Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

S21: Nächtliche Beobachtungen und mittägliche Gedanken

19.08.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Verkehrspolitik)

Wie es zu erwarten war: Die Deutsche Bahn zieht den Abbruch des Nordflügels am denkmalgeschützten Stuttgarter Hauptbahnhof eisenhart durch. Rüdiger Grube ist der Vollstrecker. Einer, der im Hintergrund die Strippen zieht wie Kanzlerin Merkel und dem es egal ist, was die Öffentlichkeit über ihn denkt. Politik und Werben um Verständnis ist nicht seine Sache, er ist der kalte Macher. Denn er weiß: Er hat die Macht.

Friedliche Versammlung, 18.8.2010, 19:12

Deshalb rückten heute Nacht auch die Bagger an. Ich war gestern Abend froh, dass es eine (inzwischen leider stark überlastete) Webcam gibt, die auf den Nordflügel gerichtet ist und mit einem Mikrofon verbunden ist, das die Abend-Demo übertrug. Der nicht immer klar verständliche Ton und das Live-Bild signalisierten eine friedliche Versammlung mit besonnenen Rednern am Mikrofon und vernünftigen Teilnehmern. Nicht so vernünftig erschien mir, dass wohl das Ordnungsamt verfügt hatte, vor dem fast 4 m hohen Zaun Absperrungen und dazwischen Bereitschaftspolizei aufzustellen. Denn die Teilnehmer standen nun auf der Fahrbahn, die von der äußerst entspannt wirkenden Polizei nicht abgesperrt wurde. Um 20 Uhr verließen die Demonstranten den Ort, zurück blieben bestenfalls 10 Personen als Nachtwache.

23 Uhr: Der erste Bagger rückt an

Weil etwas in der Luft lag, schaute ich auch später immer wieder mit bis zu 550 Beobachtern in die Webcam. Gegen 23 Uhr fuhren in einer Blitzaktion mindestens acht Polizeifahrzeuge vor. Kurz darauf wurden die Handvoll Menschen der Nachtwache von einem Polizeiwagen überrascht, der entgegen der Fahrbahnrichtung über die Kreuzung preschte mit einem Kleinbagger im Schlepptau. Zweimal forderte die Polizei das Häuflein auf, den Platz zu räumen und sprach ein Platzverbot aus. Es bewegte sich lange Zeit nichts, dann rückte der Bagger vor ans Tor, stoppte eine Weile und fuhr dann durch die geöffnete Absperrung hinein. Ob die wenigen Menschen der Nachtwache weggetragen wurden, war nicht zu erkennen. Irgendwann muss es ein wenige Sekunden dauerndes Gerangel gegeben haben, als ein paar Bereitschaftspolizisten, die schon zu ihren Wagen liefen, kurz kehrtmachten, aber eine Minute später in die Wagen stiegen und wegfuhren. Niemand hinderte Autofahrer daran, in der scharfen Kurve zu den Parkplätzen auf die Menschenmenge zuzufahren. Gegen 1 Uhr hatten sich 100, vielleicht auch 200 Menschen versammelt, die allmählich den Heimweg antraten. Im Chat der Webcam-Website machten sich unterdessen agents provocateurs breit, verbreiteten Falschmeldungen über angeblich anrollende Bagger und überwiegend dummes Zeug auf dem Niveau von „Ätschbätsch, jetzt wird endlich gebaut und den Chaoten werden wir’s noch zeigen“. Das, was man von ungebildeten Menschen, die nicht wissen, dass sie dumm sind, eben erwarten kann.

Erschreckend fand ich die Mengen der Polizei-Mannschaftswagen, die im Vordergrund in engen Pulks vorbeifuhren. Ungefähr acht bis zehn hintereinander, zwei Mal. Es hatte etwas von Krieg und war doch nur ein harmloser Vorbote dessen, was noch kommen könnte.

Der Abbruchbagger ist da

Um fünf muss dann, begleitet von wenigstens 120 Polizisten, der Abbruchbagger angerückt sein. Die Bilder, die ich im Internet fand, signalisieren Härte und Unerbittlichkeit. Noch (um 12.00 Uhr) arbeitete der Abbruchbagger nicht, aber er ist die nächste Stufe der Eskalation eines Projekts, das gegen den Willen der Bevölkerung und vor allem gegen jede betriebswirtschaftliche und verkehrstechnische Vernunft durchgeprügelt werden soll. Um 18 Uhr soll es wieder eine Demo geben, morgen einen Schweigemarsch.

Die Presse außerhalb Stuttgarts, die – im Gegensatz zu den Stuttgarter Zeitungen – die Tragweite und den aberwitzigen Irrweg von Stuttgart 21 begriffen hat, hat inzwischen viele Argumente gegen S21 gesammelt. Ein teures Luftschloss, schreibt die Frankfurter Rundschau sehr treffend.

Die Neue Zürcher Zeitung beleuchtet das Projekt emotionslos und mit der Bedächtigkeit, die den Schweizern eigen ist. Zwar sind nicht alle bautechnischen Irrwege aufgelistet, doch das Fazit ist so, wie es im günstigsten Fall ausgehen wird:

In der Hitze des Gefechts, zu welchem der harsche Streit um den Neubau geworden ist, könnte Folgendes passieren: Der Nord- und der Südflügel des Bonatz-Baues werden abgerissen, weil die unter Druck stehende Deutsche Bahn glaubt, Fakten schaffen zu müssen – die Trassees und Tunnels aber, das Liniennetz, das den eigentlichen Sinn von «Stuttgart 21» ausmacht, wird nicht realisiert. Das wäre dann kein Schwaben-, sondern ein Schildbürgerstreich.“

Herr Grube – der Auto-Mann, dem so offensichtlich Einfühlungsvermögen und Eisenbahnverständnis fehlen – wird dann nicht mehr Vorstandsvorsitzender sein, aber ein paar wunderschöne Aufsichtsratsposten in Baden-Württemberg haben. Herr Mappus wird ganz sicher nicht mehr Ministerpräsident sein und Herr Schuster schon lange nicht mehr OB. Zur Verantwortung wird niemand gezogen werden, der Filz aus Politik, Wirtschaft und leider auch immer mehr der Justiz wird sich schon aus der Affäre ziehen. Aber die Stuttgarter (die Befürworter, die Gegner) und wir alle, die Steuerzahler, werden die Dummen sein.

Es könnte aber auch sein, dass Stuttgart 21 das Fass zum Überlaufen gebracht hat und eine Bürgerbewegung gegen „die da oben“, die von unserer Arbeitskraft schmarotzen, auslöst. Die Arroganz der Macht in Stuttgart und Berlin – sie ist unerträglich geworden. Nicht ohnmächtige Wut ist jetzt angesagt. Es ist Zeit für Zorn, wie Georg Schramm sagt.

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