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Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Darmstadt hat den Bahnhof des Jahres und Stuttgart bald keinen mehr

01.09.10 (Bahnhöfe, Deutschland)

Ein Bahnhof am Park: Darmstadt (Fotos: Allianz pro Schiene / Gerd Kittel)

Ich habe diesmal lange überlegt, ob ich diese Pressemitteilung ins Netz stelle. An einem Tag, als kreuzbrave und gut bürgerliche Stuttgarter vor dem Dienstsitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Mappus mit Schuhen werfen, um nach orientalischer Art ihre tiefe Verachtung zu zeigen für die Betonkopf-Haltung, die man nur aus der Endphase der DDR bei Honecker und seinem Politbüro kannte. Mappus war nicht da, sondern tändelte am Bodensee durch’s Ländle, im Bus. Für 600 Millionen kann man von der DB schließlich keinen Sonderzug erwarten. Unterdessen gingen die Abrissarbeiten am Nordflügel so schnell voran wie noch nie, geschützt von einem Heer von Bereitschaftspolizisten, wie es bisher noch nicht zu sehen war. Während auch Ramsauer und die Stuttgarter SPD ihre hohe Kompetenz zeigten und in Stuttgart einfach so weitermachen wollen, ließ sich Grube mit André Zeug, Vorstandsvorsitzender der DB Station & Service AG, von der Allianz pro Schiene feiern. Genau die Männer, die für die verkommensten Bahnhöfe in Deutschland und den Abbruch von Stuttgarts Hbf zuständig sind. Da kommt einem die Galle hoch.

Doch weil die Leute bei der Allianz pro Schiene so feine, engagierte Leute sind und man zeigen muss, wie Bahnhöfe aussehen können und müssen, stelle ich den ersten Bahnhof vor. Das positive Urteil über Baden-Baden kann ich nicht nachvollziehen. Dieser Bahnhof hat so gar nichts, und schon gar keine Taxis, wenn ein ICE ankommt.

Ein wunderbarer Kontrast zu dem Loch von U-Bahnhof, das in Stuttgart unter einem primitiven Betongewölbe entstehen soll.

Hier ein Auszug aus der Pressemitteilung:

Zum siebten Mal in Folge zeichnet die Allianz pro Schiene die kundenfreundlichsten Bahnhöfe Deutschlands aus. In der Kategorie „Großstadtbahnhof“ gewann der Darmstädter Hauptbahnhof, dessen Innen- und Außenauftritt bei der Jury eine „heiter gelassene Grundstimmung“ erzeugte. In der Kategorie „Kleinstadtbahnhof“ gewann Baden-Baden, das – so das Votum der Jury – „seine Reisenden mit offenen Armen empfängt“. „Bahnhöfe gehen uns alle an. Mehr als andere öffentliche Gebäude prägen sie das Gesicht einer Stadt“, sagte Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene. „Unser Titel zeichnet deshalb nicht nur ein Bahnhofsmanagement aus, sondern zugleich auch die Stadt und das Bundesland.“ Im Sinne der Reisenden müssten Bahn, Stadt und Land gemeinsam planen und investieren, sagte Flege. „Die Deutschen sind mit Luxusbahnhöfen nicht gerade verwöhnt. Aber die Sehnsucht danach wächst.“

Darmstadt Hauptbahnhof: Deutschlands Grünster
In Darmstadt gefiel vor allem das Grün vor dem Haupteingang. „Blumenbeete auf dem Vorplatz, das gibt es öfter, aber welcher Bahnhof liegt schon gleich an einem Park?“ Deutschlands Grünster begeisterte die 5-köpfige Jury aus Vertretern des Fahrgastverbandes Pro Bahn, dem Deutschen Bahnkunden-Verband (DBV), dem Verkehrsclub Deutschland (VCD), dem Autoclub Europa (ACE) und der Allianz pro Schiene aber auch durch seine Innenansicht. Der Riese aus grauem Naturstein zeigte den Bahnhofstestern seine frisch modernisierte helle Halle, in der sich Glas und Jugendstillampen gut miteinander vertragen. Eine sehr persönliche Ansprache am Schalter, die roten Ledersessel im Reisezentrum und das sommerliche Rauschen der Kastanie am Restaurant Fürstenbahnhof gaben für Karl-Peter Naumann von Pro Bahn den Ausschlag: „Darmstadt, das ist eine Wohltat für Reisende“, sagte Naumann und betonte, dass auch die Anschlüsse zur Stadt sehr gelungen seien: „Die strikte Trennung des Autoverkehrs von den öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Bahnhofsvorplatz und die vorbildliche Information zu den weiterführenden Verkehrsmitteln haben aus dem Darmstädter Hauptbahnhof ein Paradebeispiel für die Verknüpfung der Verkehrsmittel gemacht.“

 

Als Architektur mehr als Stahlträger und Glasscheiben waren: Darmstädter Bahnhofsuhr

Lichte Hallen in zeitgenössischer Architektur von bleibendem Wert, wenn sie gepflegt wird

Bei dieser Gelegenheit sei noch angemerkt, dass der für Stuttgart U-Bahnhof zuständige Architekt Ingenhoven momentan überall Zeichnungen des Bahnhofs streut, die mit dem geplanten Endprodukt so viel zu tun haben wie eine Bleistiftskizze mit einem Ölgemälde: Bäume auf dem Dach, elegant geschwungene Stützen, riesige Lichtaugen, ohne Oberleitungen und mit freiem seitlichen Durchblick zu den Bäumen im Schloßpark. Wunderschön, wenn auch in der künstlerischen Freiheit mit so wenig Substanz, dass man die Skizze mit ihren hauchdünnen Origami-Deckengewölben nicht einfach umsetzen kann. Nichts davon ist übriggeblieben in den aktuelleren Simulationen, in denen mal eben die Sonnenstrahlen so zurechtgebogen sind, dass sie das öde Innere beleuchten.

Lügen, Propaganda, Desinformation nach Stasi-Art und die Vorspiegelung falscher Tatsachen sind Bestandteil der größten und teuersten Verarschung, die sich Politiker, Bahn, Banken und baden-württembergische Unternehmer je geleistet haben. Die Politiker, da bin ich sicher, wird ein schwäbischer Bürgeraufstand aus dem Amt jagen. Denn sie tun in ihrem DDR-regimeartigen Starrsinn, den zu beschreiben mir die Worte fehlen, alles, dass die Emotionen weiter hochkochen. Den Bürgern wird täglich aufs Neue gezeigt, dass sie den Verantwortlichen vollkommen egal sind. Doch der Polizeischutz kann nicht ewig währen. Wasserwerfer und inzwischen wohl Tausendschaften von Polizisten können nicht auf Dauer verhindern, dass wegen der unerträglichen Arroganz von Grube, Mappus, Schuster und Co. auch bei gutmütigen, brav konservativen und immer noch obrigkeitshörigen Bürgern der Kragen platzt und sich die angestaute Wut entlädt.

Dass es nur noch ein kleiner Schritt ist zu Straßenblockaden, Sabotage, brennenden Autos, Plünderungen und einer lahmgelegten, nicht mehr beherrschbaren Landeshauptstadt, war heute spürbar, als die Heilbronner Straße kurzzeitig blockiert wurde und ein Panamera-Fahrer ansetzte, die Blockierer umzufahren. Eine winzige radikale Gruppe könnte im schlimmsten Fall dafür sorgen, dass die gequälten und gedemütigten, bewundernswert friedlichen Bürgerseelen Dampf ablassen werden. Die Glut ist gelegt, nun fehlt nur noch ein kleiner Funke, bis der stinknormale Bürger auf die Straße geht und Dinge tut, die sich niemand wünschen kann.

Derart bornierte Politiker und Bürokraten wie in Baden-Württemberg und Berlin habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Es ist Zeit für einen Wandel. Er wird kommen, und er kommt aus der bürgerlichen Mitte. Stuttgart ist der Anfang.

4 Kommentare

  • 1
    Joachim Bochberg:

    Hallo Herr Weidelich,

    wenn Sie ein schönes Beispiel brauchen, wie die Kapazität eines historischen Kopfbahnhofs durch einen Tunnel erweitert werden kann, dann schauen Sie sich mal Antwerpen Centraal an – mir ist der Mund offen stehen geblieben vor Staunen. So schön können Bahnhöfe sein!

    Schöne Grüße

    Joachim Bochberg

  • 2
    Matthias Knezy-Bohm:

    …eigentlich wäre es doch ganz einfach in Stuttgart. Wenn es denn unbedingt ein Durchgangsbahnhof sein muss, könnte der ja parallel zum Rosensteinpark entstehen (parallel nicht in den Park!). Das Gelände gehört der Bahn, die benötigten Gleisanschlüsse liegen schon und könnten abschnittweise an die Bedürfnisse angepasst werden. Und die Stadt könnte das frei gewordene Gleisfeld überbauen (überbauen nicht verschandeln!). Zugegeben, der Bahnhof ist dann nicht mehr in der Mitte der Stadt, aber da dürfte den findigen Ingenieuren doch was einfallen. Ein Förderband aus Gold oder so 😉

    MKB

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Hallo Herr Bochberg,
    danke für den Tipp. Ich haben den Bahnhof in seiner alten Form schon sehr schön gefunden. Während die Belgier in Brüssel einen unübersichtlichen Bahnhof konstriert haben, sind überall im Land sehr schöne Bahnhöfe entstanden. Dass man auch alte Bahnhöfe ohne Abriss unterirdisch erweitern kann, zeigt ja auch Zürich Hbf.
    Davon abgesehen ist das Stuttgarter Projekt nach wie vor betrieblich und eisenbahntechnisch blanker Unsinn. Ich bin mir fast sicher, dass die Tunnel nie gebaut werden und die Bodenwanne von U-Bahnhof dann sinnlos herumstehen wird. Der übereilte Abbruch ist die pure Machtdemonstration eines Herrn Grube, dem ich inzwischen Null Kompetenz in Sachen Eisenbahn zubillige. Warum müssen Manager eiskalte Sadisten sein? Aber das scheint bei manchen zum Berufsbild zu gehören. Menschen mit Charisma tun so etwas nicht.
    Hoffen wir das Beste!

  • 4
    Carsten Klug:

    Ich verstehe nicht, warum man in Stuttgart nicht schon früher massiven Protest organisiert hat. Haben die Politiker vorher gelogen? War nicht bekannt, dass man Teile des alten Bahnhof abreißt?
    Warum hat man auch nicht mal zum deutschen Nachbarn Belgien herübergeschaut. Dort wurde ein wunderschöner Kopfbahnhof im Kathedralenstil (1905 vollendet, 10 Kopf-Gleise, mit Kuppelbau von 75m Scheitel-Höhe!), bei laufendem Betrieb von 1998 bis 2007 für den Fernverkehr und die Hochgeschwindigkeitszüge zum Durchgangsbahnhof unterirdisch ausgebaut. In der neuen Tiefebene gibt es zwei Bahnsteige mit jeweils einem der beiden Durchgangsgleise, die von Amsterdam-Schiphol und Rotterdam kommend auf 1200 m Tunnel-Länge einen Teil Antwerpens in Richtung Brüssel unterqueren, plus je ein zweites Gleis. Oben auf der alten Ebene wurden 6 Kopfgleise belassen und vier in eine Zwischenebene nach unten verlegt. Der Bau dauerte fast 9 Jahre, war ein Riesenaufwand und soll 1,6 Mrd. Euro gekostet haben. Die Schnellstrecke Schiphol-Rotterdam-Antwerpen (größtenteils als PPP gebaut) soll 7,2 Mrd. € verschlungen haben. Der Thalys fährt erst seit letzten Dez., und erst seit Juni 2010 mit maximaler Geschwindigkeit und braucht für die rund 140 km von Amsterdam-Centraal nach Antwerpen-Centraal 1h:12min. Es gibt – je nach Wochentag – zwischen 8 und 10 Verbindungen in jede Richtung.
    Der Aufwand hat die Fahrtzeit von Amsterdam nach Brüssel um eine Stunde verkürzt. Angeblich sollen die Prognosen für das Fahrgastaufkommen allerdings zu günstig berechnet worden sein. Jetzt sollten mal die Profis bzw. Eisenbahnkenner rechnen und recherchieren, was der ganze Spaß kostet und ob sich das amortisiert (und wieviel beim belgischen bzw. niederländischen Steuerzahler hängen bleibt!); wie kann man dieses Projekt im Vergleich zu „Stuttgart 21“ sehen bzw. kann man daraus etwas lernen? In Deutschland gab es auch in der Vergangenheit sehr umstrittene Streckenführungen, wo man entweder aufwändigst durch’s Mittelgebirge bauen musste, um bestimmte Städte aus politisch erzwungenen Gründen (z.B. in Thüringen) anzubinden und andererseits hat man auf der Haupt-ICE-Strecke nach Berlin die Landeshauptstadt Magdeburg abgehängt. Dort gab es längst nicht die Reaktionen wie jetzt in Stuttgart. Andererseits hört man nichts über die Beseitigung des Nadelöhrs Frankfurt-Hanau, wo dringend ein viertes Gleis gebaut werden müsste. Dorthin investiertes Geld würde sich sicher schneller rentieren. …

 
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