Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Lesestoff

28.08.10 (Bahnhöfe, Deutschland)

Regenbogen über dem Bahnhof

Manche deuten es als Zeichen. Bevor sich die 40.000 bis 50.000 Bürger zu einem Demonstrationszug durch die Stadt in Bewegung setzten, klarte der Himmel auf und ein Regenbogen erschien. Twitterer „bieberle“ kommentierte: „Nachdem der liebe Gott sich gestern eindeutig zu den S21-Gegnern bekannt hat, wäre es Zeit, dass seine beiden Kirchen es ihm nachtun.“ Die scheinen noch den Schlaf der Gerechten zu schlafen und die gesellschaftliche Brisanz nicht zu erkennen. Denn es hat sich ein Aufstand gegen die Obrigkeit und Unternehmer gebildet, die sich von den Bürgern – gemeinhin von Politikern „Menschen“ genannt – abgekoppelt haben und ihre eigenen Geschäfte und Spielchen betreiben. Stuttgart ist nicht das erste Beispiel dafür, doch es ist das teuerste und dreisteste Projekt, das es in der Bundesrepublik je gab.

Die ZEIT berichtet nüchtern und faktenreich über die gestrige Großdemonstration: Mit zivilem Ungehorsam gegen Stuttgart 21. Die Kommentare unterscheiden sich wohltuend von denen in den Stuttgarter Zeitungen.

Während die Tagesschau das Thema weiterhin mit 40-Sekündern und spektakulären Bildern nervt, die Aggression suggerieren, obwohl friedlich demonstriert wird, berichtet das Schweizer Fernsehen wohltuend ausgewogen. Der SWR brachte gestern eine viertelstündige (!) Sondersendung mit einem alten Einspielfilm, überholten Zahlen und einem nervösen Pressesprecher Drexler, dessen Argumente so abgedroschen wie falsch sind. Die ganze Sendung war aus meiner Sicht unqualifiziert, zu kurz, schlecht vorbereitet. Nur der Grüne Kretschmann versuchte zu überzeugen, doch es fehlte die Zeit für Fundiertes und überhaupt der Wille, das Projekt auch nur ansatzweise zu beleuchten.

Die Zeitung Freitag kritisiert, wenn auch in kurioser Aufmachung in ihrem Blog, ebenfalls die Tagesschau.

Lesenswert ist auch, was junge Stuttgarter Architekten über Stuttgart 21 schreiben. Die Damen und Herren sind vom Fach.

Auszug: Allein schon ein Blick auf das Areal hinter dem Bahnhof zerstäubt die Illusionen, dass die städtebauliche Chance von Stuttgart 21 genutzt werden wird. Nur der Würfel von sprödem Charme, in den 2011 die Stadtbibliothek einziehen soll, ist hier bislang kein Bürogebäude. Neben der Bibliothek werden weitere Bürogebäude entstehen, auf Grundstücken, auf denen 2007 noch hauptsächlich Wohnungen entstehen sollten. 43.000 Quadratmeter Verkaufsfläche sollen in einem Shopping Center entstehen, 24.000 weitere schon bald in der Innenstadt im nun endgültig beschlossenen “Quartier S”  – für kleinere Läden wird es schwierig werden. Für dieses Quartier S hatte man sich lediglich zu einem Fassadenwettbewerb durchringen können – nicht unbedingt die Methode, um zu einer guten Lösung zu kommen.

Ingenhoven, auch Architekt und für den U-Bahnhof verantwortlich, argumentiert in Interviews immer noch, dass dort preiswerter Wohnraum entstehen würde. Offenbar sind die vorgelegten Simulationen, auf denen entspannte Menschen neben den Lichtaugen zeigen, die wohl anders ausgerichtet sind als in den lichtdurchfluteten Bildern, auch nicht korrekt. Das Licht würde in einem anderen Winkel einfallen. Außerdem dürfte der Deckel auf dem U-Bahnhof weit höher liegen als der Park.

Wir dürfen weiter davon ausgehen: Es wird anhaltend mit gezinkten Karten gespielt. Doch Stück für Stück kommen Fakten und Dokumente ans Licht, die zeigen werden, dass Stuttgart 21 so solide geplant ist wie ein Kartenhaus.

So wie der Mitarbeiterbrief von Bahnchef Grube, den ich gestern der Wirtschaftswoche zur Verfügung gestellt habe und der durch alle Medien ging. 270 Twitterer haben ihn bis jetzt heruntergeladen. Gestern hatte ich 1344 Besucher auf diesem Blog, vorgestern sogar 1993.

Die Aggressivität, wie Grube auch heute den Nordflügel zerstören lässt, schockiert mich. Der erste Teil ist noch nicht abgebrochen, da wird schon der zweite Baukörper zerstört. Grube hat zu einem Runden Tisch eingeladen, nichts als eine Täuschung des Gegners. „Allerdings werde er für die Zusammenkünfte keine Bedingungen akzeptieren“, schreibt dpa. So sprechen Despoten. Grube ist ein hinterhältiger Taktiker, dem ich nicht trauen würde. Er ist kein Ehrenmann. Nur auf das Wort eines Ehrenmannes kann man sich verlassen.

Welche Kräfte da am Werk sind, zeigt auch dieses investigative Video vom Weindorf. Bitte unbedingt den Text lesen, der erklärt, wer da so vertraulich herumtätschelt. Auch die erstarrten Mienen der Damen sind sehenswert.

 
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