Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

RAILoMOTIVE hat heute Geburtstag!

18.08.10 (Marginalien)

Fast hätte ich es vergessen bei dem Arbeitspensum, das ich seit Wochen zu bewältigen habe: RAILoMOTIVE ist heute ein Jahr alt!

Sebastian Matthes von der Wirtschaftswoche motivierte mich zum Bloggen, und so machte ich mich am 18. August 2009 auf den Weg, den man work in progress nennt: Es entwickelt sich etwas, auch wenn die Richtung nicht völlig klar ist.

Ich bin nach 410 Beiträgen fasziniert von der Bloggerei, denn es ist eine journalistische Spielwiese, die einen größeren Freiraum lässt für persönliche Meinungen. Denn im Gegensatz zu einem Magazin- oder Zeitungsbeitrag kann ich hier unverblümt sagen, was ich denke und weiß. Der im journalistischen Tagesgeschäft nervige handwerkliche Zwang, einen „Experten“ zu finden, den man als Zitatgeber für etwas braucht, was ich unter Umständen genau so gut weiß, entfällt. Hier bin ich auch nicht gezwungen, Stellungnahmen einzuholen und zu veröffentlichen, von denen ich weiß, dass sie gelogen sind.

Ich habe diesen Blog angefangen, weil es mich störte, dass Eisenbahn nicht als Hightech wahrgenommen wird und noch immer „Auto“ statt „Mobilität“ in den Zeitungsrubriken steht. Die Spezies, die mit Benzin im Blut schreibt, kenne ich inzwischen etwas besser. Da darf man nichts Neues erwarten. Also müssen die Bahnindustrie und die Eisenbahnverkehrsunternehmen selbst mehr tun, um für ein besseres Image zu sorgen. Gerade nach dem Skandal, als Menschen in einem ICE fast erstickt und kollabiert sind, ist es umso notwendiger, dass Zusammenhänge deutlicher werden: Schlecht gewartete Züge – und alles spricht dafür bei der DB – sind nun mal ein Sicherheitsrisiko und eine Folge des Privatisierungswahns. Zwar sind Konstruktionsmängel niemals völlig auszuschließen, doch die Bahnindustrie darf sich nicht lauthals gegen falsche Verdächtigungen wehren, weil sie ihre Kunden nicht bloßstellen kann. Oft weiß sie gar nicht, ob nun gewartet wird, weil speziell die DB sich selbst kontrolliert und viel zu selten das Eisenbahnbundesamt in die Werkstätten schaut. Gespart wird immer an der falschen Stelle.

Immerhin sehe ich erste zarte Pflänzchen sprießen bei der Bahnindustrie, mehr zu tun, auch wenn es erst Vorboten eines Umdenkens sind. Denn sie braucht Rückhalt in der Bevölkerung und politische Unterstützung. Die bestens vernetzte Autoindustrie, die bei weitem nicht so wichtig ist, wie sie behauptet, kennt alle Wege, um auch politisch für sich selbst zu sorgen. Die Bahnindustrie dagegen lebt eher vom Prinzip Hoffnung, dass sich die DB endlich dazu durchringt, in neue Züge und Strecken zu investieren. Doch wie oft wurden schon die Anschaffung neuer Dieselloks und Fernzüge verschoben, wie erbärmlich ist der Zustand vieler Züge, aber auch der meisten Bahnhöfe?! Die Bahn investiert zu wenig, am liebsten im Ausland – und die Politik schaut zu. Hauptsache, 500 Millionen springen für die Bundeskasse heraus, auch wenn die DB Geld mit Arriva und mongolischen Strecken (kein Witz!) verpulvert.

Doch die Bahnindustrie braucht auch junge Ingenieure und muss sich bald gegen mehr Konkurrenz und Fernost verteidigen, die sie teilweise für ein chinesisches Strohfeuer selbst aufgepäppelt hat. Da zählt Image, und zwar nicht nur bei den Bahngesellschaften, sondern auch bei denen, die in den Zügen sitzen sollen. Die klassische Konzentration auf B2B ist von gestern und reicht bei einem globalen Markt mit schärferem Wettbewerb nicht mehr aus.

Ich freue mich über das Lob, das ich gelegentlich für meinen Blog bekomme und danke Ihnen und Euch dafür. RAILoMOTIVE hat mir manche Tür geöffnet, gelegentlich Diskussionen ausgelöst und viele Leser gefunden. Um die 750 sind es pro Tag, hin und wieder auch mal 1200, und manche Beiträge werden über 2000 Mal gelesen. Die kryptischen Angaben meines Hosters zeigen, dass die Deutsche Bahn und Siemens mitlesen. Auch Medienbeobachtungsagenturen durchkämmen meine Beträge für ihre (mir unbekannten) Kunden.

Noch nicht in Erfüllung ging mein Wunsch, dass sich hier Insider und Experten unterhalten und über ihre Lösungen diskutieren. Blogs sind noch etwas fremdartig in der konservativen Bahnindustriewelt und manchen Marketingdamen kleinerer Hersteller völlig unbekannt. Es mangelt oft an Zeit und einer Sprachregelung, wer was sagen darf. Doch da man hier fast anonym kommentieren kann (E-Mail-Adresse und Klarnamen werden nicht veröffentlicht), sollte die Hürde nicht zu hoch sein. Ich mache mir aber keine Illusionen.

Ich habe viele Themen auf Halde, die ich wegen Stuttgart 21 verschieben muss. Dieses in jeder Hinsicht Irrsinnsprojekt muss gestoppt werden! Je mehr ich mich damit beschäftige, um so erschreckender sind die technischen Details und die Ignoranz gegenüber betrieblichen Erfordernissen, die selbst ein erfahrener Modellbahner erkennen kann. Hier hat sich eine Landeshauptstadt eingeredet, praktisch für lau einen neuen „Bahnhof“ mit Weltgeltung und viel Platz für Immobilienspekulanten zu bekommen. Doch Vetterleswirtschaft, Dummheit, Größenwahn, Provinzialität und Gier sind eine schlechte Melange. Sollte S21 nicht gestoppt werden, wird Stuttgart einen architektonisch schlichten, nicht zukunftsfähigen U-Bahnhof mit vielen absehbaren Problemen und eine Retortenstadt auf dem alten Gelände haben, die an Hässlichkeit nicht zu überbieten ist. Die achitektonischen und stadtplanerischen Fehlleistungen auf der anderen Seite des Bonatz-Baus fortzusetzen, kann nun wirklich kein erstrebenswertes Ziel sein. Ich hoffe auf Einsicht und rechne trotzdem mit dem Schlimmsten bei diesem Führungspersonal von Stadt, Land und DB.

Lassen wir uns deshalb die Begeisterung für Eisenbahnen, zeitgemäße Mobilität und Vernetzung nicht nehmen. Das sind im technischen Bereich neben Energie DIE Zukunftsthemen, wie die weltweite Renaissanc des Schienenverkehrs zeigt. Ich mache weiter und freue mich auf Ihre Anregungen und Kommentare.

Ihr und Euer

Friedhelm Weidelich

6 Kommentare

  • 1
    Bahnwelt TV:

    Herzlichen Glückwunsch zum einjährigen Bloggen. Wir lesen täglich mit. Weiter so!

    Gruß aus München

  • 2
    Matthias Knezy-Bohm:

    Herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen. Als gebürtiger Schweizer bin ich eigentlich ein grosser Bahnfan. Aber die DB hat es geschafft mich auf’s Auto zu verdrängen. Von daher finde ich diese Seite so wichtig und wertvoll! Ich will wieder Bahnfahren 😉

    Gruss aus Münster

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Ja, lieber Herr Knezy-Bohm, und vielen Dank. Die Schweizer haben es besser und demokratischere Strukturen. In Deutschland ist bei der DB die Kundenorientierung völlig abhanden gekommen und ich habe wenig Hoffnung, dass sich das mit so einem Bundesverkehrsminister und solchen DB-Vorständen ändert, die das System Bahn und seine Vorteile kaum verstehen und auch nicht verstehen wollen. Ein Kampf für die Bahn und ihre Qualität ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Aber ab und zu trifft man ja mal eine Lücke und kommt durch. 😉

  • 4
    Gerd Maron:

    Hallo Friedhelm,

    ich reihe mich mal ein in die Schar der Gratulanten. Es ist immer wieder ein Genuß Deine „Blogs“ zu lesen. Ich hoffe Du bleibst weiter am Ball, äh Blog.

    Gruß, Gerd.

  • 5
    Sebastian Matthes:

    Glückwunsch zum Einjährigen. Fachkompetenz und Leidenschaft: das funktioniert im Netz, Sie sind ein gutes Beispiel dafür. Weiter so!

  • 6
    Barbara Mauersberg:

    Unseren allerherzlichsten Glückwunsch zum ersten Geburtstag. Friedhelm Weidelich ist eine große Ausnahme unter den Bahnfans. Nicht weil er kritisch ist. Nein, da steht er nicht allein. Sondern weil man mit ihm auch über Ästhetik debattieren kann: Er will nicht nur eine gute Bahn. Sie muss auch schön sein. Weiter so!, sagen wir aus Berlin.

 
Get Adobe Flash player

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen