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Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21 revisited: Blenden und Gegner diffamieren

23.08.10 (Bahnindustrie, Eisenbahn)

Ingenhovens "Sky Office" in Düsseldorf: Glas, ein paar Wölbungen, geneigte Dächer (Foto: Friedhelm Weidelich)

Ich gebe zu, dass ich Architekt Christoph Ingenhoven eine gewisse künstlerische Kreativität zugebilligt habe. Doch je öfter ich seine Ausführungen lese, die von wenig Fähigkeit zum Zuhören und Abwägen von Argumenten, aber sehr viel Überheblichkeit gekennzeichnet sind, und je öfter ich seine Zeichnungen studiere, umso mehr halte ich ihn für einen branchenüblichen Blender. Ingenhoven ist offenbar einer, der in der Vergangenheit stehengeblieben ist und schreiende Monumentalarchitektur in die Städte setzt, die sich einen Dreck um die Umgebung schert. Sie sehen es an diesen Bildern aus Düsseldorf. Ein zunächst elegant wirkendes Hochhaus, das auf den zweiten Blick wenig Qualität im Detail hat: Die leicht gekrümmte Fassade in der linken Hälfte, die schräge Dachfläche – das soll alles sein? Die Umgebung wird erschlagen. Das ist anmaßend, aber investorenfreundlich. In Düsseldorf, auf eine ganz andere Art größenwahnsinnig wie Stuttgart, hat man das gern. Da wird dann auch schon mal gern ein Bau aus der Zeit um 1915 weggerissen und die Straßenbahn in den Untergrund gedrängt. Die Autos zum Glück auch, aber nicht selten mit Unverstand.

Ingenhovens Vorstellung von Baukunst: Erschlage die Umgebung (Foto: FW)

Wie Ingenhoven denkt, wird an diesem Kaufhaus in Lübeck sichtbar: Ein überaus simpler, billiger Plattenbau, der auf seine Umgebung keinerlei Rücksicht nimmt. Darauf ein Dach, das wie aus alten Kotflügeln zusammengesetzt ist und „modern“ wirken soll. Für mich ist das architektonischer Schrott der 80er Jahre, der bei einem Parkhaus oder einem Oldtimer-Museum wenigstens  einen gewissen Witz hätte. Aber in so einer Umgebung? Merke: Wenn sich Modernität in der Form des Daches erschöpft, ist es Ingenhoven. So wie die Lichtlöcher über Stuttgarts U-21.

Ingenhoven greift in der FAZ erst einmal die Grünen an. Wow, das nenne ich souverän. 😉 Mit Wortgeklingel wird mal eben die architekturgeschichtliche Einordnung des Stuttgarter Bonatz-Baus vom Tisch gewischt: „Ihn (Bonatz) als Heroen der Frühmoderne zu verklären, wie es jetzt geschieht, finde ich eher ahistorisch. … Was den Bahnhof angeht, hatte er weit über das später Gebaute hinausgehende Visionen, die für mich schwer verdaulich sind und in Richtung Ritterburg oder Walhall gingen. Davon zeigt auch das bestehende Denkmal noch viel.“

Wo denn? Hat der Architekt noch nie eine Ritterburg oder Walhalla gesehen – oder den Stuttgarter Hauptbahnhof noch nicht. Eine Ritterburg kann man nicht an dem Bahnhofsturm oder den Fenstern festmachen und die Treppenhäuser und die Wartehalle haben nichts mit einer Walhalla zu tun. Die Symmetrie der Baukörper an der Heilbronner Straße und die Bruchsteinmauern mit den vielen kleinen Fenstern zeigen in der Tat ganz andere stilistische Richtungen an. In Wikipedia wird der Bahnhof so beurteilt: „Das Bauwerk steht für Stuttgart an der Nahtstelle vom 19. zum 20. Jahrhundert. Es ist sowohl durch konservative Elemente, die sich unter anderem in der Monumentalität und dem Bauschmuck zeigen, wie auch durch progressive Teile geprägt, welche sich im Kompositionsprinzip, mehrheitlich flacher Dächer und weiteren Elementen zeigen. Das Bauwerk zählt zu den bedeutendsten Leistungen der Architektur seiner Zeit im süddeutschen Raum.Größenwahn und ausgeprägte Selbstdarstellung gehört seit jeher zu den Eleven der Düsseldorfer Kunstakademie. Ab und zu ist auch mal ein wirklicher Könner dazwischen. Ingenhoven gehört m. E. nicht dazu.

Eine Stadt mit viel Billigarchitektur und dem neuen Bücherknast, der eher einem Alptraum und der Vorarbeit der Plattenhersteller entsprungen sein muss, wird nicht dadurch „modern“, dass sie einen – glaubt man den Sprüchen – interplanetarisch bedeutsamen paneuropäischem Knotenbahnhof dysfunktional unter die Erde setzt. Wo doch längst, wie in Lüttich, wunderschöne, moderne Bahnhöfe entstanden sind, die sich nicht verstecken wollen.

Nun hat Ingenhoven die Stuttgarter Lichtlöcher noch etwas vergrößert und mit einem Zaun versehen, damit Skater die Glasflächen nicht benutzen. Offen lassen kann man sie ja nicht, Gitter wären zwar passend zur Denkweise der S21-Freunde, aber nicht so edel. Obwohl, Edelstahl kommt doch immer gut! 😉

Das hier gezeigte Bild (Bild 6) ist ein Armutszeugnis der Architektur und macht deutlich, dass der amputierte Bonatz-Bau nur noch wie eine Kirche in der Gegend herumsteht, umfasst von den primitiven Quadern und Würfeln, die nur „Investoren“ für modern halten. Den von dem grünen MdB Winfried Hermann in einem Gastkommentar im Handelsblatt, das sonst gern das willige Sprachrohr der DB-Vorstände ist, genannten Argumente gegen den engen und vor allem unzweckmäßigen U-Bahnhof kann ich kaum etwas hinzufügen. Da ich Köln Hbf und Hamburg-Dammtor gut kenne und die Enge dort: Genau das wird in Stuttgart gebaut, allerdings dazu noch in einer Katakombe mit ohrenbetäubendem Lärm, der Abwärme der vielen Menschen und Züge und dem Zwang, erst einmal die Treppen nach oben erklimmen und gegen Menschenströme ankämpfen zu müssen, die da in stickiger Höhe unter der viel zu niedrigen Decke ihren Weg zu bahnen versuchen. Von den Bahnsteigen abgesehen, die auf 420 m Länge von einem Ende zum anderen über 6 m Gefälle haben. Perfekt zugeschnitten auf die alternde Gesellschaft, kann man da nur noch mit Sarkasmus sagen. Wie die alte Bahnhofshalle angebunden ist, zeigt Ingenhoven immer noch nicht. Ein paar Treppen abwärts, dann im Zweifelsfall zwei zu schmale Brücken über das Gleisfeld vermutlich. Was hat das mit Gestaltung und Architektur zu tun? Das kann jeder Ingenieur. Oder will er die Fahrgäste unter den runden Glasdächern (Machart Traglufthalle) am alten Gebäude vorbei in den Untergrund führen, wie die CAD-Zeichnungen in feinem Pastell zeigen? Dann kann man den Bahnhof toll zur Ladenzeile ausbauen. Dafür sind Bahnhöfe schließlich da.

Es ist interessant, wie die S21-Strategen nun alle Geschütze auffahren: Diffamierung der Gegner, nicht eingehen auf Gegenargumente, Selbstdarstellung als Vertreter der Moderne, Verurteilung der Gegner als rückständig, Plattitüden und Festhalten an den Ideen von 1990. Und diverse Zeitungen machen gerne mit.

Bahn-CEO Grube wiederholt unterdessen die alten Plattitüden und längst widerlegten Argumente und zeigt sich gnadenlos, mit ein paar Floskeln, die ihm, dem Vollstrecker dämlicher Pläne, etwas Menschliches geben sollen. Das er nicht hat.

Die S21-Nutznießer stehen mit dem Rücken an der Wand. Sie wissen, dass sie die schlechteren Argumente und schon verloren haben.

Die Pro-S21-Kämpfer wollen nicht einsehen, dass sie die Vertreter einer Ideologie und Vorstellung von Stadtplanung sind, die von vorgestern, nicht einmal von gestern ist. Sie werden weitermachen, bis Blut fließt. Die Besonnenheit der Demonstranten und eine höhere Macht werden das hoffentlich verhindern.

 
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