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Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Die Allianz der Fakten-Ignoranten bekommt mehr Gegenwind

19.08.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn)

Die Demo heute muss mit fast 4000 Teilnehmern ein friedliches, lebensfrohes Erlebnis gewesen sein. Glückwunsch an die mutigen Demonstranten aus allen Bevölkerungsschichten und Altersklassen! Allmählich müsste den S21-Verantwortlichen etwas dämmern.

Es ist zwar erstaunlich, wie sehr sich die Auslöser der Proteste verstecken – sowohl körperlich als auch hinter hohlen Phrasen und blanken Lügen. Doch die Fakten – leider ist „fakten“ auch das Pseudonym eines vermutlich professionellen Hetzers in allen Foren und Kommentarspalten, der noch in den Kategorien Kiesingers denkt und die letzten 40 Jahre wohl schon im S21-U-Bahnhof probegewohnt hat  – werden allmählich erdrückend.

Die Frankfurter Rundschau hat sich mit Fakten beschäftigt und Zugang zu Papieren, die die Deutsche Bahn lieber unter Verschluss gehalten hätte: Ein geheimes internes DB-Papier für Konzernchef Grube vom Dezember 2009, das der FR vorliegt, beweist, dass die Alternative zu S21, die Modernisierung des bestehenden Kopfbahnhofs, mit 340 Millionen Euro bis 2020 einen Bruchteil der S-21-Summen kosten würde. Auch der Ausstieg aus S21 wäre viel günstiger als behauptet. Die bisher entstandenen Kosten bei der DB beziffert das Geheimpapier auf gerade mal 73 Millionen Euro. Der Bahn würden aber die versprochenen Steuermilliarden entgehen. Und so winkte Bahnchef Grube S21 trotz Bauchschmerzen durch. Denn die meisten Risiken tragen am Ende die Steuerzahler. Hier bei der FR nachzulesen.

Ich liebe Ironie, und so ist es ein glücklicher Zufall, wie sich unter dem FR-Beitrag die Schlagzeilen aus Redaktion und Werbung realsatirisch vermengen:

Intelligenz macht aus weniger mehr – nur die Bahn hat's nicht gewusst

Nach und nach kommen immer mehr Stolpersteine ans Licht, die nur ein Moschtkopf ignorieren kann. Die Stuttgarter Nachrichten berichten von der nächste Woche beginnenden Beweissicherung für 600 Häuser im Umfeld der Tunnel und den 3000 (!) Grundstücken, die die DB noch kaufen muss. Sie muss auch für weitere 3000 Grundstücke Unterquerungs- oder Überfahrrechte in die Grundbücher eintragen, was sicher an ein paar Tagen erledigt ist, völlig ohne juristische Händel abgeht und dann leider als unglücklicher Umstand, mit dem man nun wirklich nicht rechnen konnte, die Projektkosten um ein paar hundert Millionen anhebt. Von der Haftung für Bauschäden an den Villen über den Tunneln einmal abgesehen.

Der SWR erklärt kompakt die Engpässe, die schon lange bekannt sind und von der Deutschen Bahn beharrlich ignoriert werden.

Und selbst dem renommierten Architekten Frei Otto, der mit Ingenhoven vor 20 Jahren etwas entwickelt hat, was man heute nur noch als Futurismus und Größenwahnsinn aus einer längst vergangenen Epoche ansehen kann, hat große Zweifel an der Machbarkeit von S21.

Bahnhöfe werden heute nicht mehr versteckt, sie zeigen sich selbstbewusst wie etwa in Liège-Guillemins. Dafür braucht man aber auch eine Eisenbahn, die nicht von einem Auto-Manager verwaltet wird und Landes- und Lokalpolitiker, deren Horizont etwas weiter als bis Ludwigsburg, Böblingen und Sigmaringen reicht.

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