Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die DB bringt Sie/es hin: buchstäblich ein Tag des offenen Denkmals

12.09.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Marginalien)

Heutiger Beitrag der DB zum Tag des offenen Denkmals: So schön können Ruinen sein. (Foto: Fluegel.tv)

Heute ist der Tag des offenen Denkmals. Die Deutsche Bahn muss da etwas falsch verstanden haben. Gestern noch biss der Abbruchbagger eifrig eine Ecke des dritten Teils am Nordflügel weg. Nun präsentiert sich das denkmalgeschützte Bauwerk buchstäblich offen: Mit offenen Fenstern, einem offenen Dach und dem freien Blick in die Innenräume des Nordflügels des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Begehen lässt sich die malerische Bahnhofsruine nur in Teilen, der Nordflügel wird von Bereitschaftspolizisten geschützt. „Der Gebäudehauptteil und der auch aus großer Entfernung sichtbare Bahnhofsturm in der Achse der Königstraße wird stehenbleiben“, verkündete Tanja Gönner, die hellsichtige Verkehrsministerin, einfühlsam am Landesdenkmaltag ihren überglücklichen Landsleute. Was die Stuttgarter Zeitung auf die hinreissende Headline verdichtete: „Denkmalschutz: Bahnhofsturm bleibt stehen!“ Wenn das nicht gute Nachrichten sind! Der Mercedes-Stern kann sich weiterdrehen! Subber! Dess hot Glasse und Stihl!

Die Webcam von www.fluegel.tv überträgt fleißig den Schuttgart21-Blues in alle Welt. Sie zeigte am Freitagabend, live von einem Wägelchen aus per MacBook Pro, UMTS-Stick und Helmkamera, wie um die 68000 Menschen aller Altersklassen Menschenketten bildeten und friedlich demonstrierten. Die Polizeipressestelle hat wohl die Anweisung, die Zahlen möglichst zu halbieren und sprach von mehreren Zehntausend. Die Agenturen übernahmen diese Nicht-Information oder dengelten sie mit einer auffallenden Liebe zu unpräziser Recherche und Verniedlichungen zu 35000 um. Man will sich’s mit den Oberen ja nicht verscherzen, wo die ja sowieso nur selten mit den Medien reden in ihrer Mercedes-Wagenburg. Na gut, einer fährt Ferrari und zeigt damit, in welchem Milieu er sich positionieren will.

Ministerpräsident Mappus hat endlich eingesehen, dass das Projekt Stuttgart 21 immer noch nicht gut genug in der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Die guten Argumente hat Mappus ja. Er hat sie seinem Pressesprecher nur vorenthalten, und so hat der (Daimler inside) jämmerlich versagt. Nun muss ein neuer ran (brutalstmöglicher Koch inside). Der wird den doofen und widerborstigen Stuttgartern – da bin ich sicher – in elegantester Weise vermitteln, dass ohne Stuttgart 21 die Zukunft verspielt wird. Mit Stuttgart 21 allerdings noch viel besser, aber dann haben wenigstens einige etwas davon. Jene von der Spätzles-Maultaschen-Connection, und darauf kommt’s doch letztlich an. Die Wirtschaft muss florieren, das ist in Baden-Württemberg so Brauch. Koste es, was es wolle. Dr Bôhhof koscht uns nix. Do gwinne mr Bauland firr Inveschtoora. Also wirt dess durchzoga. Nootfalls halt knipplhart mittr Bolizey.

Da passt es gut, dass nun auch Frau Merkel den Energieriesen ein paar Dutzend Milliarden an Gewinnen schenkt, weil die ihre alten Atomkraftwerke sehr günstig weiterbetreiben können. Immerhin 1,6 Milliarden fließen in die Staatskasse, leider viel zu wenig, um die völlig unvorhergesehen gestiegenen Kosten von Stuttgart 21 und die nächsten Löcher bei der HRE zu stopfen. Wie kommentiert doch GdP-Bundesvorsitzender Konrad Freiberg: „Die Atompolitik ist das jüngste Beispiel dafür, wie sehr sich die Politik von Bürgerinnen und Bürgern abzusetzen scheint. Die Verlässlichkeit in von politischen Entscheidungen scheint einer sich an tagesaktuellen Ereignissen orientierenden Beliebigkeit und einer zu großen Nähe zur Wirtschaftslobby gewichen zu sein.“ Ja, darf der denn das? So weit sind wir schon, dass die Polizeigewerkschaft das sagt, was die Bürger spüren?

Wie gut, dass es noch „Menschen“ gibt, die sich für die Wirtschaftsdemokratie des freien Fuchses im freien Hühnerstall einsetzen und dem Stuttgarter Pöbel sagen, was von ihm zu halten ist. Der Wirtschaftsrat der CDU Baden-Württemberg formuliert es feinsinnig: „Es kann einfach nicht sein, dass unsere Demokratie von der Straße her beherrscht wird. Das ist fatal und beschämend für unser Land und seine internationale Außenwirkung.“ Nein, das kann nicht sein, weil es nicht sein darf. Wie steht die CDU denn jetzt da? Berlusconi grinst sich bestimmt einen, wenn er dieses Straßentheater in Stuttgart sieht, da hat er andere Mittel. Die Stuttgarter Verleger sollen ja ihren Pro-21-Kurs etwas zurückgenommen haben, weil der Pöbel die Zeitungen wegen einseitiger Berichterstattung abbestellt hat.

Wunderbar, dass nun auch Rüdiger Grube seinen Leiter Kommunikation vorschickt, um His Master’s Voice zu verbreiten: „Die Deutsche Bahn begrüßt die Erklärung, die der Konvent für Deutschland mit Blick auf die Demonstrationen zum Projekt Stuttgart 21 veröffentlicht hat.“

Die netten Herren vom Konvent, der ein Sprachrohr der neoliberalen Spin-doctors ist wie die INSM auch, die jede Woche die Talksshows unter anderen mit dem unsäglichen Hans-Olaf Henkel bestückt, veröffentlichten am 9. September folgenden richtigen Satz: „Die Menschen (gemeint sind wir, die Bürger) brauchen mehr Wahrheit!“ Um dann ohne Punkt und Komma fortzufahren: „Es ist aber auch Aufgabe der Politik die auf demokratischem Wege getroffenen Entscheidungen nicht einem zusammengewürfelten Straßenwiderstand zu opfern.“ Genau, dieses Lumpengesindel! Auf demokratische Entscheidungen ist in Deutschland Verlass: Der Ausstieg aus der Atomenergie wurde jetzt ja konsequent wegen geltender Verträge durchgezogen!

Zum Konvent-Pamphlet der law-and-order-Lobbyisten sagt der DB-Vorstandsvorsitzende und Demokratietheoretiker Dr. Rüdiger Grube: „Diese Erklärung ist ein wichtiger Beitrag zu einer Versachlichung der Debatte. Denn bei allem Respekt vor bürgerschaftlichem Engagement sollten wir nicht die Grundlagen unserer parlamentarischen Demokratie in Zweifel ziehen. Die bewährten Regeln und Mechanismen der Entscheidungsfindung in unserem demokratischen Gemeinwesen sind schließlich auch ein Eckpfeiler unseres Rechtsstaates. Ich appelliere an die Gegner des Projekts, diesen Umstand nicht aus den Augen zu verlieren.“

Einfach sympathisch, dieser Mann. Er gehört übrigens zum Kuratorium dieses Interessenverbandes für Demokratie von oben. Er zitiert sich also praktisch selbst, ein verbales perpetuum mobile, mit dem man schnell maximale Wirkung erzielt.

Wenn Sie noch 32 Minuten Ihres Lebens verschwenden möchten oder einen tieferen Einblick in die hanseatische Kaufmannshaltung eines Menschen haben wollen, der gern alles im Griff hat hätte und das in seinem Kommunikationsstil in aller Bescheidenheit demonstriert, klicken Sie hier oder suchen Sie Rüdiger Grube in SWR1 Leute. Dieselben Sprechblasen werden Sie morgen aller Voraussicht nach im Wirtschaftswoche-Interview lesen, sofern der Vorbericht nicht schon die ganze kümmerliche Substanz war. Es ist schon eine große Kunst, mit Zahlen und Floskeln zu verwirren und als einziger zu wissen, was in den Büchern steht. Einen derart talentierten Bahnchef hatten wir noch nie.

3 Kommentare

  • 1
    herr stoltenhoff:

    wenn »hanseatische kaufmannshaltung«, wie sie sich herr grube so liebenswert selbst attestiert und maultaschen-connection aufeinandertreffen, so kann einfach nichts gutes herauskommen. ausser eben ein produkt, bzw. eine marke, von der eine »elite« einiger alter männer profitieren wird. ein klassiker der weltgeschichte nun auch in der stuttgarter stadtmitte. sehr schön.
    das besonders traurige an der ganzen angelegenheit ist nur, daß sich offenbar auch einige bürger finden, die sich für das vorhaben einsetzen. es ist beinahe rührend, wie sie sich in den dienst einer sache stellen, von der letzten endes auch sie nie profitieren werden. vergnügte ferkelchen, die auf die schlachtbank hoppeln, weil schnitzel gerade en vogue sind und widerstand sich einfach nicht gehört.

  • 2
    Peter Steinbrueck:

    Man google ‚richard rebmann‘, poste die Treffer in Kommentaren zu StZ-Artikeln und sehe zu, wie diese Kommentare zensiert werden.

  • 3
    Lukas Iffländer:

    kurz zu Atom: es war von Anfang an klar das mit schwarz-gelb eine Atomverlaengerung kommt, sie wurden von ueber 50% der Waehler gewaehlt, es kann folglich nicht eine Mehrheit dagegen sein (Nichtwaehler mal rausgenommen, die haben durch das Nichtwaehlen aber der Politik ein macht-was-ihr-wollt zu verstehen gegeben und duerften sich folglich nicht beschweren).

    Irgendwie kapieren viele nicht, dass man Politiker vor der Entscheidung legitemiert. Ist bei S21 ja effektiv auch so. Jetzt wo es laeuft wird von Abwahl geredet, das Projekt wird seit ueber 10 Jahren geplant, das waeren Minimum je zwei Gelegenheiten gewesen den Stadtrat und/oder die Landesregierung abzusetzen, aber nein, man wartet bis der Karren gegen die Wand faehrt (zu mindest aus Sicht der Gegner) und daran zerschellt. Wenn man mehrmals in Folge wiedergewaehlt wird sieht man das ja als Bestaetigung an.

    Vllt sollten hier viele Aktivisten mal nachdenken und im Vorraus etwas tun.

    Bevor mich jetzt jemand fuer einen S21 Befuerworter haellt, ich bin weder fuer S21 so wie geplant noch fuer K21 (bei letzterem ist die Kostenschaetzung und damit das Hauptargument einfach laecherlich). Am besten waere ein erweitertes S21 mit 12 Gleisen und evtl. zusaetzlichen Gleisen auf den Zufahrtswegen, aber das ist jetzt eine andere Geschichte.

    Mir ging es blos mal um das Demokratieverstaendnis im Allgemeinen.

    MFG
    ein Waehler 😉

 
Get Adobe Flash player

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen