mrd. Euro. Dieser sehr hohe Aufwand steht u. E. in keinem Verhältnis zum geringen ver- kehrlichen Nutzen.

Und: Schließlich ist die Begründung nicht plausibel, der heutige Kopfbahnhof sei betrieblich nicht leistungsfähig, weshalb er durch einen Durchgangsbahnhof ersetzt werden müsse. Nach Meinung der meisten Experten ist das Gegenteil der Fall. S 21 beseitigt kein Nadelöhr, sondern schafft neue und vor allem mehr Zwangspunkte (»Fahrstraßenausschlüsse«) als heute.

Am Wochenende versammelten sich um die 15.000 Menschen, um gegen das Irrsinnsprojekt zu demonstrieren. Die Gegner werden immer mehr, der Ton rauer. Doch es wächst die Hoffnung, dass der Spuk, die geplante Verschleuderung von Steuermilliarden und die Schändung eines Baudenkmals bald ein Ende haben. Den heiligen Zorn und die Zähigkeit der Schwaben sollte man nicht unterschätzen. Im Elfenbeinturm der Bahn in Berlin und im Stuttgarter Rathaus scheint das aber noch niemand kapiert zu haben.

Extra3 empfiehlt den zukunftssüchtigen Stuttgartern übrigens was Neues: Stuttgart 22, den ersten unterirdischen Flughafen der Welt (Sie brauchen den Spot nicht bis zum Ende schauen, es ist eine Endlosschleife). Den baden-württembergischen Politikern und „Investoren“ würde ich so eine Idee zutrauen. Irgendwie müssen die ihre Kleingeistigkeit ja mal loswerden. Koste es, was es wolle.

4 Kommentare

  • 1
    es wird schlimmer...:

    …nichts geschwungenes!

    „Viel Glas, weil es modern ist. Gerade Flächen, weil es sonst teuer wird. Enge Gänge wegen der vermietbaren Fläche, viele Stockwerke und notfalls halt mal eine geschwungene Linie, damit es nach “Architektur” aussieht.“

    http://www.sw-ag.com/sw-ag/geschaeftsfelder/stuttgart_21.php

  • 2
    Friedhelm Weidelich:

    ERBÄRMLICH, was da geplant ist! Ein paar aufgeschichtete Würfel. Das muss gar keine schlechte Architektur sein, aber wenn überhaupt, dann passt das nach New York oder Hong Kong, wo Grundflächen knapp sind. Aber doch nicht in ein gewachsenes biederes Stuttgarter Umfeld! Das bestätigt nur mein Bauchgefühl: Ein paar Provinzpolitiker wollen sich mit etwas, was sie für spektakulär halten, ein Denkmal setzen. Von der mutmaßlichen Vetterleswirtschaft im Hintergrund einmal abgesehen.

  • 3
    C. Klein:

    Dazu ist dieser Beitrag auch noch ganz interessant…der Größenwahn in einer Stadt wie Stuttgart Hochhäuser bauen zu wollen wie in New York hat fatale Folgen für die Bewohner. Man sollte die Planer, die Architekten und alle, die daran verdienen, darin einsperren.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/352#/beitrag/video/1091760/Hitzestau-in-deutschen-St%C3%A4dten

  • 4
    Dieter:

    In dieser unserer Stadt wird die Demokratie mit Füßen getreten. Diese so genannten Manager und Politiker, sprich,Grube,Schuster und Mappus sollten wegen Verschwendung von Steuergeldern angezeigt werden und mit Schimpf und Schande zum Teufel gejagt werden.
    Die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm wird schon um 50% teurer, warum sollte dies beim denkmalgeschützten Bahnhof anders ein?
    Ich habe manchmal den Eindruck, dass diverse Gerichte gekauft worden sind, um dem Projekt nicht im Weg zu stehen.Selbst der Enkel von Herrn Bonatz konnte mit seinem Eilantrag bei Gericht nicht landen.

 
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